Ärzte Zeitung, 22.12.2009

Minister Rösler ist gerüstet - jetzt kommen die schwarz-gelben Reformen

Nach 250 Jahren SPD-Planwirtschaft sind die öffentlichen Haushalte bankrott, viele Kliniken haben nicht einmal mehr eine vernünftige Knochensäge. Nun ist mit Philipp Rösler ausgerechnet ein Arzt angetreten, um die Besteckkästen im OP-Saal wieder zu füllen. Aber was genau plant der FDP-Minister? Die "Ärzte Zeitung" erklärt alphabetisch geordnet, was auf die Bürger zukommen wird.

Von Gregor Mothes

Apotheken: Um am Markt bestehen zu können, erschließen die Apotheken neue Geschäftsfelder. Während Filialen in sozialen Brennpunkten kostenlose Proben von Medikamenten, warmer Suppe und Kleiderspenden an die Kunden verteilen, kann man in anderen Geschäften auch teuren Schnickschnack erwerben, zum Beispiel Autos mit Rollstuhlsitzen oder Rollstühle mit Autoradio.

Basisversorgung: In den Arbeitsagenturen lassen sich so genannte Arbeitsagenturärzte nieder, die nach Sichtanamnese über Arbeitsfähigkeit, Gesundheit und Liquidität der Kunden entscheiden. Von der Diagnose des Mediziners hängt ab, wie hoch der Kunde auf der Sozialhilfekarriereleiter noch steigen oder wie tief er mit ihr sinken kann.

Chroniker-Regelung: Da die Kassen chronisch klamm sind, bleibt es bei der Regelung, dass sie nach Kassenlage Zusatzbeiträge von ihren Versicherten einstreichen dürfen. Ein kleiner Beitrag kann es schon sein, wenn man mal den Müll seines Beraters mit rausnimmt.

Evidenz: Ab 2010 wird die Evidenzpflicht eingeführt. Vor jedem Eingriff wird genau geprüft: Ist eine Behandlung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen mit den modernsten Mitteln der Medizin für den Patienten bezahlbar? Gibt es ein Netzwerk, das sich im Notfall für ihn verschulden würde? Und falls nein, gibt es vielleicht an seinem Schuldenberater irgendwas zu operieren?

Forschung: ist die beste Medizin! Wer sich teure Medikamente in Zukunft nicht mehr leisten kann, hat immer noch die Möglichkeit, zum Beispiel als Proband an Testreihen mit hochwirksamen Neuroleptika oder konzentrierter Röntgenstrahlung teilzunehmen.

Gesundheitsfonds: Wollte die FDP immer unbedingt abschaffen. Doch jetzt, wo es ihn einmal gibt, kann er vielleicht doch erhalten bleiben, Unter der Bedingung, dass Minister Rösler jederzeit etwas Geld für sich abheben kann (für seine Familie aber auch!)

Hilfsmittel: Rollstühle, Rollatoren und andere mechanische Unterstützungen werden aus dem Leistungskatalog der Kassen gestrichen, um wertvolles Geld einzusparen. Zuständig für solche Fahrzeuge und Gehhilfen ist künftig die nächste Fahrradwerkstatt, die kaputte Brille repariert mit etwas Glück noch der Glaser.

Klinik: Die Klinik bleibt auch im neuen Regierungsquartal das Zentrum der Akutmedizin. Bei akutem Geldmangel hilft allerdings nur noch der Gerichtsvollzieher.

Leber: Ein Organ, das in den nächsten vier Jahren viel Verantwortung übernehmen muss. Nicht nur Komasaufen, auch das Schöntrinken von Problemen, Gesundheitspolitik und Gesundheitspolitikern oder allem zusammen nimmt dramatisch zu. Nur Minister Rösler macht bei jedem Wetter und auch wenn er nüchtern ist eine gute Figur.

Medikamente: Die Zuzahlungsbefreiung wird zur Hälfte abgeschafft. Die Zuzahlung bleibt erhalten und wird durch die so genannte 100-Prozent-Eigenanteil-Regelung erweitert. Lästige Anträge und das Sammeln von Quittungen bleiben dem Patienten erspart, dem Arzt bleiben lästige Patienten erspart, die sich nur wegen irgendeiner Krankheit gleich Pillen verschreiben lassen wollen.

Nebenwirkungen der Gesundheitsreformen: Häufige Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Übelkeit, Darmreizungen, Mangelerscheinungen aller Art, schwere Depressionen. Selten: Euphorische Glücksgefühle. Sehr selten: Gewichtszunahme der Geldbörse.

Operationen: Vor Operationen wird immer eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung vorgenommen. Ein Risiko, dass der Eingriff nicht finanziert werden kann, soll völlig ausgeschlossen werden. (Siehe auch: Evidenz)

Privatpatienten: Die größtenteils jungen, agilen Privatzahler können die Einnahmeausfälle durch wegbleibende Kassenpatienten kaum kompensieren. Wochenlange Liegezeiten nach Leisten-Operation oder komplizierte Eingriffe am offenen Herzen bei Patienten, die über leichte Knieprobleme klagten, sind keine Seltenheit.

Qualitätsmanagement: Das QM hat sich auch im Gesundheitswesen flächendeckend durchgesetzt. Alle Einrichtungen arbeiten zu 100 Prozent nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Das oberste Ziel ist das Erreichen einer so gut wie keimfreien möglichst hohen Stückzahl an Bettenbelegungen bei maximaler Gewinnausschüttung. Einziges Problem: aufgrund der Wirtschaftslage stagniert die Stückzahl und die Gewinne sinken. Nur bei den Keimen kann eine stabile Vermehrungsrate festgestellt werden.

Rösler, Philipp: Ist eigentlich auch nur ein Arzt. Da er aber was für seine Altersvorsorge tun und schon immer ins Fernsehen wollte, wurde er Gesundheitsminister im neuen Kabinett. Er könnte der Sohn von Ulla Schmidt sein, startet aber durch wie der Bruder von Rambo. Er hat gute Chancen, als "Reform-Rösler" durchzugehen; dann muss man sich auch seinen Vornamen nicht merken.

Sozialausgleich: Soll das ungerechte System der einkommensabhängigen Beitragshöhe beenden, schließlich kann niemand etwas für seine 2 Millionen im Monat!

In Zukunft zahlt jeder ca. 150 Euro, egal ob Manager oder Müllfahrer. Die Regierung prüft aber, wie man Besserverdiener noch mehr entlasten kann, zum Beispiel durch zusätzliche Arbeitsplätze für Müllfahrer.

Wechselwirkungen: Der Wechsel im Gesundheitssystem zeigt bald Wirkungen: die Arztpraxen werden durch steigenden Eigenanteil enorm entlastet, manche können sogar ganz schließen, weil sich alle Privatpatienten bester Gesundheit erfreuen oder nicht zum Arzt trauen (siehe auch: Leisten-Operation).

Zukunft: Philipp "Reform" Rösler hat ein Ziel vor Augen, die vollständige Privatisierung des freien Marktes und für jeden nur die Krankheit, die er sich wünscht, vorausgesetzt, er kann sie auch bezahlen. Schon heute ist der Parkplatz mit der Aufschrift "Chefarzt" auf dem Klinikgelände ausschließlich dem Chefarzt vorbehalten. Den Rest dürfte der smarte Jüngling aus der FDP aber auch noch schaffen.

Inhalt Jahresendausgabe 2009

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