Ärzte Zeitung online, 08.03.2011

Ethikrat fällt gespaltenes Urteil zu Embryonen-Gentests

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist der Deutsche Ethikrat genauso gespalten wie der Bundestag. Die Lektüre der Stellungnahme der Ethiker ist für die Parlamentarier dennoch lohnend.

Von Florian Staeck

Knappe Mehrheit in Ethikrat für Embryonentests

Ethikrat-Mitglieder Catenhusen und Schmidt-Jortzig am Dienstag: Kein eindeutiges Urteil zur PID.

© dpa

BERLIN. Wenn der Deutsche Bundestag in der nächsten Woche erstmals über die gesellschaftlich wie politisch hochumstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) debattieren wird, liegen alle relevanten Argumente für ein Verbot oder für eine begrenzte Zulassung auf dem Tisch.

Der 26-köpfige Deutsche Ethikrat hat in seiner rund 100-seitigen Stellungnahme, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, eine sorgfältige Analyse der Argumente vorgenommen - und bleibt in seinem Votum dennoch gespalten: 13 Ratsmitglieder sprechen sich für eine begrenzte PID-Zulassung aus, elf plädieren für ein Verbot.

Professor Eckhard Nagel, Leiter des Transplantationszentrums am Klinikum Augsburg, empfiehlt in einem Sondervotum die begrenzte PID-Erlaubnis anhand einer "verbindlichen Indikationsliste". Die Regensburger Philosophieprofessorin Weyma Lübbe wiederum hat sich keinem der Voten angeschlossen.

 Einig sind sich die Ratsmitglieder, dass der verfassungsrechtliche Status des Embryos "nicht streitfrei zu bestimmen" ist. Entschärfen lässt sich der Streit um die PID durch Rückgriff auf das Verfassungsrecht somit nicht.

Stattdessen fokussiert sich die Debatte auf zwei unterschiedliche Schutzkonzepte für den Embryo: Die Vertreter der einen Position votieren für den uneingeschränkten Schutz des Embryos vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an.

Die andere Position hingegen will diesen vollständigen Schutz erst zu einem späteren Zeitpunkt gelten lassen. Entlang dieser Trennlinie entfalten sich die beiden konträren Voten:

Für die Befürworter einer begrenzten Zulassung der PID eröffnet diese Diagnostik "einen Weg, das Trauma eines Schwangerschaftsabbruchs zu vermeiden". Aus Sicht der 13 Ratsmitglieder umfasst das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit auch die Reproduktionsfreiheit, und zwar als "Abwehrrecht gegen staatliche Einmischung und Bevormundung".

Sie argumentieren, die PID greife "nicht auf grundsätzlich andere Weise in das Lebensrecht des Embryos ein als bei einem Schwangerschaftsabbruch". Dennoch müsse ein "hohes medizinisches Risiko" vorliegen, um eine PID zu rechtfertigen.

Das gilt beispielsweise, wenn "ein nachweislich hohes Risiko vorhanden ist, eine Chromosomenstörung oder anderweitige Mutation zu vererben, die eine extra-uterine Lebensfähigkeit des Embryos ausschließt".

Gestattet sein soll die Diagnostik auch, wenn eine "erbliche Anlage vorhanden ist, die bei Vererbung auf das Kind zu einer schweren Krankheit oder Behinderung führen würde". Diese Kriterien sollten gesetzlich festgelegt werden.

Eine Liste von Erbkrankheiten, bei deren Vorliegen PID zulässig wäre, formuliert die Gruppe der 13 Ratsmitglieder nicht. Sie empfehlen allerdings ein strenges Reglement, nachdem die PID nur in zertifizierten Zentren erfolgen darf.

Weitere Verfahrensregeln sehen die Beratung durch Reproduktionsmediziner sowie eine psychosoziale Beratung vor. Die PID ist aus Sicht der Befürworter einer begrenzten Zulassung nicht diskriminierend.

Es gehe den betroffenen Eltern nicht um den Vergleich genetisch verschiedenen Lebens. Ihre Absicht sei vielmehr, "die Geburt eines Kindes durch Auswahl eines Embryos überhaupt erst zu erreichen".

Der Wunsch nach einem gesunden Kind oder die Vermeidung einer Fehl- oder Totgeburt kann "nicht der alleinige Bezugspunkt für die ethische Bewertung der PID sein", betonen die Ratsmitglieder, die ein völliges Verbot empfehlen.

Der Staat trage für den in-vitro erzeugten Embryo eine besondere Verantwortung, "die es verbietet, ihn zu erzeugen, um ihn im Falle unerwünschter Eigenschaften zu verwerfen".

Anders als die pränatale Diagnostik, die Eltern auch die Entscheidung für die Annahme eines möglicherweise behinderten Kindes offenhalte, verlange die PID schon vor der Zeugung "die Bereitschaft zur Aussonderung", heißt es in dem Votum für ein Verbot.

Auch läuft das oft vorgebrachte Argument, die PID sei im Vergleich zu einem späteren Schwangerschaftsabbruch das geringere Übel, aus Sicht der Verbots-Befürworter ins Leere. Hier werde ausschließlich die Perspektive der Frau zum Maßstab genommen, "das Lebensrecht des Embryos gerät nicht in den Blick".

Die Verbots-Befürworter halten die Suche nach die PID eingrenzenden Kriterien für "anerkennenswert", aber unmöglich. Ist die Entscheidung für das Diagnostikverfahren erst einmal gefallen, werde es schwierig, "legitime von nicht-legitimen Zielen der Untersuchung zu unterscheiden", warnen die Ratsmitglieder.

Zudem scheitere die Begrenzung der PID auf "schwere" Erbkrankheiten an ihrer mangelnden objektiven Bestimmbarkeit. Eine Liste solcher Krankheiten würde unweigerlich die Betroffenen diskriminieren, heißt es.

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