Ärzte Zeitung, 22.12.2009

Reha soll künftig Vortritt vor Pflege haben

"Reha vor Pflege" macht Sinn. Bislang aber fehlen die Anreize dafür.

Von Thomas Hommel

Es sind nur zwei kurze Sätze im Koalitionsvertrag von Union und FDP. Doch sie beschreiben ein schon lange bekanntes, aber immer noch ungelöstes Problem im hiesigen Gesundheitssystem: Vielen Menschen könnte Pflegebedürftigkeit erspart bleiben, kämen sie früh genug in den Genuss von Rehabilitation. Was theoretisch jedem einleuchtet, passiert in der Praxis kaum oder gar nicht. Der Grund: Den gesetzlichen Krankenkassen fehlt schlichtweg der finanzielle Anreiz, Pflegebedürftigkeit durch gezielte und frühzeitige Rehamaßnahmen zu vermeiden oder zumindest auf die lange Bank zu schieben. Denn während die Pflegekassen untereinander mit einem vollen Finanzausgleich ausgestattet sind, stehen die Krankenkassen im harten Wettbewerb - Stichwort Zusatzbeitrag.

Nutznießer sind die Pflege-, nicht die Krankenkassen

Die Kassen würden - nach aktueller Lage - betriebswirtschaftlich wider ihre Interessen handeln, würden sie mehr in Leistungen zur Vermeidung von Pflege, sprich Reha, investieren. Nutznießer dieser Investitionen wäre die Pflege-, nicht die Krankenkasse.

Der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen hält daher eine Neuregelung des Finanzausgleichs zwischen gesetzlicher Kranken- und sozialer Pflegeversicherung für überfällig. "Wenn für die Krankenkassen die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit attraktiv gemacht würde, könnte die Lebensqualität von vielen Menschen verbessert und wertvolle Ressourcen sinnvoller verwendet werden", betont Wasem.

In einem Gutachten für den Bundesverband Deutscher Privatkliniken (BDPK) hat der Gesundheitsökonom Konzepte deshalb erarbeitet, mit denen der Finanzrahmen dergestalt geändert wird, "dass Krankenkassen einen finanziellen Profit davon haben, wenn durch Maßnahmen, die sie bezahlen, Pflegebedürftigkeit verhindert wird und damit Kosten in der Pflegeversicherung gespart werden". Das würde der Reha endlich Vortritt vor Pflege verschaffen, da nur noch die Kasse belohnt werde, die "Reha wirklich ernst nimmt", sagt Wasem.

Dass der Grundsatz "Reha vor Pflege" schon heute im Gesetz steht, ändert laut Wasem nichts daran, dass weiter Handlungsbedarf besteht. Die Praxis folge halt bekanntlich nicht immer den Gesetzen. Wasem: "Wenn Kassen von den vielen Dingen, die sie tun müssen, wählen können zwischen denen, die ihnen nützen und denen, die ihnen nicht nützen, dann lassen sie die Dinge sein, die ihnen nicht nützen."

Inhalt Jahresendausgabe 2009

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