Ärzte Zeitung, 04.09.2015

Kinderarzt

Wichtiger Mittler für die Gesundheit der Jüngsten

Leistungsdruck, Zeitdruck, zunehmende Vereinzelung: Wenn es um die gesunde Entwicklung ihrer Kinder geht, ist es für Eltern gar nicht so leicht, ihren Ansprüchen an sich selbst gerecht zu werden. Kinderärzten kommt hier eine wichtige Rolle als Mittler zwischen ganz unterschiedlichen Anlaufstellen zu. Das zeigt eine AOK-Familienstudie.

Von Taina Ebert-Rall

Wichtiger Mittler für die Gesundheit der Jüngsten

BERLIN. Die Erwartungen an Kinder- und Jugendärzte sind hoch. Sie sollen fachlich kompetent und kinderlieb sein und sich Zeit für die Kinder und deren Eltern nehmen.

Gelassenheit, Sicherheit, Empathie, Respekt und Offenheit sind denn auch die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die einen guten Kinderarzt aus Sicht der befragten Eltern ausmachen.

So das Ergebnis einer jetzt ausgewerteten Befragung von Kinderärzten und Eltern zu Prävention und Compliance im Rahmen der AOK-Familienstudie 2014. Umgekehrt wünschen sich Kinderärzte mehr Einblick in den gesundheitsrelevanten Alltag der Kinder, eine bessere Vernetzung der jeweiligen Experten, zu denen auch Lehrer und Mitarbeiter in Beratungsstellen zählen, und ganzheitliche Konzepte.

Alle befragten Kinderärzte haben die Bedeutung einer gelungenen Kommunikation und guter Compliance für den Erfolg einer Behandlung betont. Den Weg dafür kann aus Sicht von Eltern zunächst einmal ein freundlicher Empfang in der Praxis bereiten.

Nicht zuletzt deshalb achten viele Ärzte auch darauf, dass die Räume der Praxis kinderfreundlich und farblich ansprechend gestaltet sind.

Auch gestalten manche Ärzte die Praxis in der pädagogischen Absicht, Eltern und Kindern quasi nebenbei Anregungen mit auf den Weg zu geben, zum Beispiel durch Geschicklichkeitsspielzeug oder eine Auswahl an Büchern.

Stadt- und Landpraxen befragt

Für die Erhebung wurden Ende 2013 Interviews mit 24 Eltern aus allen gesellschaftlichen Gruppen in deren Zuhause sowie mit 16 Kinder- und Jugendärzten in deren Praxis in der Stadt und auf dem Land geführt. Die Gespräche dauerten jeweils 90 Minuten.

Im Ergebnis der Befragung sehen sich Kinder- und Jugendärzte vielfältigen Herausforderungen gegenüber.

Denn sie sind eine wichtige Adresse für Eltern, wenn es darum geht, den Gesundheitszustand und die Entwicklung ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Zwar gibt es viele Beratungsstellen und Fachärzte, bei denen sich Eltern informieren können, doch erhalten sie dort zum Teil widersprüchliche Einschätzungen. Kinderärzte weisen darauf hin, dass Eltern in der Folge oft verunsichert sind und sich nicht mehr als die Experten für die Gesundheit ihrer Kinder sehen.

Sowohl Eltern als auch Ärzte leiden unter Zeitmangel. Für Eltern ist ein Praxisbesuch oft mit einem hohen zeitlichen und organisatorischen Aufwand verbunden. Für Praxisteams bedeutet eine hohe Besuchsfrequenz verunsicherter Eltern wiederum Stress.

Als dauerhaftes Problem in der medizinischen Versorgung nannten die in der Untersuchung befragten Ärzte zudem eine mangelnde Compliance. Wegen der dreiseitigen Kommunikation Arzt-Eltern-Kind ist die Situation im Bereich der Pädiatrie der Untersuchung zufolge besonders schwierig. Vor allem bei der Prävention ist die Compliance von Eltern gering ausgeprägt, beklagen Kinderärzte.

Ausnahme U-Untersuchungen

Als positive Ausnahme in der Prävention wurden die U-Untersuchungen genannt, die für fast alle Elterntypen (siehe nebenstehenden Beitrag) eine große Bedeutung haben.

