Freitag, 31. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 20.09.2012

Interview

"750 Patienten im Quartal sind ideal"

Unter den Medizinstudierenden hat ein Umdenken stattgefunden. Attila Altiner, Professor für Allgemeinmedizin, beobachtet zunehmendes Interesse am Leben als Landarzt. Im Interview verrät er, was den Nachwuchs wirklich motiviert.

"750 Patienten im Quartal - das halte ich für einen Hausarzt für ideal"

Professor Attila Altiner leitet seit 2009 das Institut für Allgemeinmedizin der Rostocker Universität.

© Schnack

Ärzte Zeitung: Herr Professor Altiner, manche Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern behandeln weit über 1000 Patienten im Quartal. Wie motivieren Sie angesichts dieser Arbeitsbelastung Ihre Studierenden für die Allgemeinmedizin?

Prof. Attila Altiner: Das muss ich gar nicht! Als ich vor drei Jahren hier angefangen habe, hatte bereits ein Umdenkungsprozess begonnen. Die Studierenden sind aufgeschlossen für die hausärztliche Tätigkeit. Bei weit über 1000 Patienten ist man aber tatsächlich weit ab vom Idealzustand.

Ärzte Zeitung: Bei welcher Patientenzahl wäre der denn erreicht?

Altiner: Für ideal halte ich 750 Patienten im Quartal für einen in Vollzeit praktizierenden Hausarzt. Dann hätte man die richtige Balance zwischen Arbeitsbelastung und ausreichend Zeit für die Patienten. Aber das ist Wunschdenken und unter den herrschenden Bedingungen an vielen Orten nicht realisierbar.

Ärzte Zeitung: Die herrschenden Bedingungen lauten: es drängen immer mehr Patienten in die Praxen, manche Hausärzte nehmen schon gar keine neuen mehr an.

Altiner: Die Kollegen sind in einer echten Zwickmühle. Wenn sie Patienten ablehnen, droht diesen ein weiter Weg zum nächsten Arzt oder eine längere Wartezeit.

Prof. Attila Altiner

Aktuelle Position: Professor Attila Altiner leitet seit 2009 das mit 15 Mitarbeitern besetzte Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät Rostock. Der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin wurde von der KV Mecklenburg-Vorpommern gestiftet.

Werdegang: Der 1969 in Oldenburg geborene Altiner hat in seiner Weiterbildung landärztliche Erfahrungen in Elsdorf (Nordrhein-Westfalen) gesammelt und hält diese bis heute für extrem wertvoll. Neben Forschung und Lehre betreut Altiner bis heute Patienten im Medizinischen Versorgungszentrum der Universitätsmedizin Rostock.

Aktivitäten: In der DEGAM ist Altiner Sprecher der Sektion Forschung, außerdem ist er Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin GHA. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Arzt-Patienten-Kommunikation und partizipative Entscheidungsfindung.

Nehmen sie weitere Patienten an, müssen sie die ohnehin schon eng getakteten Zeiten pro Patient weiter kürzen und ihnen droht eine zu hohe Belastung.

Ärzte Zeitung: …die aber in Mecklenburg-Vorpommern gut bezahlt wird. Wer in Regionen, die von Unterversorgung bedroht sind, über dem Durchschnitt behandelt, wird nicht abgestaffelt, sondern bekommt zusätzliches Geld.

Altiner: Das ist auch richtig so. Ein angemessenes Honorar ist eine Grundvoraussetzung, wenn man den Nachwuchs von der Allgemeinmedizin überzeugen möchte. Wir wissen, dass Hausärzte fair bezahlt werden wollen.

Die jetzt gerade wieder aufkochende Diskussion über Ärztehonorare ist da völlig kontraproduktiv. Aber natürlich wäre es fatal, wenn man das Nachwuchsproblem allein mit Geld zu lösen versucht - das kann nicht funktionieren.

Ärzte Zeitung: Was interessiert die Studierenden an der Allgemeinmedizin?

Altiner: Das erfahren wir über unsere 65 Lehrpraxen. In erster Linie sind es das breite Spektrum und die positive Rückmeldung der Patienten, die den Studierenden positiv auffällt. Dies verstärkt sich noch in Landarztpraxen.

