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Modul: Eine migrationsmedizinische Herausforderung? Die ambulante Versorgung Geflüchteter

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Ärzte Zeitung, 02.12.2015

Flüchtlinge

Infektiologen bieten Hilfe an

Angesichts des starken Zustroms von Flüchtlingen ist eine enge Kooperation von Gesundheitsämtern und Infektiologen notwendig. Dabei sollten auch Abweichungen von den gesetzlichen Regelungen möglich sein - vor allem, wenn Public-Health-relevante Infektionen auftreten.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Deutschland erlebt seit dem Sommer einen in diesem Ausmaß nicht erwarteten Zustrom an Flüchtlingen aus den Krisenregionen des Nahen Osten und Afrikas. Insgesamt werden für dieses Jahr etwa eine Million Asylbewerber prognostiziert.

Das stellt auch die medizinische Versorgung vor völlig neue Herausforderungen. Dringend müssen deshalb auch Konzepte zur rechtzeitigen Diagnose und für eine angemessene Versorgung von Infektionskrankheiten bei Flüchtlingen entwickelt werden, fordert die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung von HIV-Infizierten (dagnä) in einer Stellungnahme zur Versorgung von Infektionskrankheiten bei Flüchtlingen.

Besondere Risikolage

Das Robert Koch-Institut habe bereits auf die erhöhte Bedeutung von Infektionskrankheiten hingewiesen. Diese dominierten in vielen Ursprungsregionen der Asylbewerber das Krankheitsgeschehen. Genannt werden HIV, Hepatitis-Erkrankungen und Tuberkulose.

Hinzukommen akut behandlungsbedürftige Infektionen wie Malaria, Meningitis, Fleckfieber sowie erregerbedingte Durchfallerkrankungen, deren Inzidenz und Prävalenz in der deutschen Bevölkerung geringer seien.

Die meist ehrenamtlich in der Erstaufnahme oder Versorgung von Flüchtlingen tätigen Ärzte können nach Einschätzung der dagnä die Indikationsstellung eher akut behandlungsbedürftiger Infektionskrankheiten nicht zeitnah gewährleisten.

Bürokratische Hindernisse könnten die Zusammenarbeit für die zeitnahe Diagnose und angemessene Versorgung von Flüchtlingen mit Infektionskrankheiten verzögern. Das begünstige eine Weiterverbreitung von Infektionen.

Flickenteppich in der Versorgung

Die Versorgung von Flüchtlingen mit Infektionskrankheiten sei gegenwärtig im besten Fall ein regionaler Flickenteppich. Es müsse das Ziel sein, Betroffene und Menschen im Umfeld bestmöglich zu schützen. Aus Sicht der HIV-Ärzte und der ambulant tätigen Infektiologen seien dazu drei Schritte geeignet:

- Die Erstversorgung sollte über die regionalen Gesundheitsämter erfolgen, einschließlich der Durchführung von Untersuchungen zum Ausschluss von Infektionskrankheiten, zum Beispiel auf HIV, Virushepatitiden und Tuberkulose. Notwendig seien ferner Schutzimpfungen, insbesondere gegen Influenza.

- Auch bei Verdachtsdiagnosen müsse bei akut behandlungsbedürftigen Infektionskrankheiten eine Klärung und gegebenenfalls Behandlung durch einen Infektiologen erfolgen. Bei Public Health-relevanten Infektionen müssten Abweichungen von den restriktiven Regelungen des Asylbewerberleistungsgesetzes möglich sein. Die Einbeziehung eines Infektiologen sei bei unklaren Symptomen zunächst auch konsiliarisch möglich. Organisatorisch sollten Sprechstunden in Kooperation mit den Gesundheitsämtern erfolgen.

- Nicht zuletzt für die notwendige verordnungsgemäße Einnahme von Medikamenten und Adhärenz sowie für die Durchführung von Hygienemaßnahmen erweisen sich mangelnde Dolmetscherleistungen in der Sprechstunde als ernstes Problem. Eine Kostenübernahme könnte Abhilfe schaffen, das erfordere allerdings eine Korrektur des Asylbewerberleistungsgesetzes. Dies gelte ebenso für die dringend notwendige Anwesenheit eines Vormundes bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit Infektionskrankheiten.

Die in der dagnä organisierten niedergelassenen HIV-Schwerpunktärzte und ambulant tätigen Infektiologen sehen sich als Spezialisten für die Behandlung von Patienten mit Infektionskrankheiten, aber auch zur Organisation von Prävention.

