Ärzte Zeitung, 16.09.2014

Beratungszentrum

Hilfe für Schwangere bei der Arzneimittelwahl

Braucht eine werdende oder stillende Mutter Medikamente, kommt schnell die Sorge um das Baby auf. Auch Ärzte sind in dieser Frage häufig unsicher. Ein Anruf beim Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité sorgt für Klarheit.

Von Taina Ebert-Rall

BERLIN. Wenn die Telefone in den Beratungszeiten des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie klingeln, suchen nicht nur Schwangere, sondern auch Ärzte ganz unterschiedlicher Fachrichtungen Rat in heiklen Fragen: Welche Psychopharmaka dürfen einer Patientin trotz Schwangerschaft verordnet werden? - Oder sind Biologika zur Behandlung einer stillenden oder schwangeren Rheuma-Patientin zulässig?

"Nach wie vor stellen wir hier große Unsicherheiten auch bei erfahrenen Ärzten fest", sagt Kinderarzt Dr. Christof Schaefer, der das bei der Berliner Charité angesiedelte Zentrum leitet. "Dabei werden die Risiken einer medikamentösen Behandlung häufig auch überschätzt."

Denn sowohl die Rote Liste als auch die Beipackzettel von Medikamenten bieten nicht annähernd alle Informationen, um Unsicherheiten bei der Medikamentengabe an Schwangere auszuräumen.

Risikohinweise richtig lesen

Die Experten des Beratungszentrums beantworten umfassend Fragen zum Risiko durch Arzneimittel, Drogen, Röntgenstrahlen, Infektionen sowie Chemikalien am Arbeitsplatz und in der Umwelt während der Schwangerschaft und in der Stillzeit. Deshalb nutzen nicht nur Laien, sondern auch Ärzte und Apotheker deren Kompetenz.

"Oft hören wir, dass Schwangere unsere Internetseite embryotox.de bei ihren Recherchen gefunden und dann an ihren behandelnden Arzt weitergegeben haben", so Schaefer.

Damit werde eine optimale Beratungssituation geschaffen. "Vor allem bei schwierigeren Fragen ist es von Vorteil, wenn wir zeitgleich, zum Beispiel mit laut gestelltem Telefon, mit dem Arzt und der Schwangeren sprechen können. Dann können wir eventuelle Rückfragen sofort beantworten und der Arzt oder die Ärztin kann unsere Informationen richtig einordnen."

Schaefer: "So können Fehlverordnungen am leichtesten vermieden, die Compliance der Patientinnen am ehesten erreicht werden."

Zu Verunsicherung sowohl unter Fachleuten als auch Laien führe häufig der Hinweis "Schwangerschaft: kontraindiziert" auf dem Beipackzettel eines Medikaments. "Das bedeutet aber nicht immer eine ernst zu nehmende Warnung vor einem entwicklungstoxischen Risiko", so Schaefer.

Praxisrealität sei schlicht, dass "Schwangere behandelt und eventuelle krankheitsbedingte Auswirkungen auf den Embryo verhindert werden müssen".

Wissen auf neuestem Stand

Schaefer: "Risikoklassifikationen und kurz gefasste Informationen zur Schwangerschaft in der Roten Liste oder auf Packungsbeilagen orientieren sich oft nicht am aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand." Dagegen beraten die Experten des Zentrums auf der Basis international publizierter Studienergebnisse, auf der Auswertung ihrer eigenen Datensammlung und dem Austausch mit anderen Embryotox-Zentren weltweit. Das Beratungsangebot von Embryotox wird von der AOK finanziell unterstützt.

Etwa jede vierte Beratung zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft betrifft nach Schaefers Angaben die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen, womit die Anfragen und dementsprechend die Beratungen zu diesem Indikationsgebiet seit Jahren an erster Stelle stehen.

In letzter Zeit deutlich zugenommen haben laut Schaefer Anfragen zum Thema rheumatische Erkrankungen und deren Behandlung mit Biologika. "Allerdings ist der Anteil der Schwangeren mit antirheumatischen Medikamenten mit etwa fünf Prozent aller Anfragen noch vergleichsweise niedrig."

Besonders effektiv und zeitsparend verlaufen die Beratungsgespräche am Telefon, wenn sich die Ratsuchenden gut vorbereiten. "Es hilft uns zum Beispiel sehr, wenn Ärzte die Anamnese parat haben", so Schaefer. "Wir brauchen ein umfassendes Bild der Schwangeren, samt aller Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum."

Schon vor dem Telefonat können Patientinnen und Ärzte Fragebögen aus dem Internet herunterladen, ausfüllen und auch gleich an die Beratungsstelle schicken. "Diese Vorbereitung lohnt sich für die Patientin und für den behandelnden Arzt."

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