Denn sie helfen Eltern, den Entwicklungsstand ihres Kindes besser einzuschätzen und geben Sicherheit. Außerdem werden sie von vielen Eltern als Pflichttermine verstanden, an die sie regelmäßig von ihrer Krankenkasse oder der Kinderärztin erinnert werden.

Die Kinder- und Jugendärzte wiederum sehen in den U-Untersuchungen die Chance zu Korrekturen, wenn Eltern gesundheitliche Risiken falsch einschätzen.

Auch bieten diese Untersuchungen einen zeitlichen Rahmen, in dem der Kinderarzt den ganzheitlichen und aktuellen Entwicklungs- und Gesundheitszustand eines Kindes regelmäßig überprüfen und die Eltern gegebenenfalls beraten kann. Allerdings werden die U-Untersuchungen mit steigendem Alter der Kinder nicht mehr so häufig in Anspruch genommen.

Kommunikation: Die richtige Ansprache für jeden Elterntyp

Insgesamt sechs verschiedene Elterntypen haben Kinderärzte in der Familienstudie 2014 ermittelt.

Bei der Behandlung von Kindern sind Ärzte in großem Maß auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen. Eine große Herausforderung besteht deshalb darin, sich auch auf deren Erwartungen einzustellen. In der Befragung im Rahmen der Familienstudie 2014 beschrieben die Kinderärzte insgesamt sechs Elterntypen:

"Arztkritische Alternative" werden als anspruchsvoll beschrieben, stammen aus der oberen Mittel- und Oberschicht und verfügen aus Sicht der befragten Ärzte über "Laienexpertise". Die Grundhaltung dieser Eltern wird als kritisch gegenüber der Schulmedizin, mit einer hohen Affinität zu alternativen Ansätzen, beschrieben, die Compliance als eher niedrig eingestuft. Hilfreich sind ein sachlich-professioneller Umgangston und ein partnerschaftliches Verhalten.

"Überforderte" werden von den Ärzten eher der Unter-, aber auch der Mittelschicht zugeordnet, verfügen kaum über Gesundheitswissen und sind eher unsicher. Die Compliance ist wegen allgemeiner Überforderung gering. Eine einfache, klare Sprache, Hinweise, die den Eltern Hoffnung geben und geeignete Infoblätter sowie Hinweise zum Beispiel auf spezielle Beratungsstellen können die ärztliche Arbeit unterstützen.

Bei den "Gleichgültig-Nachlässigen" entscheiden sich die befragten Ärzte eher dafür, besonders auf Risiken und Gefahren hinzuweisen und verfolgen häufig eine paternalistische Strategie. Die Grundhaltung solcher Eltern, die eher der Unter- und unteren Mittelschicht mit geringem Bildungsniveau zugeordnet werden, wird als träge beschrieben, Compliance wird nach Einschätzung der Befragten eher vorgetäuscht.

"Aufgeklärt-Pragmatische" sind aufgeklärte, gebildete und kooperative Eltern, mit denen die befragten Ärzte gut auf Augenhöhe kommunizieren können. Diese Eltern sind gebildet und werden der Mittel- und Oberschicht zugeordnet. Ihre Compliance wird als sehr hoch eingestuft, wobei Anweisungen des Arztes nicht unreflektiert hingenommen werden.

Die "Angstgesteuerten" kommen aus allen sozialen Schichten, häufiger aber aus der oberen Mittel- und aus der Oberschicht und beziehen Gesundheitsinfos aus dem Internet oder von Bekannten. Ihre Erwartung an den Kinderarzt ist hoch, die Compliance mittelmäßig. Hier gilt es für die Kinderärzte, ruhig und souverän zu bleiben.

Sehr hohe Erwartungen an den Arzt haben der Befragung zufolgedie "Dankbaren Arztgläubigen", die in Ärzten eine Autorität sehen. Dieser Typ wird von den Befragten als sehr fürsorglich und um Mithilfe bemüht beschrieben, die Compliance als eher mittelmäßig. Klare Handlungsempfehlungen sind hier hilfreich. (Ebert-Rall)

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