Montag, 22. Dezember 2014
Ärzte Zeitung, 30.10.2012

Schwesig über Woldegk

"Wir müssen eingefahrene Wege verlassen"

Wie kommt der kleine Ort Woldegk an einen neuen Hausarzt? Eine Einzelpraxis muss für Süd-Mecklenburg nicht die Lösung sein, meint Gesundheitsministerin Manuela Schwesig. Im Interview spricht sie über Alternativen und die Formularflut in Arztpraxen.

"Die Interessen der Patienten haben Priorität"

Gesundheitsminister Schwesig: "Ein Zwangsjahr in einer Landarztpraxis für junge Ärzte wäre sicherlich nicht richtig."

© Schnack

Ärzte Zeitung: Frau Ministerin, kennen Sie Woldegk?

Manuela Schwesig: Ja. Woldegk ist landschaftlich schön gelegen in der Mecklenburgischen Seenplatte und als Stadt der Windmühlen bekannt. Man sieht, dass schon vieles passiert ist, was auch an dem sehr engagierten Bürgermeister liegt.

Ärzte Zeitung: Dennoch hat Woldegk Probleme, die demnächst frei werdenden Allgemeinarztpraxen wieder zu besetzen. Warum?

Manuela Schwesig (SPD)

Aktuelle Position: seit 2008 Gesundheits- bzw. Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern; seit 2009 stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD.

Werdegang/Ausbildung: geboren 1974; aufgewachsen in Brandenburg; Diplom-Finanzwirtin; Beschäftigung im Finanzamt Schwerin und im Landesfinanzministerium.

Karriere: seit 2003 steile Karriere in Partei und Kommunal-/ Landespolitik

Privates: verheiratet, 1 Kind.

Schwesig: Wir erleben dort das Gleiche wie in vielen anderen Orten dieser Größe: Er ist zu klein, als dass die gewünschte Infrastruktur selbstverständlich wäre.

Ärzte Zeitung: Worauf führen Sie zurück, dass so viele Orte wie Woldegk diese Probleme haben? Ist die Landarztpraxis für junge Mediziner nicht mehr attraktiv?

Schwesig: Ich glaube schon, dass Landarztpraxen an sich und auch die Region um Woldegk attraktiv genug sind. Es gibt Menschen, die möchten in Metropolen leben - die können wir nicht mit Woldegk locken.

Aber es gibt auch viele Menschen, die Ruhe, Natur und die Menschen in dieser Region schätzen. Es gilt, diese Menschen zu finden. Ein wichtiges Instrument dafür ist ein neues Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung in unserem Bundesland, das über Profile den passgenauen Arzt für eine Region sucht.

Ärzte Zeitung: Früher gab es weniger Ärzte, aber keine Probleme, die Praxen nach zu besetzen. Weshalb ist das so schwer geworden?

Schwesig: Das hat viele Gründe. Vorweg: Das Geld ist nach meiner Erfahrung nicht allein ausschlaggebend. Die Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern stehen im Vergleich zu anderen Bundesländern dank ihrer KV recht gut da.

Allerdings haben wir eine geänderte Einstellung der jungen Medizinergeneration. Es gibt zum Glück immer mehr Frauen unter den jungen Ärzten, und die sind nicht so schnell bereit, das volle Risiko einer Niederlassung allein zu tragen.

Sie setzen sich nun mal immer noch mehr als ihre männlichen Kollegen auch mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinander. Deshalb ist es richtig, auf MVZ und Gemeinschaftspraxen zu setzen. Außerdem müssen wir die Position der Allgemeinmedizin an den Universitäten stärken.

Ärzte Zeitung: Die ist doch gerade an den Standorten Rostock und Greifswald sehr gut, seit die Lehrstühle dort eingerichtet wurden ...

Schwesig: Ja, deshalb haben wir das gemacht, aber das sind Maßnahmen, die ihre Wirkung erst mit der Zeit entfalten werden. Aktuell hilft uns dies bei der Nachbesetzung noch nicht.

Aber: Die Besetzung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin mit einer so jungen Persönlichkeit wie Professor Altiner in Rostock strahlt natürlich aus und ist ganz wichtig für die junge Generation. Überhaupt hoffe ich, dass sich viele der in unserem Bundesland Studierenden später für eine Niederlassung in Mecklenburg-Vorpommern entscheiden werden.

Ärzte Zeitung: Professor Altiner hat sich im Rahmen unserer Serie strikt gegen ein verpflichtendes Jahr in einer Landarztpraxis ausgesprochen. Würde das nicht helfen, der neuen Generation von Ärzten wertvolle Einblicke in das Landarztleben zu vermitteln?

Schwesig: Ein Zwangsjahr wäre sicherlich nicht richtig, da stimme ich mit ihm überein. Besser als eine solche Verpflichtung wäre es, denjenigen, die Medizin studieren wollen und schon wissen, dass sie einmal Landarzt werden wollen, Vorteile bei der Studienplatzvergabe einzuräumen.

Wer Interesse an der Landarzttätigkeit hat, sollte auch Medizin studieren können. Da halte ich es nicht für sinnvoll, nur den Numerus clausus als Maßstab heranzuziehen.

