Ärzte Zeitung, 19.06.2013

Ärzte spannen Präventionsnetz

Keine Angst vorm Pflegefall

Mit einem ausgeklügelten Präventionsprogramm versuchen Hausärzte und AOK im bayerischen Ebersberg, Patienten mit erhöhtem Schlaganfall- oder Demenzrisiko vorm Pflegefall zu bewahren. Mit Erfolg, wie nicht nur die Daten aus acht Jahren Präventionsarbeit zeigen.

Von Jürgen Stoschek

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Dreh- und Angelpunkt des Präventionsprogramms INVADE ist eine standardisierte Eingangsuntersuchung mit ausführlichem Anamnesegespräch.

© Troels Graugaard / istockphoto.com

EBERSBERG. "Das Präventionsprojekt INVADE ist auf lange Sicht angelegt", betont der Hausarzt-Internist Othmar Gotzler aus Grafing bei München. Gotzler ist von Anfang an mit dabei.

An INVADE - die Abkürzung steht für Interventionsprojekt zerebrovaskuläre Erkrankungen und Demenzen im Landkreis Ebersberg - arbeiten mehr als 60 Hausarztpraxen sowie drei Facharztpraxen und 72 Präventionsassistentinnen mit.

Ziel des Projekts mit der AOK Bayern, das bereits seit über zehn Jahren läuft, ist es, die Erkrankungshäufigkeit von Schlaganfall und Demenz sowie die sich daraus ergebenden Fälle von Pflege- und Hilfsbedürftigkeit zu reduzieren.

Auch die Kreisklinik Ebersberg ist mit einem eigens gegründeten Hochdruckzentrum in das Programm eingebunden, berichtet Gotzler, der seit etwa fünf Jahren Vorstandsvorsitzender von INVADE ist.

4000 Versicherte machen mit

Derzeit haben sich rund 4000 AOK-Versicherte, die älter als 50 Jahre sind, bei ihrem Hausarzt in einen Präventionsvertrag eingeschrieben.

"Jeder eingeschriebene Versicherte bekommt zunächst eine standardisierte Eingangsuntersuchung mit einem Optimum an Präventivdiagnostik, die on Top zur Regelversorgung durchgeführt wird", berichtet Gotzler.

Dazu gehören eine ausführliche Anamnese, ein Ganzkörperstatus, eine risikoorientierte Blutuntersuchung mit hochsensitivem CRP und eine quantifizierende Urinuntersuchung zur Früherfassung von Niereninsuffizienz.

Weitere Untersuchungen betreffen Fettstoffwechsel und Blutzucker, den Gefäßstatus und die Bestimmung des Ankle Brachial Index (Knöchel-Arm-Index) als Maß für Durchblutungsstörungen. Zur Eingangsuntersuchung gehören außerdem ein Ultraschall der Halsschlagadern und ein standardisierter Demenztest.

Patienten, bei denen durch die Untersuchungen ein erhöhtes Risiko festgestellt wird, bekommen zusätzlich eine 24-Stunden-Blutdruckmessung. In der Folge werden Hochrisikopatienten von zertifizierten Präventionsassistentinnen, die jede teilnehmende Hausarztpraxis vorhalten muss, geschult.

Themen der Schulungen sind Hochdruck, Diabetes, Hyperlipidämie, Rauchen, Bewegung, Ernährung und andere Aspekte einer gesünderen Lebensweise.

Evaluation nach acht Jahren Laufzeit

Hochrisikopatienten müssen im Quartal mindestens drei Kontakte mit der Praxis haben. Alle zwei Jahre wird die Eingangsuntersuchung als Verlaufskontrolle wiederholt. Eingeschriebene Patienten, die zur Nicht-Risikogruppe gehören, sollen wenigsten einmal im Quartal Kontakt mit ihrem Hausarzt haben, berichtet Gotzler.

Zeigen die Befunde bei den Untersuchungen eine Verschlechterung, wie etwa eine Zunahme der Intima-Media-Dicke an der Karotis, oder erleidet der Patient in der Zwischenzeit beispielsweise einen Infarkt, wird er ebenfalls der Gruppe der Hochrisikopatienten mit entsprechend engmaschigeren Kontrollen zugeordnet.

Dass das primärmedizinische Präventionsprogramm erfolgreich ist, hat eine wissenschaftliche Evaluation gezeigt, deren Ergebnisse kürzlich im Journal of the American Heart Association (JAHA) veröffentlicht wurden.

