Ärzte Zeitung, 02.01.2012

Aufklärung triumphiert über Restriktion

Nach harten Auseinandersetzungen haben Aufklärungskampagnen zu HIV und Aids über die "isolationistische" Vorgehensweise gesiegt.

Aufklärung triumphiert über restriktive Gesetzesauslegung

Titel der BZgA-Schrift zu Aids, im November 1985 millionenfach in Deutschland verschickt.

© BZgA

NEU-ISENBURG (ple). Zu Beginn der HIV-Epidemie Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es in Deutschland zwei Lager, die ganz unterschiedliche Vorschläge unterbreiteten, wie der neuen Infektionsgefahr zu begegnen sei.

Der "Bayerische Maßnahmenkatalog" zur Aids-Bekämpfung auf der Grundlage eines Anfang 1987 vom Bayerischen Ministerialrat beschlossenen Gesamtkonzepts wollte das Bundes-Seuchengesetz strikt anwenden - also außer Aufklärung und Forschung auch notfalls uneinsichtige HIV-Infizierte zum Schutz der übrigen Bevölkerung isolieren.

Auch die Anwendung von Zwangstests wurde diskutiert. Wissenschaftlicher Berater des bayerischen Innenministeriums zum Thema Aids-Aufklärung war seit Januar 1988 der Arzt und Epidemiologe Dr. Michael G. Koch.

Die Gegenseite - allen voran Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit Professor Rita Süssmuth - baute primär auf die Aufklärung der Bevölkerung.

Enquete-Kommission

Ab 1985 setzte sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter der Leitung von Professor Elisabeth Pott in Köln für die Umsetzung umfassender Aufklärungsstrategien ein, mit deren Hilfe alle sozialen Schichten in Deutschland erreicht werden sollten.

Ende 1985 wurde als erste Maßnahme die Info-Schrift "Was Sie über AIDS wissen sollten" an 27 Millionen Haushalte verschickt. In diesem Jahr wurde auch die "Deutsche AIDS-Hilfe" gegründet.

Gegen die bis 1981 unbekannte Gefahr musste auch die Regierung aktiv werden. Im Jahr 1987 wurde vom Deutschen Bundestag die Enquete-Kommission "Gefahren von Aids und wirksame Wege zu ihrer Eindämmung" eingesetzt.

Im Zwischenbericht der Kommission von 1988 ging es zum einen um Empfehlungen zur Versorgung von HIV-Infizierten und Aids-Kranken sowie zur Erforschung der Infektionskrankheit.

Erstmals gab es aber auch die Empfehlung, bei den Ländern anzuregen, "dass in den Informationsmaterialien darauf hingewiesen wird, dass HIV-infizierte Personen beim Geschlechtsverkehr auch untereinander Kondome beziehungsweise Fixer sterile Spritzen benutzen sollten, solange nicht ausgeschlossen ist, dass wiederholte Infektionen vermutlich den Ausbruch der Krankheit beschleunigen können".

Kampagne Mach's mit

Die Bedeutung des Kondoms als Schutz vor einer HIV-Infektion wurde damals von dem französischen Aids-Forscher Professor Luc Montagnier aus Paris, dem Entdecker des Aids-Erregers, hervorgehoben, was die BZgA in einem TV- und Kino-Spot mit Hilfe eines Interviews mit ihm für ihre Aufklärungskampagne nutzen konnte, erinnert sich Pott (HIV & more Sonderausgabe 2011).

Nicht zuletzt die 1993 gestartete Kampagne "mach‘s mit" habe mit den Plakatmotiven wesentlich dazu beigetragen, dass Kondome in der Öffentlichkeit immer selbstverständlicher geworden seien. Heute geht es in den Aufklärungskampagnen der BZgA außer um den Infektionsschutz vor allem auch um die Entstigmatisierung HIV-Infizierter.

Die Zahl der HIV-Neu-Infektionen pro Jahr in Deutschland ist in den ersten Jahren nach Pandemie-Beginn bis Ende der 1980er Jahre auf fast 6000 gestiegen. Danach sank sie bis etwa zum Jahr 2000 auf knapp 2000 HIV-Neu-Infektionen pro Jahr.

Nach einem erneuten Anstieg auf über 3000 Neu-Infektionen zwischen 2005 und 2007 sinkt die Inzidenz seither kontinuierlich und liegt aktuellen Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) nun bei 2800 im Jahr 2011 (Epid. Bull. 2011; 46: 415-425).

Einer aktuellen Korrektur der RKI-Daten zufolge leben in Deutschland etwa 73.000 HIV-Infizierte, 46.000 davon sind Männer, die Sex mit Männern haben und sich auf diesem Wege mit HIV angesteckt haben. Etwa 10  500 HIV-Infizierte haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert, etwa 6800 bei intravenösem Drogengebrauch.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »