Ärzte Zeitung, 05.08.2016

Flüchtlinge

Ärzte im Ehrenamt brauchen gute Koordination

Laut einer Bertelsmann-Studie professionalisiert sich derzeit die freiwillige Flüchtlingshilfe. Wer dort als Arzt ehrenamtlich tätig ist, brauche eine gute Infrastruktur und Koordination, sagt Dr. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer.

Von Susanne Werner

Ärzte im Ehrenamt brauchen gute Koordination

Der Lübercker Arzt Alexander Humberg untersucht einen Flüchtling aus dem Irak. Funktionierende Strukturen erleichtern Ärzten und anderen Helfern erheblich die ehrenamtlichen Einsätze.

© Rehder / dpa

BERLIN. "Die Koordination einer Notversorgung ist Chefsache. Sie muss professionell gesteuert werden, damit die Ärzte, die sich freiwillig engagieren, den Rücken frei haben", sagt Dr. Günther Jonitz. Mit dieser Überzeugung kommt der Präsident der Berliner Ärztekammer zu einem ähnlichen Schluss wie eine aktuelleStudie der Bertelsmann-Stiftung.

Forscher des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) haben dafür die Helferstrukturen der freiwilligen Flüchtlingshilfe in 17 Kommunen untersucht. Demnach müssen die Akteure in der Flüchtlingshilfe gut koordiniert werden, damit die Arbeit vor Ort funktioniert.

Die Steuerung könne – je nach Größe der Kommune – durch einzelne Menschen auf ehrenamtlicher Basis, über ein Netzwerk von mehreren Aktiven oder über eine zentrale Stelle in der Kommunalverwaltung erfolgen.

Viele Ärzte melden sich als Ehrenamtliche

Kammerpräsident Jonitz kann auf einige Erfahrung in der Koordination der Flüchtlingshilfe zurückblicken. Schließlich hatte die wachsende Zahl an Schutzsuchenden im vorigen Sommer auch die Ärzteschaft alarmiert. Innerhalb von wenigen Tagen hatten sich allein in Berlin 800 Ärzte gemeldet, um bei der Aufnahme und in den Notunterkünften ehrenamtlich tätig zu werden.

Die Ärztekammer erstellte entsprechende Listen mit den Haus- und Fachärzten und übersandte sie an die Betreiber der Unterkünfte. Auch wurde eine Hotline eingerichtet, um eine schnelle medizinische Beratung zu sichern. "Wir Ärzte haben den gesellschaftlichen Auftrag Menschen, die in Not sind, medizinisch zu behandeln", sagt Jonitz.

Er selbst sei auf unterschiedlichen Ebenen aktiv gewesen und habe über seine Kontakte "Brücken zwischen den verschiedenen Gremien" gebaut. "Ich habe mit vielen Aktiven geredet – mit dem Rettungssanitäter in der Notunterkunft ebenso wie auch mit dem Senator", sagt er.

Sein Ziel war es, den Einsatz der ehrenamtlich-tätigen Ärzte bestmöglichst zu organisieren. Laut Jonitz braucht es dazu vor allem einen geschützten Raum für die Behandlung sowie eine Grundausstattung an Medikamenten. Zudem müsse oft auch für die Zuarbeit von anderen Professionellen wie beispielsweise von Pflegekräften gesorgt werden.

Gesprächskreise: Ehrenamtlich Tätige müssen sich austauschen

Professor Andreas Heinz, am BIM zuständig für den Bereich "Migration und Gesundheit", geht noch weiter und ergänzt: "Wie andere Engagierte brauchen auch ehrenamtlich-tätige Ärzte entsprechende Gesprächskreise, wie etwa Qualitätszirkel, um sich auszutauschen oder in schwierigen Fragen zu beraten."

Die aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung legt nahe, dass sich die ehrenamtlichen Helfer weiter professionalisieren werden. Viele Initiativen seien gerade dabei, entsprechende Vereine zu gründen. Für die Zukunft sei es jedoch entscheidend, wie das Zusammenspiel zwischen den freiwillig Engagierten und den hauptamtlichen Mitarbeitern in der Kommunalverwaltung funktioniere.

"Die Verwaltung hat hier die zentrale Verantwortung", sagt Alexander Koop, Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung. In Praxis würden jedoch unterschiedliche Herangehensweisen aufeinander treffen. Während Verwaltungsmitarbeiter ihre Aufgaben eher nach und nach abarbeiten wollen, setzen freiwillig Engagierte gerne auch auf spontan entwickelte Lösungswege.

Langfristig gelte es daher neue Wege zu finden, um das Engagement vor Ort koordinieren zu können sowie die Autonomie und die Mitsprache der Ehrenamtlichen und der Geflüchteten zu achten.

Kammerpräsident Jonitz kann da nur zustimmen. Nötig sei, ein vernetztes Zusammenarbeiten der Akteure zu ermöglichen. In Berlin habe man dies über den "Runden Tisch" zur Flüchtlingshilfe gelöst. Rund 50 Verantwortliche aus unterschiedlichen Einrichtungen würden daran teilnehmen.

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