Die Auswertung nach acht Jahren Laufzeit ergab, dass die Pflegebedürftigkeit im Landkreis Ebersberg um fast zehn Prozent geringer ausgefallen war, als man eigentlich hätte erwarten müssen.

Die Zahl der Klinikbehandlungen war rückläufig und die Lebenserwartung der Versicherten erhöht. Ein Grund für den Erfolg von INVADE sei neben dem engen Kontakt von Patient und Hausarzt auch die konsequente Anwendung wissenschaftlich fundierter Diagnose- und Therapieverfahren, betont Gotzler.

Ausgezeichnetes Projekt

Die Therapie erfolge auf der Grundlage aktueller evidenzbasierter Leitlinien, die auch regelmäßig in Qualitätszirkeln besprochen werden.

Nach Gotzlers Erfahrungen haben die Versicherten durchaus den Wunsch nach präventiven Leistungen. "Denen kann man guten Gewissens INVADE anbieten. In dem Programm fahnden wir gezielt nach Risikofaktoren für einen Schlaganfall oder eine Demenz wie etwa Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen oder Übergewicht und behandeln dann leitliniengerecht".

Das Projekt stößt auch bei der Politik auf großes Interesse: Vor zwei Jahren hat die Bayerische Landesbank INVADE mit dem "Deutschen Innovationspreis im Gesundheitswesen" ausgezeichnet.

Und vor kurzem hat das Bayerische Gesundheitsministerium das Präventionsprojekt mit dem Qualitätssiegel "Gesundheitsregion Bayern" bedacht.

"Nicht nur das Innovative des Projekts, sondern auch die Tatsache, dass es schon so lange existiert, lässt INVADE in die ‚Champions League‘ der bayerischen Gesundheitsregionen aufsteigen", sagte Gesundheitsstaatssekretärin Melanie Huml bei der Verleihung.

Interview: Zehn Prozent weniger Pflegefälle

Das Präventionsprogramm INVADE wurde von Anfang an wissenschaftlich evaluiert. Der Epidemiologe Dr. Horst Bickel von der TU München erklärt, was das Projekt leistet.

Ärzte Zeitung: Was hat die Evaluation von INVADE ergeben?

Dr. Horst Bickel: Wir haben die Daten von allen AOK-Versicherten in den Landkreisen Ebersberg und Dachau hinsichtlich der Pflegebedürftigkeit über acht Jahre miteinander verglichen.

Nach unseren Berechnungen lagen im Landkreis Ebersberg zwischen 2004 und 2008 sowohl die Inzidenz als auch die Prävalenz von Pflegebedürftigkeit um rund zehn Prozent niedriger als im Landkreis Dachau. Vor Beginn von INVADE waren die Raten identisch gewesen.

Was bedeutet das für die Pflegeversicherung?

Ohne die Ergebnisse gleich auf ganz Deutschland hochrechnen zu wollen, kann man doch sagen, dass die Reduktion der Ausgaben für Pflegebedürftigkeit erheblich ist. In den letzten vier Jahren der Evaluation von INVADE hatten wir bei den AOK-Versicherten jährlich etwa 100 Pflegebedürftige weniger als zu erwarten.

Wenn man ganz grob gerechnet annimmt, dass ein Pflegebedürftiger in der Pflegeversicherung pro Jahr 10.000 Euro kostet, ist man bei einer Million Euro, die man jedes Jahr eingespart hat.

Was empfehlen Sie für die Versorgung?

Unser eigentliches Ziel ist es ja, Schlaganfälle und Demenz und damit letztendlich auch Pflegebedürftigkeit zu verhindern. Bei den Demenzen haben wir im Moment überhaupt keine anderen Möglichkeiten als präventiv etwas zu unternehmen.

Deshalb sollte alles, was als Risikofaktoren auf Demenz hinweist, Gegenstand von Präventionsmaßnahmen sein. Das lässt sich am besten in der Hausarztpraxis umsetzen. Auch der Einsatz von Präventionsassistentinnen, etwa bei der Kontrolle des Bluthochdrucks, ist eine gute Sache.

Wie geht es weiter?

Invade 1 wurde 2008 abgeschlossen und Invade 2 hat 2009 begonnen. Wir sammeln weiterhin die Daten und begleiten das ganze wissenschaftlich. Es wird also wieder neue Ergebnisse geben.

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