Ärzte Zeitung, 04.01.2012

VW: Vorsorge, die sich doppelt auszahlen kann

Der VW-Konzern bietet allen seinen weltweit 400.000 Mitarbeitern umfassende Gesundheits-Check-ups an. Davon könnte der Automobilhersteller in zweifacher Hinsicht profitieren. Er hat gesündere und leistungsfähigere Mitarbeiter - das wirkt sich auch auf die Bilanz aus.

Von Christian Beneker

Vorsorge, die sich doppelt auszahlen kann

Körperlich oft anstrengend: Montage und Fertigung von VW-Fahrzeugen im Stammwerk Wolfsburg.

© Volkswagen

Schweißen, lackieren, montieren - wer Autos baut, beansprucht seinen Körper stark und muss besonders auf seine Gesundheit achten.

Der Volkswagenkonzern hat deshalb in diesem Jahr damit begonnen, allen seinen Mitarbeitern einen gründlichen Gesundheits-Check-up anzubieten - weltweit.

Mehr noch: Die Konzernspitze plant auch "Fitnessfabriken", um hüftsteifen und fußlahmen Mitarbeitern wieder auf die Beine zu helfen.

 Weltweit mehr als 400.000 Mitarbeiter können das neue Programm in Anspruch nehmen. Das hat der Personalvorstand der Volkswagen AG, Dr. Horst Neumann, im Sommer angekündigt.

Kein Alkohol- und Drogenscreening

Inzwischen ist das Programm auf breiter Front in Deutschland angelaufen. "Mit dem Check-up-Programm verstärken wir in den kommenden Jahren die Gesundheitsvorsorge für alle Frauen und Männer im Volkswagen-Konzern", erklärt Dr. Rainer Göldner, Leiter des Zentralen Gesundheitswesens bei Volkswagen.

"Bisher ist der Check-up von 62.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland genutzt worden. Dieses Vorsorgeprogramm setzen wir auch international um. Damit werden wir weltweit einen durchgehend hohen Standard erreichen, um die Gesundheit und Fitness unserer Beschäftigten zu erhalten."

Der Check-up dauert eine Stunde und umfasst eine Vorsorgeuntersuchung auf Basis moderner diagnostischer Verfahren, eine ausführliche werksärztliche Beratung zu den Untersuchungsergebnissen sowie bei Bedarf die gezielte Weitervermittlung an Fachärzte sowie die Teilnahme an vorbeugenden Maßnahmen, so Göldner.

Die Untersuchung besteht aus Anamnese, Labor, Lungenfunktionstest, Seh- und Hörtest, Ruhe-EKG, unter Umständen einem Fitness-Test - sowie einer Body Composition Analysis, also der Messung von Fettmasse und -verteilung, Muskelmasse, Organmasse und Wasser.

Untersuchungen auf Alkohol- oder Drogenkonsum werden nicht vorgenommen, hieß es.

Empfehlungen für weitere Ärzte

Je nach Land können bestimmte zusätzliche Module in das Untersuchungsprogramm aufgenommen werden, etwa ein PSA-Test. Der wesentliche Teil der Untersuchung sei aber das abschließende rund halbstündige Gespräch mit dem zuständigen Werksarzt.

Überweisen können Werksmediziner nicht, aber sie können den Mitarbeitern empfehlen, bestimmte Fachärzte oder ihren Hausarzt aufzusuchen oder an einer Präventionsmaßnahme zur Bewegung, Ernährung oder auch Entspannung teilzunehmen.

Der freiwillige Check-up soll nach dem Willen von VW nicht einmalig sein, sondern den Mitarbeitern als ständiges Angebot zur Verfügung stehen. Außer in Deutschland startet Volkswagen das Check-up-Programm derzeit an seinen Standorten in Südafrika und Brasilien.

Allerdings hat sich VW mit der Aktion nicht nur Freunde gemacht. Die normalen Check-ups beim Hausarzt für Patienten, die bei VW beschäftigt sind, fallen häufig weg, was manchen Vertragsarzt verdrießen dürfte.