Das Sozialministerium und die KV in Mecklenburg-Vorpommern fördern Mediziner in der Ausbildung, die vier Monate ihres PJ in einer allgemeinmedizinischen Praxis verbringen. Bis zu 800 Euro können die jungen Ärztinnen und Ärzte bekommen.

Ärzte Zeitung: Das dürfte nicht auf viele Studierende zutreffen. Wer weiß schon vor seinem Studium, ob er einmal Landarzt werden möchte?

Schwesig: Bei einigen besteht zumindest der Wunsch. Aber Sie haben Recht: Niemand kann und will sich in jungen Jahren für sein ganzes Berufsleben festlegen lassen. Eine solche Entscheidung trifft man ja aber auch gar nicht für das ganze Leben.

Es gibt Phasen, da ist zunächst eine Anstellung, vielleicht in einem MVZ oder in einem Ärztehaus, richtig. Es gibt aber auch Phasen, in denen eine Einzelpraxis die bessere Lösung sein kann. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die jungen Mediziner sich heute nicht mit Anfang 30 nur auf eine alleinige Niederlassung festlegen wollen.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet das für Woldegk?

Schwesig: Für Woldegk ist es sicherlich nicht ausgeschlossen, dass eine Einzelpraxis genau zu einem Arzt passt, der jetzt gerade eine solche Niederlassung sucht. Aber wir müssen auch andere Angebote schaffen.

Deshalb ist das geplante Gesundheitshaus in Woldegk nach meiner Ansicht genau der richtige Schritt für diese Region. Hier können sich junge Ärzte, die das finanzielle Risiko scheuen, zunächst einmal anstellen lassen oder auf Honorarbasis arbeiten. Das schließt ja nicht aus, dass sie sich später in Woldegk in Einzelpraxis niederlassen.

Wir müssen einfach auch eingefahrene Wege verlassen, wenn es darum geht, die medizinische Versorgung in dünn besiedelten, ländlichen Gebieten zu sichern. Eine Vernetzung von stationären und ambulanten Angeboten gehört auch dazu. Letzten Endes haben die Interessen der Patienten Priorität.

Ärzte Zeitung: Liegt vielleicht ein Grund für die schwierige Nachbesetzung darin, dass viele junge Ärzte ein falsches Bild vom Landarzt haben?

Schwesig: Mit Sicherheit. Eine Studie der Uni Rostock hat dies ja gezeigt: Die Ärzte in unserem Bundesland sind sehr viel zufriedener mit ihrer Tätigkeit, als dies oft dargestellt wird.

Die Studie hat aber auch gezeigt, dass für die Zufriedenheit nicht nur finanzielle Aspekte eine Rolle spielen. Das gute Verhältnis zwischen Arzt und Patienten ist von ganz entscheidender Bedeutung.

Ärzte Zeitung: Tatsächlich ist es doch aber so, dass die Ärzte über viele Missstände klagen, die ihren Alltag belasten, Stichwort Bürokratie ...

Schwesig: Ich glaube, dass Ärzte da entlastet werden müssen. Es kann nicht sein, dass Ärzte mehr Zeit mit Formularen als mit den Patienten zubringen.

Da muss sich unsere Gesellschaft insgesamt überprüfen: Denn sobald irgendetwas schief läuft, ruft jeder nach Dokumentation. Das ist eine grundsätzliche Frage, die uns aber nicht hilft, für Woldegk einen Arzt zu finden.

Ärzte Zeitung: Wenn Sie für Woldegk werben sollten: was spricht für eine ärztliche Tätigkeit in dieser Region?

Schwesig: Zuerst die wundervolle Landschaft, die Ruhe dort und natürlich die Menschen, die dankbar für jeden Arzt in ihrer Nähe sind. Der Arzt ist dort noch eine echte Institution, die ärztliche Arbeit erfährt dort auf jeden Fall hohe Wertschätzung.

Ich kann nur jeden Arzt, der sich verändern möchte, einladen, sich vor Ort zu informieren. Ein weiterer Grund ist das Gesundheitshaus. Eine solche innovative Lösung könnte gerade auch für junge Ärzte interessant sein.

Das Interview führte Dirk Schnack.

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[31.10.2012, 12:02:20]
Dr. Zlatko Prister 
Nicht zu vergessen...
Beim Vorantreiben des Projektes "Hausarzt für Woldegk" darf man die interne Praxisorganisation nicht vergessen.
Es ist heute noch bundesweit üblich, dass die mehrheitlich betriebswirtschaftlich ungebildeten Ärzte die für die Versorgungsqualität entscheidene Organisation aus dem Bauch heraus machen.
Strukturqualität, und dazu gehört heute die papierlose Praxisführung ist für die Ergebnisqualität entscheidend.
Diese Form der Praxisführung befreit den Hausarzt und sein Personal zu mindestens 50 prozent von der nichtmedizinischen Arbeit.
Der Arzt und seine Angestellten können sich ihren jeweiligen Kernaufgaben (Patientenversorgung) widmen.

Eine Entscheidung für diese Praxisform kann auch die Atraktivität des Standortes festigen.

Für weitere Informationen:
www.prister.de
papierloser Hausarzt
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