Ärzte Zeitung, 08.03.2012

Gesundheitspolitik: Frauen im Haifischbecken

Harter Job - Frauen in der Gesundheitspolitik

Sie sind auf dem Vormarsch, sagen die einen. Frauen in der Gesundheitspolitik werden zurückgedrängt, sagen die andern. Denn dieses Politikfeld sei von wirtschaftlichen Interessen geprägt. Und die sind Männersache.

Von Sunna Gieseke

Frauen in der Gesundheitspolitik

Ministerinnen Schmidt und Lehr, Staatssekretärinnen Widmann-Mauz und Flach, Gesundheitspolitikerinnen Reimann, Bender und Bunge.

© [M] dpa, privat, imago (2), Bundestag, Ossenbrink, Linke

BERLIN. Bonn, im Jahr 1988: Professor Ursula Lehr hat eine große Chance für eine politische Karriere, aber sie sagt zunächst ab.

Nein, sie will nicht Gesundheitsministerin werden. Dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) gelingt es dann aber doch, die heute 81-Jährige zu überreden.

"Jetzt haben Sie die Chance, etwas für ältere Menschen zu tun", habe er ihr erklärt, erinnert sich Lehr.

Die Versorgung alter Menschen verbessern - das war für die Altersforscherin eine Herzensangelegenheit. Sie ließ sich überzeugen und übernahm von 1988 bis 1991 das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit.

"Es war nicht einfach, als Seiteneinsteigerin gleich Ministerin zu werden", sagt sie rückblickend. Ihr habe ein Netzwerk gefehlt und sie habe zunächst wenig Rückhalt gehabt.

Immerhin: Hürden als Frau habe sie in der Politik nie gespürt. Ganz anders sei das in ihrer Universitätskarriere gewesen: "Das Gremium, das mich bei meiner Habilitation bewertet hat, hat mir damals sehr wohl Steine in den Weg geworfen", so Lehr.

Gesundheitsminister - ein "typisches" Frauenamt

Schließlich sei sie 1968 die erste Frau gewesen, die sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert hat. Frauen, die eine Universitätslaufbahn anstreben, hätten es heute etwas leichter.

Inzwischen sind 70 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums Frauen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat diese Entwicklung bei einem Empfang der Ärzteschaft im Januar aufgegriffen.

Zu den anwesenden - vornehmlich älteren männlichen - Ärztefunktionären sagte er: "Wenn ich von hier aus in die Reihen schaue, dann weiß ich, dass Sie nicht repräsentativ für die zukünftigen Mediziner sind."

Bahr bekleidet selbst ein Amt, das in der Vergangenheit oft mit Frauen besetzt war: Zehn der insgesamt vierzehn Gesundheitsminister waren in der Vergangenheit Frauen. CDU-Politikerin Elisabeth Schwarzhaupt (1901 bis 1986) machte 1961 den Anfang.

Heute gibt es mit Annette Widmann-Mauz (CDU) und Ulrike Flach (FDP) gleich zwei Staatssekretärinnen. Von den sechzehn Gesundheitsminister und -senatoren der Länder sind elf Frauen.

Allerdings zeichnete sich zuletzt eine Trendwende ab: Mit Bahr und Vorgänger, Philipp Rösler (FDP) sind Männer an die Spitze des Ministeriums gerückt.

Frauen im Haifischbecken

Für die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion der Linken im Bundestag, Martina Bunge, markiert das eine Trendwende. "Gesundheit galt lange Zeit in der Politik gerne als Gedöns", sagt sie.

Zusammen mit anderen sozialen Themen wie zum Beispiel Familienpolitik, habe man dort Frauen eher schon mal einen Ministerinnenposten zukommen lassen. "Dies hat sich geändert", sagt Bunge.

Bei Gesundheit stehe insbesondere mit der aktuellen Regierung nicht das Soziale, sondern die enorme wirtschaftliche Bedeutung im Vordergrund. "Daraus folgt, dass dieses Thema nun droht, auch in der Politik wieder männerdominiert zu werden", warnt sie.