Dabei befinde sich die dagnä in Abstimmung mit den zuständigen Fachgesellschaften, der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und der Deutschen Aids-Gesellschaft. In Abhängigkeit von den jeweiligen Strukturen könnten Versorgungsverbesserungen, zum Beispiel über Kooperationen und Nutzung infektiologischer Expertise, in Modellprojekten vorangetrieben werden.

[04.12.2015, 22:08:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Immer wieder irritierend - "Schießen Sie bitte nicht auf den Pianisten"!
Er spielt und interpretiert, aber komponiert hat es ein Anderer. ÄZ-Autor Helmut Laschet hat doch nur journalistisch korrekt b e r i c h t e t, was die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung von HIV-Infizierten (dagnä) in einer Stellungnahme zur Versorgung von Infektionskrankheiten bei Flüchtlingen fordert. An diese müssten Sie sich mit Ihrer Kritik richten, Frau Kollegin Naumann!

Es ist doch nicht der ausgewiesene Medizin-Journalist Helmut Laschet, der fordert: "Die Erstversorgung sollte über die regionalen Gesundheitsämter erfolgen, einschließlich der Durchführung von Untersuchungen zum Ausschluss von Infektionskrankheiten, zum Beispiel auf HIV, Virushepatitiden und Tuberkulose", sondern diese AG.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. St. Moritz/CH)  zum Beitrag »
[03.12.2015, 22:00:24]
Dr. Bettina A. Naumann 
Vollkommen unrealistische Forderung
Die Forderung des Autors, die "Erstversorgung" der Flüchtlinge durch die Gesundheitsämter erfolgen zu lassen, zeugt von vollkommener Unkenntnis der Aufgaben und personellen Ausstattung des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Deutschland. Bundesweit gibt es noch ca. 1400 Ärzte an 420 Gesundheitsämtern!!!
Nur allein die ambulante HAUSÄRZTLICHE Versorgung unserer Bevölkerung wird in der GKV über gut 62.000 niedergelassene Haus- und Kinderärzte abgesichert! Wie soll bitteschön, Herr Leschat, eine Erstuntersuchung für 1 Mio erwartete Flüchtlinge in diesem Jahr neben allen anderen Pflichtaufgaben in den Gesundheitsämtern vom ÖGD geleistet werden?

Die Versorgung/Überweisung akuter Infektionserkrankungen ist -entgegegn Ihrer Ansicht- durch nahezu alle in die Erstuntersuchung eingebundenen Ärzte gewährleistet und nach Asylbewerberleistungsgesetz sehr wohl abgesichert. Und stellen Sie sich vor, bei Bedarf wird in jedem einzelnen Fall auch ein Infektiologe, ggf. sogar das R.-Koch-Institut zu Rate gezogen. Ich kenne auch keine bürokratische Hürde für die Versorgung akuter Erkrankungen oder Schmerzzustände bei Asylbewerbern - in meinem Lankreis befindet sich seit viielen Jahren die Erstaufnahmestelle. Meiner Erfahrung nach liegt die Hürde in der Infektionsvermeidung, zuallererst in einem vollkommen unbegrenztem / unergistriertem Zustrom von Asylbewerbern, die unregistriert natürlich auch nicht untersucht werden können!

 zum Beitrag »
[02.12.2015, 22:53:03]
Dr. Horst Grünwoldt 
Public Health
Für das Öffentliche Gesundheitswesen sollten eigentlich unsere Amtsärzte zuständig sein; insbesondere auch für epidemiologische Fragen!
Dass sie im Bedarfsfalle auch praktizierende Ärzte zur Bewältigung amtlicher Aufgaben hinzuziehen können, sollte selbstverständlich sein.
Das ist jedenfalls im Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Krisenfall so üblich.
Bei der bisher unkontrollierten Immigration von Völkerscharen aus Afrika und dem Orient, und den damit verbundenen Gesundheitsfragen, müßten wohl die Gesundheitsämter und ihre Mitarbeiter im öffentlichen Auftrag und Interesse in vorderster Front des Seuchenschutzes stehen!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[02.12.2015, 08:58:13]
Ingrid Gasber 
Allein, mir fehlt der Glaube
Dann schauen Sie sich doch mal die Personalsituation in den Gesundheitsämtern an. Ich schaffe seit 36 Jahren in einem solchen.
Wenn's brenzlig wird, dann erinnert man sich gerne an diese Institution. Ansonsten führen wir ein Schattendasein. zum Beitrag »

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