Ärzte Zeitung, 07.01.2016

Notfallseelsorge

Ein bisschen Sicherheit für Flüchtlinge

Nach Monaten auf der Flucht kommen sie hungrig, durchgefroren und erschöpft in den Notunterkünften an. Notfallseelsorger sind für Flüchtlinge dann oft erste Ansprechpartner - noch vor der offiziellen Erstuntersuchung.

Von Marleen Heuer und Jana Kötter

PASSAU. Zayid hat viele Fragen. Über Deutschland weiß er kaum etwas. Und was die nächsten Stunden bringen, weiß er auch nicht. Verunsichert wartet der 30-Jährige mit seiner Familie im Versorgungszelt am Passauer Bahnhof auf den Bus der Bundespolizei.

Auf der wochenlangen Flucht aus dem Irak über die Balkanroute ging es immer irgendwie weiter - Richtung Deutschland. Endlich angekommen weiß er nicht, wie lange sie noch warten müssen, wohin sie gebracht werden - und was dann passiert.

"Als Notfallseelsorger geben wir grundsätzliche Informationen an die Flüchtlinge weiter und geben ihnen damit ein bisschen Sicherheit", sagt Sonja Sibbor-Heißmann. Das fange schon da an, dass viele Flüchtlinge gar nicht wissen, in welcher Stadt sie sind, erzählt sie.

Die evangelische Pfarrerin darf im Gegensatz zu den anderen ehrenamtlichen Helfern hinter die Absperrung, die den Wartebereich der Flüchtlinge von der Essensausgabe trennt.

Ohne die Barriere zwischen ihnen trauen sich mehr Flüchtlinge, die Seelsorgerin in der neongelben Weste anzusprechen. Viele sprechen Englisch, manchmal helfen Dolmetscher oder Familienangehörige beim Übersetzen.

Auch für Zayid und seine Familie nimmt sich die ehrenamtliche Notfallseelsorgerin Zeit. Sie wollen vor allem wissen, wie es für sie in Deutschland weiter geht und ob die 14-jährige Tochter zur Schule gehen darf.

In die Tiefe gehen die Gespräche selten. "Psychologische Hilfe ist gar nicht möglich. Die Menschen sind ja nur ein paar Stunden hier", sagt Sibbor-Heißmann.

Das ist für die Notfallseelsorger neu, denn sie stehen sonst Angehörigen bei Todesfällen oder Unfällen bei. Doch für die 41-jährige Pfarrerin gibt es trotzdem Parallelen: "Wenn jemand betroffen ist, will er informiert werden. Deshalb hat die Seelsorge bei den Flüchtlingen viel mit der Notfallseelsorge zu tun."

Auf Seelsorge folgt Screening

Für die Eingangsuntersuchung in den Erstaufnahmeeinrichtungen der verschiedenen Länder ist dann der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) zuständig.

Doch der ÖGD kümmert sich - so sieht es seine originäre Aufgabe vor - weniger um die Gesundheit des Einzelnen als um die Gesundheit der Gesamtbevölkerung.

So geht es in den Tagen nach dem ersten Gespräch mit Sibbor-Heißmann dann mehr um das Screening auf Infektionen und weniger um die individuelle psychologische Betreuung.

Dabei stehen psychologische Probleme bei den meisten Flüchtlingen nicht einmal im Vordergrund, wenn sie in Deutschland ankommen.

"Die haben die Hölle hinter sich. Was sie brauchen ist Essen, Schlaf und jemand, der sie an die Hand nimmt und ihnen bei der Integration hilft", sagt Wolfgang Schreiber. Er ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Mainkofen.

Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer leidet jeder zweite Flüchtling an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression.

Viele haben Gewalt erlebt

Die meisten der Erwachsenen haben Gewalt gegenüber anderen miterlebt, über die Hälfte haben Leichen gesehen und wurden selbst Opfer von Gewalt. 43 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge wurden gefoltert.

Die Probleme würden aber erst nach zwei bis drei Jahren auftreten, sagt Schreiber. Dann seien die Psychologen und Psychiater gefragt.

Im Versorgungszelt kommt Sibbor-Heißmann am einfachsten über die Kinder mit den Eltern ins Gespräch. Einmal schenkte sie einem kleinen Mädchen einen Luftballon und spielte mit ihr.

Daraufhin erzählte der Vater, dass die Mutter erschossen worden war und sie zu zweit geflohen seien.

Für die ehrenamtliche Seelsorgerin zählt bei solchen Geschichten nur eins: "Vorschneller Trost oder Sätze aus dem Lehrbuch helfen dann nicht. Man muss ihnen zeigen, dass sie weiterreden dürfen und ihnen Mut für die Zukunft machen." (mit Material von dpa)

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