Ärzte Zeitung, 09.11.2015

Hausarzt Stefan Spieren

Eine Sprechstunde für Flüchtlinge

Die Behandlung von Flüchtlingen ist immer noch eine große logistische Herausforderung. Um Wartezeiten zu verkürzen, bietet Hausarzt Stefan Spieren eine spezielle Sprechstunde für Flüchtlinge an. Mit großem Erfolg.

Von Anne-Christin Gröger

Eine Sprechstunde für Flüchtlinge

Hausarzt Stefan Spieren bei der Arbeit. Grippale Infekte sind derzeit an der Tagesordnung.

© Miriam Hubmayer

HÜNSBORN. Am häufigsten klagen Flüchtlinge über Gelenk- und Rückenbeschwerden, wenn sie zu Stefan Spieren in die Praxis kommen. "Erst wusste ich nicht, wieso - aber dann ist mir klar geworden: Die Leute mussten wochenlang Kinder und schweres Gepäck gleichzeitig auf den Armen tragen, um nach Deutschland zu kommen, da sind Rückenschmerzen vorprogrammiert." Außerdem sind derzeit grippale Infekte an der Tagesordnung, es ist Herbst.

Seit rund fünf Wochen bietet Hausarzt Spieren gemeinsam mit seiner Frau Julia einmal die Woche eine Flüchtlingssprechstunde in seiner Praxis in Hünsborn im Kreis Olpe an. Dann können sich Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten untersuchen und Medikamente verschreiben lassen.

Spieren hat vor einiger Zeit die Hausarztpraxis seines Vaters übernommen (wir berichteten). Seine Frau ist eigentlich Notärztin in Olpe, hilft aber jetzt häufiger in der Praxis mit. In dem kleinen Ort mit 3500 Einwohnern sind seit einiger Zeit rund 40 Flüchtlinge untergebracht, 40 weitere sollen folgen.

Patienten brauchen "grünen Zettel"

Anfangs sah Spieren, dass mehrmals die Woche der Notarzt vor der nur wenige hundert Meter entfernten Flüchtlingsunterkunft stand. "Die meisten Flüchtlinge kennen das deutsche Gesundheitssystem nicht und rufen den Krankenwagen, wenn etwas ist." Das wollte er ändern.

Der Allgemeinmediziner wollte den Menschen klar machen, dass sie bei Beschwerden auch zum Hausarzt gehen können. Wichtiger Ansprechpartner dafür waren die Ehrenamtlichen im Ort. "Über sie können die Flüchtlinge erfahren, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert, dass es so etwas wie einen Hausarzt gibt und dass sie bei Beschwerden nicht sofort ins Krankenhaus müssen."

Die Ehrenamtlichen kümmerten sich auch darum, dass die Patienten die so genannten "grünen Zettel" von der Gemeinde erhalten, damit Spieren ihnen Medikamente verschreiben kann. Als die Flüchtlinge von dem Angebot erfuhren, kamen sie zunächst in die reguläre Sprechstunde.

Entlastung der regulären Sprechstunde

"Weil ich von jedem erst einmal die Vorgeschichte inklusive Krankengeschichte erfahren wollte, dauerte die Behandlung viel länger. Die anderen Patienten mussten warten." Dazu kam die Zeit, die die Übersetzung des Gesprächs in Anspruch nahm.

Deswegen entschieden der Allgemeinmediziner und seine Frau, montags zwischen 13 und 15 Uhr eine gesonderte Sprechstunde anzubieten, für die sie Übersetzer organisieren. Oft wollen die Menschen einfach nur von ihren traumatischen Erlebnissen berichten. "In der Flüchtlingssprechstunde habe ich Zeit dafür, und die reguläre Sprechzeit wird entlastet."

Durchschnittlich plant Spieren pro Sprechstunde zwischen zehn und zwanzig Termine ein. "Es kommen aber meistens mehr Leute, weil die Patienten oft noch Familienangehörige oder Bekannte mitbringen."

Über sein Patientennetzwerk konnte Spieren Übersetzer für die verschiedenen Sprachen organisieren. Derzeit kann er auf vier oder fünf freiwillige Dolmetscher zurückgreifen, die arabisch oder die Sprachen des Balkans sprechen.

So verläuft die Behandlung viel leichter. Auch dass ihm seine Frau Julia hilft, ist eine große Erleichterung. Denn: "Viele Frauen wollen wegen ihres kulturellen Hintergrundes nicht von einem Mann untersucht werden".

Keine Angst mehr vor "dem Doktor"

Spieren bemängelt, dass die medizinische Versorgung jenseits der Erstaufnahmelager noch nicht ausreichend geregelt ist. "Flüchtlinge werden vor der Verteilung in die eigentlichen Unterkünfte erstuntersucht, aber keiner macht sich Gedanken, wie es danach weitergeht". Niedergelassene können und müssen seiner Ansicht nach die weitere Versorgung übernehmen.

Eine der größten Herausforderungen bei seiner neuen Aufgabe ist es, den Menschen die Angst vor der Behandlung zu nehmen. "Viele erinnert die Anmeldung in der Praxis an die Anmeldung bei einer Behörde, das ist ihnen unangenehm", weiß Spieren.

Erst nach und nach wird ihnen klar, dass danach das persönliche Gespräch mit dem Arzt und die Untersuchung folgen. "Außerdem spricht sich unser Angebot unter den Flüchtlingen herum, und die Menschen wissen dann Bescheid."

Am schönsten sei es für ihn, wenn Kinder ihn auf der Straße wiedererkennen und ihm zuwinken, weil sie keine Angst mehr vor "dem Doktor" haben.

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