Außerdem gibt es keinen Datenverkehr zwischen VW und den Hausärzten der Mitarbeiter, bemängelt etwa der Hausarzt Michael Pohling aus Flechtdorf nahe Wolfsburg.

Fitnessfabriken im Aufbau

Über schon bekannte häufige Diagnosen oder Schwerpunkte der bisher geleisteten Beratungen schweigt sich der Konzern ebenso aus wie über die Kosten.

Wenn sich aber bei den Check-ups bestimmte Diagnosen häufen sollten, dann werde Volkswagen den Mitarbeitern außer individuellen auch zielgruppenspezifische Gesundheitsförderungsprogramme anbieten, heißt es.

Derzeit sind an mehreren Standorten so genannte "Fitnessfabriken" im Aufbau, Sportstudios, in denen die Mitarbeiter per Krafttraining, Pilates oder Ausdauerübungen ihre Gesundheit verbessern können.

"Wir stellen fest, dass die Beschäftigten des VW-Konzerns ein Spiegelbild der Gesellschaft bieten, das betrifft auch die körperlichen Beschwerden", sagt ein Sprecher des Konzerns.

Die meisten Krankheiten würden aber nicht am Arbeitsplatz erworben. Trotzdem müsse das Unternehmen auf die Auswirkungen reagieren, um die Gesundheit und Fitness der Mitarbeiter zu erhalten. "Wir haben eine Fürsorgepflicht."

Attraktiv für neue Mitarbeiter

Volkswagen wertet den Check-up aber auch als eine unternehmerische Notwendigkeit. Der Konzern sieht sich - zumindest in Deutschland - im Zuge des demografischen Wandels immer mehr älteren Arbeitnehmern gegenüber.

Zudem kann er mit dem Extra-Bonus der Untersuchung für bei Volkswagen einsteigende Mitarbeiter auch attraktiver werden.

Hinzu kommt: Nach Angaben von Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes der Betriebs- und Werksärzte, hat eine Studie im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung ergeben, "dass eine Firma, die in Deutschland in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investiert, mit einer Kapitalrendite von eins zu fünf bis eins zu 16 rechnen kann".

Deutsche Unternehmen erleiden einen jährlichen Produktivitätsausfall von 129 Milliarden Euro allein durch kranke Arbeitnehmer, heißt es in der Studie von Booz & Co., die im Sommer 2011 vorgestellt wurde.

Interesse an Vorsorge steigt mit dem Grad der Bildung

Viele deutsche Großunternehmen investieren in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

"Der Check-up, den VW für alle Standorte plant, ist eine sinnvolle Angelegenheit", sagt Dr. Wolfgang Panter (60), Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V.. In der deutschen Großindustrie sei solches Engagement inzwischen sehr verbreitet.

So bietet auch Thyssen Krupp seinen Mitarbeitern Check-ups an. "Oft werden diese Checks im Anschluss an die normalen Vorsorgeuntersuchungen angeboten, die Mitarbeiter regelmäßig machen müssen", so Panter.

Der leitende Betriebsarzt der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann GmbH sagt: "Wir bieten zum Beispiel allen Mitarbeitern einen Haemocult-Test an. Das Angebot wird sehr gut angenommen, hängt aber stark vom Bildungsgrad der Arbeitnehmer ab. Führungspersonal und höhere Angestellte nehmen häufiger teil."

Diese Untersuchungen seien nicht nur Teil eines guten Betriebsklimas und der Arbeitnehmer-Fürsorge, sondern auch Maßnahmen, die sich für die Firmen lohnen, so Panter. "Laut Booz-Studie wird das Gesundheitsmanagement immer noch zu wenig genutzt, um die Kosten zu senken."

Die Studie "Vorteil Vorsorge - Die Rolle der betrieblichen Prävention für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland" im Auftrag der Felix Burda-Stiftung wurde im Sommer 2011 veröffentlicht. Sie bewertet die Rahmenbedingungen zur betrieblichen Gesundheitsvorsorge vieler deutscher Großunternehmen.

