Ärzte Zeitung, 22.12.2010

Wo ist das Honorarplus geblieben?

Wo ist das Honorarplus geblieben?

Eine transparentere Vergütung für Ärzte hatte sich die Regierung auf die Fahnen geschrieben. Jetzt merkt sie selbst, wie schwierig dieses Ziel zu erreichen ist. Honorarveränderungen - vor allem das Plus - sind kaum mehr auffindbar.

Von Rebekka Höhl

Vorgesehen war für dieses Jahr ein Honorarplus von 1,2 Milliarden Euro für die Vertragsärzte. Das wäre ein Plus von 3,7 Prozent. Vorgesehen im Koalitionsvertrag war aber auch, dass die Honorarreform eine "leistungsgerechte, einfache und transparente" Vergütung bringt.

Wo ist das Honorarplus geblieben?

Mehr Geld, in den RLV-Fallwerten 2010 steckt es nicht.

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Ob das Honorarplus nun tatsächlich bei den Ärzten angekommen ist, ist nur schwer zu beantworten. Zum einen, weil hierzu noch die Daten aus den einzelnen KVen fehlen. Die aktuellsten Infos zur Honorarentwicklung decken gerade einmal das Jahr 2009 ab. Zum anderen, weil die neue Honorarsystematik mit Regelleistungsvolumen (RLV) ergänzt um qualifikationsgebundene Zusatzvolumina (QZV) ab dem dritten Quartal 2010 eine echte Analyse erschwert.

In acht KVen sind die RLV-Fallwerte gesunken

Eines steht jedoch fest: Die Entwicklung der RLV-Fallwerte in diesem Jahr war für einige Ärzte eher enttäuschend. Geplant war, dass gerade durch die Honorarreform die Fallwerte in den RLV gestärkt werden sollten. Denn einige der zuvor freien Leistungen, die zwar außerhalb der RLV aber innerhalb der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung (MGV) bezahlt wurden, wurden in so mancher KV kurzerhand im RLV versenkt, tauchten aber in Form steigender Fallwerte nicht mehr auf. So erging es etwa Hausärzten in Baden-Württemberg mit den dringenden Besuchen. Denn ein extra QZV - als Ausgleichsmöglichkeit - wurde den Hausärzten hier nicht geboten.

Tatschlich sind bei den Hausärzten die RLV-Fallwerte im dritten und vierten Quartal 2010 im Vergleich zu den entsprechenden Quartalen in 2009 eher gesunken. Im vierten Quartal 2010 war das bei immerhin acht KVen der Fall, lediglich in vier KVen war ein echtes Plus zu erkennen. Den größten prozentualen Sprung legte die KV Berlin hin: Lagen die RLV-Fallwerte der Hausärzte hier in 2009 noch knapp über 34 Euro bis hin zu 35,67 Euro, erreichten sie im dritten und vierten Quartal 2010 Werte über 38 Euro. In Thüringen, wo bereits 2009 Werte über 40 Euro erreicht wurden, konnte der RLV-Fallwert im dritten Quartal 2010 sogar auf 47 Euro angehoben werden. Ebenfalls ein erkennbares Plus gab es in Sachsen und Schleswig-Holstein.

Einen ordentlichen Satz nach unten machten hingegen die RLV-Fallwerte in Hamburg und Niedersachsen. Hausärzte in Hamburg waren in 2009 noch Fallwerte zwischen 38 und 40 Euro gewohnt, in 3/2010 waren es nur noch 35 Euro und in 4/2010 sogar der KV-weit niedrigste Wert bei den Hausärzten, nämlich 32,98 Euro. In Niedersachsen sank der Wert im 4/2010 von Werten zwischen 42 und über 44 Euro auf nunmehr 38 Euro.

Die KBV bleibt dennoch bei der Aussage, dass sie die Basisversorgung gestärkt hat. Denn: Im ersten Halbjahr 2010 seien in vielen Regionen die RLV zum Teil dramatisch gesunken. Ein Grund dafür sei der Zuwachs von freien Leistungen, die unbegrenzt zu festen Preisen honoriert wurden, gewesen, erklärt KBV-Pressesprecher Roland Stahl. Um diesen Prozess zu stoppen, habe man die Honorarverteilung zum 1. Juli in einigen Punkten verändert. Stahl: "Fast alle Leistungen, die aus der begrenzten morbiditätsbedingten Gesamtvergütung bezahlt werden, unterliegen seitdem einer Mengenbegrenzung." Zur Steuerung von bislang "freien Leistungen" wie Akupunktur und dringenden Hausbesuchen seien die QZV eingeführt worden.

Doch diese QZV werden in jeder Region anders umgesetzt. Seit dem dritten Quartal 2010 entscheiden KVen und Kassen auf Landesebene selbst, welche Leistungen sie in die QZV nehmen und welche sie in den RLV belassen, bestätigt Stahl. Und fügt hinzu, dass sich deshalb "mittlerweile die RLV-Werte nicht mehr miteinander vergleichen lassen". Ein Hinweis, der auch immer wieder von den einzelnen KVen kommt, so gibt die KV Mecklenburg-Vorpommern mit dieser Begründung generell keine Infos mehr zu den Fallwerten heraus.

Regierung kritisiert selbst "Implausibilität" der Daten

Das Durcheinander mit den QZV

Die neuen qualifikationsgebundenen Zusatzvolumina (QZV) sorgen dafür, dass die Vergleichsmöglichkeiten der Vergütung unter den KVen schwieriger werden. Denn insgesamt darf eine KV allein für Hausärzte bis zu 25 verschiedene QZV bilden. Und dabei drei verschiedene Berechnungsarten anwenden: die arztfall- oder leistungsfallbezogene Berechnung oder die Zuweisung eines Volumens. In Brandenburg gibt es für Hausärzte zum Beispiel neun, in Baden-Württemberg sechs und in Hamburg sogar 18 QZV (von denen aber vier Diabetespraxen zugeteilt sind).

Einfacher und transparenter ist es also nicht geworden. Und das beklagt die Bundesregierung sogar schon für die Werte aus 2009. Das zeigt die Vorabfassung des Berichts des Bewertungsausschusses über die Vergütungs- und Leistungsstruktur in der vertragsärztlichen Versorgung für 2009, kommentiert von der Bundesregierung. Der Bericht liegt der Redaktion vor. So wird kritisiert, dass die Daten zu den Auswirkungen der Mengensteuerung über die RLV noch nicht vollständig seien. Probleme entstünden aber auch durch die kurzfristigen Entscheidungen der Selbstverwaltung. Und dies werde durch die vom Bewertungsausschuss beschlossene Konvergenzphase mit entsprechenden Spielräumen auf Landesebene noch verschärft.

Trotzdem, für 2009 ist ein Honorarplus erkennbar: Bereinigt um die Selektivverträge ist das Honorar für Vertragsärzte im Vergleich zu 2008 um 1,9 Milliarden Euro gestiegen. Und der Zuwachs sei auch bei den vertragsärztlichen Leistungserbringern angekommen - "wenn auch in unterschiedlicher Höhe". Das Honorar je Arzt sei im Schnitt um 5,1 Prozent gestiegen.

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