Ärzte Zeitung, 25.04.2016

Flüchtlingsfrauen

Besondere Sensibilität ist wichtig

Viele Frauen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Ein Mindestmaß an Traumakompetenz kann im Praxisalltag helfen.

Von Christina Maria Bauer

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Eine Frau mit Kind und Kinderwagen im Innenhof einer Flüchtlingsunterkunft in Freiburg. Viele der Frauen, die es nachlanger Flucht nach Deutschland geschafft haben, sind mehrfach traumatisiert.

© dpa

NEU-ISENBURG. Werden Flüchtlingsfrauen mit verschiedenen Krankheitsbildern in der Praxis vorstellig, so können sich beim Arzt durchaus Fragen auftun - auch, wenn es um den zwischenmenschlichen Umgang miteinander geht.

Gabriele Heyers, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, empfiehlt Ärzten aller Fachrichtungen daher ein Mindestmaß an Traumakompetenz.

Gerade wenn Frauen Gewalterfahrungen machen mussten, müsse Vertrauen an erster Stelle stehen. "Es ist wichtig, dass ganz klar ist, was geschieht", so Heyers. "Der Arzt muss sich darüber bewusst sein, welche Rolle er als Helfer einnimmt, und was er tut, damit ein Gefühl von Sicherheit entstehen kann."

 Heyers arbeitet seit 20 Jahren in eigener Praxis in Gilching mit Traumapatientinnen, unter anderem vom Balkan und aus Tschetschenien. Zudem leitet sie das von ihr 2005 mitgegründete Trauma Hilfe Zentrum München (THZM).

Empathische Kommunikation wichtig

Sie weist auf die Wichtigkeit einer freundlichen, empathischen Kommunikation hin, die vermittelt, dass etwas für die Frau getan wird, nicht mit ihr.

Dazu, so Heyers, sollte auch die nonverbale Kommunikation einbezogen werden. "Mediziner sollten immer darauf achten, wie ihr Handeln auf ihr Gegenüber wirkt. Wenn etwas Stress auslöst, sollten sie nachfragen."

Gerade männliche Kollegen sollten mit der Behandlung von Frauen behutsam umgehen, auf mögliche Stressreaktionen wie Abwehr, Zittern, Unruhe, Zurückweichen oder Erstarren achten.

Zum einen wegen einer möglichen Traumatisierung durch Männer - hinzukomme aber meist eine kulturelle Sozialisation, die den Körperkontakt zwischen Frauen und Männern grundsätzlich einschränke.

Absolut kontraproduktiv sei indes das "Ausfragen" von Patientinnen nach traumatischen Erfahrungen. "Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir nicht zu neugierig sein sollten auf die Geschichte der Menschen.

Es ist nicht wichtig, dass wir wissen, was sie alles erlebt haben. Wichtig ist, dass sie jetzt da sind, und das, was sie jetzt brauchen." Oft helfe das Sprechen über das erlebte Leid nicht, könne im Gegenteil zu einer Retraumatisierung führen.

Symptome oft noch 20 Jahre später

Nach Schätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks sind mindestens die Hälfte der Flüchtlinge weltweit Frauen. Sie haben meist extreme, oft traumatisierende Belastungen hinter sich.

Bei ihnen kommen zu Kriegsangriffen, Gewalt, Zerstörung der Lebensumgebung und Verlust von Freunden und Angehörigen oft sexuelle Gewalt, Zwangsverheiratung, Zwangsprostitution oder Genitalverstümmelung hinzu.

Die Folgen sind oft langandauernd: Ergebnissen von medica mondiale und Medica Zenica aus dem Jahr 2015 zufolge hat über die Hälfte der von sexueller Kriegsgewalt in Bosnien und Herzegowina betroffenen Frauen noch heute, nach mehr als 20 Jahren, posttraumatische Symptome wie Angst und Schlafstörungen.

"Es wäre gut, wenn Kollegen eine kleine Grundausbildung in Psychotraumatologie machen würden", fordert Heyers daher. "Dann können sie besser verstehen, was mit traumatisierten Menschen los ist, und bekommen sozusagen etwas Handwerkszeug, wie sie mit ihnen umgehen können."

Bedarfsorientierte Fortbildungen gibt es zum Beispiel am THZM, wo unter anderem schon ein Workshop für Gynäkologinnen stattfand, oder bei den Beratungszentren von refugio.

Allzu aufwändig müssen diese gar nicht sein, so Heyers. "Selbst eine Fortbildung von einem halben Tag kann schon viel bringen."

Die Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) hat darüber hinaus eine neue Broschüre "Flüchtlinge in unserer Praxis" veröffentlicht: Sie gibt einen Überblick zum Thema Traumatisierung und zu aktuellen Rahmenbedingungen der Behandlung.

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