Hausärzte in der Region sehen die VW-Offensive nicht ohne Skepsis

Für die Hausärzte rund um Wolfsburg haben die VW-Check-ups finanzielle Einbußen zur Folge.

In der Hausarztpraxis von Michael Pohling und Carla Martin kommt das Angebot von VW nicht nur gut an. VW ist der größte Arbeitgeber in der Region. Klar, dass eine ganze Reihe von Patienten, die die Ärzte in ihrer Kartei haben, auch bei VW in Wolfsburg am Band stehen.

"Eine Statistik führe ich zwar nicht", sagt Pohling, "aber es ist doch eine namhafte Zahl von Patienten, die beim VW-Konzern angestellt sind". Im Praxisalltag sei zu merken, dass weniger Check-up-Untersuchungen anfallen. Das dürfte auch einen finanziellen Ausfall bedeuten.

"Es wäre nett gewesen, wenn der VW-Konzern uns seinen Plan kommuniziert hätte, allen Mitarbeitern einen Check-up anzubieten", erklärt Pohling. Jetzt kommen häufiger Patienten in die Praxis, die sich wundern, wenn der Hausarzt ihnen Blut abnehmen will.

"Das haben die Patienten dann gerade beim Werksarzt machen lassen. Aber das hilft uns nicht, weil wir die Werte brauchen", sagt Pohling. So müssen die Patienten sich die Ergebnisse ihrer Untersuchung besorgen und zum nächsten Arztbesuch mitbringen. "Es wäre natürlich hilfreich, wenn die VW-Ärzte die Ergebnisse gleich zu uns überspielen würden."

Andererseits gebe es auch Patienten, die bei VW arbeiten, sich aber nicht vom Betriebsarzt untersuchen lassen möchten, sagt Pohling. "Sie möchten nicht, dass ihr Arbeitgeber so genau über ihren Gesundheitszustand Bescheid weiß."

[04.01.2012, 11:40:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ärztlicher Datenverkehr(t)?
Eine Hausarztpraxis beklagt "keinen Datenverkehr zwischen VW und den Hausärzten der Mitarbeiter". Doch die ärztliche Schweigepficht nach § 203 StGB gilt wohl weiterhin in b e i d e n Richtungen! Bei uneingeschränktem Datenverkehr könnte sonst die VW-Personalabteilung quasi in die Arztpraxis hineinschauen.

Unsere vertragsärztlich magere GESU als Vorsorge bei Herz- und Kreislauferkrankungen mit EBM 01732, bei der die KBV schon vor Jahren Kreatinin und das fakultative EKG gestrichen hatte, mit der zeitlich und inhaltlich umfassenden Vorsorge des VW-Konzerns vergleichen zu wollen, ist mehr als lächerlich. Auch wenn man über die Inhalte diskutieren könnte (s. Kollege Popert).

Ich schäme mich für meine medizinbildungsfernen Funktionärsschichten, wenn ich bei Patienten für die GKV-Vorsorge den Aufwand der peripheren Venenpunktion n u r für Gesamt-Cholesterin und Glucose treiben soll. Ach ja, und die tiefschürfende Urinanalytik nicht zu vergessen. Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[04.01.2012, 11:13:50]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Gut und schlecht
Gut daran ist sicherlich: zusätzliche Möglichkeiten für Fitness und Gesundheitsberatung.

Schlecht: schlechte Zusammenarbeit und offensichtlich fehlende Evidenzbasierung (Body-Composition-Messung ist eine bislang völlig spekulative Methode - wahrscheinlich mit geringerer Aussagekraft als ein geschulter Blick auf die Körperkontouren).

Zu hinterfagen ist auch die Qualität des Datenschutzes - wer garantiert, dass die Personalabteilung nicht doch nur eine Glastür entfernt ist? Ich kenne jedenfalls einige, die aus genau diesem Grund dem Betriebsarzt misstrauen - und die Check-ups lieber beim Arzt ihres Vertrauens machen lassen.

Fazit: Gesundheitsförderung ja, aber bitte eine Gesundheitsberatung von wirklich unabhängiger Seite - und ohne Hokuspokus. zum Beitrag »

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