Ärzte Zeitung online, 18.01.2011

Wissenschaftsakademien befürworten Zulassung der PID

BERLIN (hom). Das Lager der Befürworter der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) wird größer: Deutschlands führende Wissenschaftsakademien sprachen sich am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz für eine Zulassung der PID aus - freilich unter Auflagen.

Wissenschaftsakademien befürworten Zulassung der PID

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor Implantation auf Gendefekte untersucht.

© dpa

Die PID sollte vom Gesetzgeber der Pränataldiagnostik (PND) gleichgestellt und den betroffenen Frauen in Deutschland unter Auflagen zugänglich gemacht werden, heißt es in einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Mit Hilfe der PID ließen sich Schwangerschaftsabbrüche vermeiden, die Embryonen beträfen, die durch "erhebliche Krankheiten" schwer geschädigt seien, hieß es weiter.

"Es geht hier darum, eine Gewissensentscheidung der Frau zu ermöglichen", betonte der Ärztliche Direktor am Universitätsklinikum Tübingen, Professor Hans-Peter Zenner.

In der Diskussion um die PID habe weniger die ärztliche Diagnostik, sondern die Wahlfreiheit der Frau zentrale Bedeutung. Die Frau sei von der Schwangerschaft direkt betroffen, habe nach der Geburt in höchstem Maße Verantwortung für das Kind und sie entscheide auch allein "über den Transfer des Embryos in die Gebärmutter".

Die Arbeitsgruppe der Wissenschaften, die Zenner leitet, sehe daher keine Notwendigkeit des Staates, diese Gewissensentscheidung der Frau durch ein Gesetz zu verbieten, betonte der Experte. Betroffene Frauen sollten sich gemäß ihrer Überzeugungen für oder aber gegen die PID entscheiden können.

Eine Zulassung der PID solle jedoch unter bestimmten Voraussetzungen erfolgen, so die Akademien. So dürfe eine Untersuchung den Embryo nicht schädigen, so dass er ausgetragen werden könne.

Derartige Methoden stünden heute bereits zur Verfügung, betonte Zenner. Das Motiv der Eltern, eine PID durchführen zu lassen, müsse zudem generell ein Kinderwunsch sein.

Die PID könne auch nur bei den Paaren durchgeführt werden, für die medizinisch tatsächlich ein "hohes Risiko" bestehe, dass ihre Nachkommen später einmal an einer genetisch bedingten, "schweren Krankheit" leiden werden. Als Beispiel nannte Zenner das Fragile X-Syndrom, das eine häufige Ursache für eine geistige Behinderung darstellt.

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom Juli 2010 waren Stimmen aus Politik und Wissenschaft laut geworden, die eine Entscheidung über ein Verbot oder aber eine Zulassung der PID herbeiführen möchten.

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und können aussortiert werden.

In der Regierungskoalition aus Union und FDP gibt es keine einheitliche Position zur PID. Während die FDP für eine kontrollierte Zulassung der PID wirbt, hält sich in der Union die Zahl der Befürworter und Gegner des Verfahrens in etwa die Waage.

Im Bundestag stehen daher demnächst drei fraktionsübergreifende Gruppenanträge zur PID zur Debatte und zur Abstimmung. Es wird damit gerechnet, dass bei der Entscheidung über die PID der Fraktionszwang aufgehoben wird. Den Abgeordneten soll so eine freie Entscheidung rein nach ihrem Gewissen ermöglicht werden.

Die FDP-Gesundheitsexpertin Ulrike Flach, die eine Zulassung der PID in Grenzen befürwortet, begrüßte das Votum der Akademien. "Der Gesetzesentwurf, den unsere Gruppe vorgelegt hat, liegt sehr nah bei dem Vorschlägen der Akademien."

Flach betonte, keiner der PID-Befürworter wolle "Wunschkinder". Vielmehr orientiere man sich "an schweren, genetisch bedingten Krankheiten, die zum Tod oder zu einer Fehlgeburt führen würden".

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