Aber sie loben auch die gute Zusammenarbeit in den Praxisteams und die für viele überraschend gute Work-Life-Balance von Hausärzten. Offensichtlich beobachten die Studierenden, dass dies in der Praxis besser funktioniert als in der Klinik.

Ärzte Zeitung: Es gibt aber nicht nur positive Eindrücke.

Altiner:Überwiegend schon. Kritik gibt es meist an dem viel zu kurzen Praktikum, das ja nur eine Woche dauert. Viele würden auch gerne selbstständiger arbeiten.

Ärzte Zeitung: Wann entscheiden sich die Studierenden für die Fachrichtung?

Altiner: Die Entscheidung fällt bei vielen im PJ, Tendenz steigend. Deshalb ist es wichtig, dass ausreichend Rotationsstellen für Ärzte in Weiterbildung geschaffen werden.

Wir sehen gerade, dass es hier zu ersten Engpässen kommt. Wenn es mehr Stellen gäbe, hätten sich wahrscheinlich noch mehr Rostocker Medizinstudenten für die Allgemeinmedizin entschieden.

Ärzte Zeitung: Obwohl das Fach beliebt ist, landen derzeit zu wenige Hausärzte in der Flächenversorgung - warum?

Altiner: Viele der in der jüngsten Vergangenheit getroffenen Maßnahmen müssen und werden noch Wirkung entfalten. Ein Beispiel: Als junger Mensch möchte man eher dort leben, wo man zwanglos gleichaltrige Freunde treffen kann - diese Chance ist auf dem Land einfach geringer.

Deshalb war die Abschaffung der Residenzpflicht so wichtig. Man kann bei uns in einer Stadt wie Rostock, Greifswald oder Schwerin wohnen und gleichzeitig als Landarzt arbeiten. Wenn es irgendwo freie Autobahnen gibt, dann bei uns.

Ärzte Zeitung: Dennoch scheint die Landarzttätigkeit nicht wirklich "in" zu sein.

Altiner: Das muss sie auch gar nicht. Es geht ja nicht um Modetrends. Die Landarzttätigkeit hat so viele positive Facetten, dass es schon reicht, wenn nur genügend junge Ärzte erfahren, wie breit das Spektrum ist, wie gut die Zusammenarbeit mit den fachärztlichen Kollegen vor Ort funktioniert, wie gut die Bindung zu den Patienten dort ist.

Ärzte Zeitung: Also sollte jeder ein Zwangsjahr auf dem Land absolvieren, damit junge Ärzte diese Erfahrung machen können und sich dann entsprechend entscheiden?

Altiner: Mit Zwang erreicht man gar nichts. Man muss den Studierenden vermitteln, dass das alte Bild vom Landarzt, der mit seiner Tasche von Haus zu Haus fährt und ständig im Dienst ist, nicht mehr stimmt.

Heute sind Landärzte gefordert, die für komplexe Gesundheitsprobleme Konzepte erstellen. Dafür muss man nicht von Anfang an auch auf dem Dorf wohnen. Niemand ist gezwungen, sich sofort vollständig zu assimilieren.

Das Interview führte Dirk Schnack.

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[20.09.2012, 15:31:48]
Dr. Zlatko Prister 
gereizt, irrational, unverständlich
Sehr geehrte Frau Kollegin Bauer,
was Sie mit Ihrer gereizten, irrationalen und unverständlichen reaktion auf mein Kommentar meinen, ist unklar.

Ausserdem habe ich nichts erfunden. Ich wende an was die Softwarehäuser für uns Ärzte erfunden haben.
All das was ich in meiner Praxis mache, können auch Sie machen. Sie haben alles bereits in Ihrem Rechner.
Mit etwas Schulung können Sie das Gleiche erreichen wie ich.

Und meine Patienten können Sie gerne befragen: bei mir gibt es kaum Wartezeiten und alle kommen ohne Termin.

Das Resultat einer perfekten inneren Organisation und Computernutzung von 99 prozent ist
- fast leeres Wartezimmer bei überdurchschnittlicher Fallzahl
- viel Freizeit
- wenig Kosten
- hohe Wertschöpfung und
- hohe Versorgungsqualität.

Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

MfG
www.prister.de

Empfehlung: geben Sie "prister" als Suchbegriff in der Ärztezeitung und im Deutschen Ärzteblatt ein.
So finden Sie alle meine Beiträge zum Thema. zum Beitrag »
[20.09.2012, 11:49:14]
Dr. Birgit Bauer 
Papierlose Praxis
sehr geehrter Herr Kollege Dr. Zlatko Prister , sie scheinen ja den Stein der Weisen gefunden zu haben, herzliche Gratulation!! Hätte gerne die Meinungen ihrer Pat. zu dem Thema Wartezeiten gehört.
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »
[20.09.2012, 10:47:48]
Dr. Zlatko Prister 
Romantisches Arztbild fern von jeder Realität
Mein lieber Herr Kollege Altiner,
mit 750 quartalsfälle kann kein junger Landarzt mit seinem Betrieb überleben.

Die Arbeit eines Arztes besteht aus medizinischer und nichtmedizinischer Arbeit. Die nichtmedizinische Arbeit macht zwischen 40 und 60 prozent der gesamten Arbeit aus und diese läßt sich automatisieren und an heutige Computeranlagen fast vollständig delegieren.
Die medizinische und menschliche Kompetenz bleibt davon unberührt.

Der gute Arzt hat Erfahrung und ist gut organisiert.
Er braucht wesentlich weniger Zeit für ein hochwertiges Arbeitsergebnis als der rechnerisch durschnittliche Arzt aus der bütokratischen KV-Retorte.

Mit dem aktuellen System werden schlechte, langsame und schlecht organisierte ärzte gefördert. Hier ist die wirtschaftliche Katastrophe vorprogrammiert.
Das war schon immer so.

Wir brauchen dringend eine ergebnisoffene Diskussion über die Effizienz und Qualität im ambulanten Sektor.
Die durschnittliche Effizienz einer KV-durchscnnittlichen (Haus)-arztpraxis landesweit ist eine nicht mehr hinzunehmende Katastrofe, die jeden Fortschritt behindert.

Die Hängemappe (Karteikarte, papiergebundene Patientenakte) ist eine Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Sie ist leider immernoch die organisatorische Grundlage der meisten Arztpraxen in Deutschland.
Die Verpflichtung der online-Einreichung der Quartalsabrechnung ändert hier nichts.
Der nutzungsgrad von Computeranlagen in der durchschnittlichen Arztpraxis in unserem Lande ist jämmerlich niedrig geblieben.

Wir brauchen einen gewaltigen Innovationsschub.
Ich hoffe, dass die neue Generation keine Papier-Praxen mehr gründet.
Das Geld ist für die Änderung da - im Überfluß.

Worauf warten wir noch?

Ich kann Ihnen zeigen wie man eine Landpraxis papierlos organisiert.

Für ein Pilotprojekt stehe ich zur Verfügung.

Dr.Univ.Zag.
Zlatko Prister
Papierlose Hausarztpraxis
keine Termine, keine Wartezeiten
Frankfurt am Main
www.prister.de
0172-6700678
 zum Beitrag »
[20.09.2012, 09:37:39]
Uwe Eisner 
Wir haben doch alle das selbe Problem
Sehr geehrter Herr Dr. Strubel,

haben wir nicht alle das selbe Problem.
Ein Physiotherapeut macht einen Nettostundenumsatz von 35-40€, im Mittel also 38€.
Nehmen wir eine 40Stunden-Woche an und rechen das aufs Quartal hoch, sind das (kaufmnännisch gerechnet) rund 520 Arbeitsstunden x 38€ geht der Physiotherapeut als selbständiger mit rund 19.750€ nach Hause (Vor Steuern).
Und als Selbständiger steht neben den 40h Behandlungen auch min(!) noch die 10h Verwaltungsaufwand.

Wie Sie sehen, haben wir alle das selbe Problem. zum Beitrag »
[20.09.2012, 07:35:23]
Dr. Hans B. Strubel 
Wer soll das bezahlen...
......750 Patienten, das macht bei einer Pauschale von ca. 35.-- pro Patient pro Quartal knapp 27 000.-- €. Bei einem Anteil von ca. 60% Betriebskosten, bleiben etwa 10.000.-- vor Steuern, Betrag zur Rentenversicherung. Damit locken Sie keinen jungen Mediziner aufs Land.Dazu die Gewissheit dass die Wochenarbeitszeit eher jenseits von 50 Std./Woche liegt. Das sind idealistische Vorstellungen eines Theoretikers. zum Beitrag »

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