Ärzte Zeitung, 12.06.2013

Preisgekrönte Vorsorge

Ärzte bauen Check-up 35 um

Beim "Check-up 35" gehen Ärzte in Bremen neue Wege. Das Ziel: eine individuelle Prävention nach gesicherten medizinischen Erkenntnissen. Mit dieser Idee wurden sie jetzt im Wettbewerb "Berliner Gesundheitspreis" von AOK und Ärztekammer Berlin ausgezeichnet.

Von Annegret Himrich

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Der Check-up 35 steht derzeit nur Patienten über 35 Jahren als Leistung zur Verfügung - das soll sich mit der "Bremer Gesundheitsuntersuchung" ändern, denn sie erfasst auch jüngere Patienten.

© Peter Atkins / fotolia.com

BERLIN. Alle zwei Jahre können gesetzlich Krankenversicherte ab 35 Jahren die Vorsorgeuntersuchung "Check-up 35" nutzen. Dabei folgt die Untersuchung zur Früherkennung von Diabetes, Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen einheitlichen Vorgaben.

Das Alter des Patienten spielt dabei ebenso wenig eine Rolle wie eventuelle Vorerkrankungen oder spezielle Gesundheitsrisiken. In Bremen und Bremerhaven soll sich das ändern: Wissenschaftler der Universität Bremen haben gemeinsam mit Hausärzten eine evidenzbasierte Vorsorgeuntersuchung konzipiert.

Nach dem neuen Konzept werden Faktoren wie individuelle Risiken und Bedürfnisse der Patienten sowie das Alter berücksichtigt.

Außerdem passt die neue "Bremer Gesundheitsuntersuchung" die Inhalte der Untersuchung an aktuelle medizinische Erkenntnisse an.

Fragebogen soll Risiken entlarven

Initiatoren des Bremer Weges sind Dr. Guido Schmiemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Versorgungsforschung des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) der Universität Bremen sowie seine Kollegen Dr. Günther Egidi und Jürgen Biesewig-Siebenmorgen von der Akademie für hausärztliche Fortbildung Bremen.

Für ihre Arbeit wurden sie nun mit dem "Berliner Gesundheitspreis" von AOK und Ärztekammer Berlin ausgezeichnet. Die Gruppe gewann den mit 7500 Euro dotierten 3. Platz in der Ausschreibung zum Thema "Know how - wie kommt Wissen in die Praxis?"

Im Rahmen ihres Projektes sichteten sie zunächst die aktuellen internationalen Leitlinien und wählten dann geeignete Präventionsuntersuchungen aus. Anschließend entwickelten sie Fragebögen für drei Altersgruppen.

Darin werden Aspekte erfragt, die über die übliche Vorsorgeuntersuchung hinausgehen: Bei Patienten zwischen 18 und 35 Jahren sind das etwa Ernährung, Süchte und Impfungen.

Bei den 36- bis 70-Jährigen stehen Themen wie Krebsvorsorge, Schlaf und Schmerzen im Vordergrund, in der Gruppe der über 70-Jährigen geht es unter anderem um nötige Hilfen im Alltag oder die Patientenverfügung.

Der Patient bestimmt mit

Die Fragebögen erfassen die häufigsten Erkrankungen einer Altersgruppe. Die Patienten füllen sie vor der Untersuchung aus. Welche Gesundheitsprobleme erfasst werden, hängt dabei auch von den Präferenzen der Patienten ab.

Nur wenn sie durch Ankreuzen Informationsbedarf und Gesprächsbereitschaft zu einem Thema signalisieren, spricht der Arzt das Problem auch an.

"Ein Beispiel dafür ist die Harninkontinenz, für die sich viele Menschen schämen und die sie nicht von sich aus ansprechen", sagt der Allgemeinmediziner Guido Schmiemann. In einem solchen Fall kann der Arzt aber auch keine Hilfe anbieten.

"Anders als bei der etablierten Vorsorgeuntersuchung blicken wir stärker auf das Gesamtrisiko eines Patienten statt auf einzelne Parameter wie Blutdruck oder Blutzucker", erläutert er das neue Konzept der Untersuchung.

Das kann auch bedeuten, dass unnötige Leistungen wegfallen. "Bei einer 35-jährigen gesunden Frau muss nicht bei jeder Untersuchung der Cholesterinwert überprüft werden", so Schmiemann weiter.

440 Hausärzte wenden das Konzept an

Bei anderen Patienten dagegen rückten spezifische Risiken überhaupt erst in den Vordergrund. Ein Beispiel hierfür ist die Osteoporose.

"Über 70-jährige Patienten werden schriftlich gefragt, ob sie deutlich kleiner geworden sind. Ein Ja auf diese Frage kann ein erster Hinweis auf Osteoporose sein."

Nachdem das Konzept für die individuellere Vorsorgeuntersuchung stand, wurde es in der Praxis erprobt. Eine Studie in 17 Hausarztpraxen zeigte, dass Ärzte und Patienten das Konzept annahmen.

Die geplante Evaluation wird nun Anhaltspunkte geben, wie Leistungen zur Früherkennung von Krankheiten zielgerichtet weiterentwickelt werden können. Mittlerweile wenden schon rund hundert von 440 Hausärzten in Bremen und Bremerhaven das neue Konzept in ihren Praxen an.

Ein Preis für innovative Versorgung

Alle zwei Jahre werden in Berlin Konzepte für eine bessere Versorgungsqualität geehrt. Dieses Jahr gibt es gleich vier Preisträger.

Mit insgesamt 50.000 Euro haben die AOK und die Ärztekammer Berlin im Rahmen eines bundesweiten Innovationswettbewerbs um den "Berliner Gesundheitspreis 2013" Projekte ausgezeichnet, die zu einer besseren Versorgungsqualität in Deutschland beitragen. "Wie kommt Wissen in die Praxis?" lautete das Thema. Die Universität Graz erhielt für ihre Arbeit zur Umsetzung einer Leitlinie zur Sturzprophylaxe für ältere Patienten den ersten Platz und ein Preisgeld von 20.000 Euro.

Zweiter Sieger mit einem Preisgeld von 15.000 Euro wurde ein Projekt des Klinikums der Universität München: Die dort angesiedelte Abteilung Arzneimittelinformation hilft Ärzten und Pflegepersonal seit 1992 auf der Grundlage von evidenzbasiertem Know-how bei der Beantwortung aller Fragen rund um die Arzneitherapie.

Für den dritten Platz und jeweils 7500 Euro Preisgeld konnten sich zwei Projekte qualifizieren: Das Berliner Herzinfarktregister sorgt dafür, dass Herzinfarktpatienten nach internationalen Leitlinien behandelt werden. Und die "Bremer Gesundheitsuntersuchung" geht beim Check-up 35 neue Wege (siehe Bericht auf dieser Seite).

Mit dem Berliner Gesundheitspreis, der 1995 erstmals ausgelobt wurde, zeichnen die Berliner Ärztekammer und die AOK Nordost zusammen mit dem AOK-Bundesverband alle zwei Jahr innovative Konzepte in der Gesundheitsversorgung aus.

Der Wettbewerb widmet sich jeweils einem Thema, das eine besondere Bedeutung für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung hat. Gesucht werden praxiserprobte Projekte, aber auch zukunftsweisende Versorgungskonzepte, die geeignet sind, Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu verbessern.

Über 900 Bewerbungen in 18 Jahren zeigen, dass es an innovativen Ideen für eine optimierte Gesundheitsversorgung nicht mangelt. Von Anfang an ging es aber auch darum, kleineren Projekten ohne große Lobby eine öffentliche Plattform zu bieten.

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