Sind Frauen denn für dieses Haifischbecken überhaupt geeignet und können sie mit diesen Lobby-Gruppen umgehen? Diese Frage wurde einem Experten in einer Fernsehsendung gestellt, als SPD-Politikerin Ulla Schmidt 2001 zur Gesundheitsministerin ernannt wurde.

Schmidt sagt rückblickend über ihre Amtszeit: "Es ist immer so, dass Frauen besser sein müssen als Männer oder es schwerer haben, akzeptiert zu werden".

Ihre Bilanz sieht sie positiv: "Ich glaube, ich habe in meiner Amtszeit bewiesen, dass diese Befürchtungen überflüssig waren."

Zudem: Viele der Lobbygruppen hatten zwar zunächst gefeiert, als der auch in der Ärzteschaft heftig umstrittenen Politikerin Schmidt mit FDP-Mann Philipp Rösler ein Arzt im Amt folgte, doch der entsprach dann auch nicht den Erwartungen, eine aktive Klientelpolitik zu betreiben.

Die kritische Masse Frau

SPD-Politikerin Carola Reimann ist der Meinung, dass Frauen Gelegenheit erhalten müssen, zu zeigen, dass sie das mindestens genauso gut könnten wie die männlichen Kollegen. Durch eine Frauenquote sei es selbstverständlich geworden, dass es auch eine gewisse Anzahl an Frauen in der Politik gebe.

"Es braucht eine kritische Masse an Frauen. Die Vorkämpferinnen haben da eine ganz andere Situation vorgefunden", so Reimann. Die SPD führte die Quote 1988 ein, die Grünen bereits 1979. CDU, Linke und CSU folgten, die Quoten variieren jedoch stark.

Aus Sicht der Grünen-Politikerin Biggi Bender sind viele Probleme im Spannungsfeld Männer-Frauen inzwischen geklärt. Die älteren Ärztefunktionäre hätten sich erst einmal daran gewöhnen müssen, dass ihnen Frauen sagen, wo es lang gehe.

"Inzwischen ist das nicht mehr das Thema. Gesundheitspolitik ist fest in weiblicher Hand", so Bender.

Die parlamentarische Staatssekretärin Ulrike Flach (FDP) kann gerade im Gesundheitsbereich mit einem sehr hohen Frauenanteil nicht per se Hürden für Frauen erkennen.

"Erkennbar unterpräsentiert sind Frauen aber in Führungspositionen und bei den Gesundheitsfunktionären. Hier stehen die Fleischtöpfe und damit verbunden sind die üblichen Verteilungskämpfe, die oft zu Lasten der Frauen ausgehen", so Flach.

Frauen halten das System am Laufen

In diesem Punkt sind sich die Frauen über die Fraktionen hinweg einig: Es braucht mehr Frauen unter den Gesundheitsfunktionären. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Zu wenig Frauen in der Selbstverwaltung der Ärzteschaft bedeutet gleichzeitig, dass sich für Frauen in der Medizin nichts ändert", so Reimann.

Auch die Staatssekretärin Widmann-Mauz betont: "An der Basis sind unzählige fleißige Arbeiterinnen, zum Beispiel als Ärztinnen." Sie hielten das System am Laufen. "An die Spitze schaffen es in Relation dazu nur wenige", so Widmann-Mauz.

Vielleicht braucht es auch dort noch mehr Frauen die anecken - so wie Professor Ursula Lehr. Als sie während ihrer Amtszeit als Gesundheitsministerin eine Ausstellung über Kindergärten einweihte, hielt sie ihre Rede frei.

"Ich habe damals mein ganzes Ministerium damit frustriert, dass ich nicht die schön ausgearbeitete Rede gehalten habe", erzählt sie. Sie forderte in dieser Rede die Öffnung der Kindergärten für zweijährige Kinder - und löste damit eine Empörung in der gesamten Bevölkerung aus.

Einige hätten sogar ihren Rücktritt als Ministerin gefordert. Heute, sagt sie erfreut, sei es jedoch ganz normal, dass auch Zweijährige tagsüber in Kindergärten betreut werden.

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