Ärzte Zeitung, 02.10.2015

Patientensicherheit

Kliniken legen sich ins Zeug

Den verkehrten Zeh amputiert, ein Bauchtuch im Operationsgebiet vergessen, das falsche Medikament verabreicht: Damit das nicht passiert, intensivieren viele Kliniken ihr Risikomanagement. Eine Umfrage des Instituts für Patientensicherheit zeigt aber auch: Es gibt noch weiße Flecken.

Von Thomas Hommel

Kliniken legen sich ins Zeug

Risikovorsorge im Krankenhaus beginnt beim Händewaschen - hört bei der Einrichtung eines Fehlermeldesystems allerdings noch lange nicht auf.

© 4774344sean / iStockphoto

BERLIN. Die Patientensicherheit an Deutschlands Krankenhäusern macht Fortschritte - doch längst ist noch nicht alles im grünen Bereich.

So lautet das Fazit einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Instituts für Patientensicherheit (IfPS) des Universitätsklinikums Bonn unter insgesamt 572 Kliniken, darunter große Uniklinika ebenso wie kleinere Kreiskrankenhäuser. Erstellt wurde die Studie in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, dem AOK-Bundesverband und der Techniker Krankenkasse.

Die Fortschritte zeigen sich erfreulicherweise auf allen Gebieten: So verwenden heute nahezu alle der vom IfPS befragten Kliniken ein breites Daten-Spektrum, um Risiken und Schwachstellen aufzuspüren. 98 Prozent der Häuser nutzen dazu etwa Patientenbefragungen. 2010, zum Zeitpunkt der Vorgängerbefragung, taten dies erst 47 Prozent.

Schadensfälle werten mittlerweile 91 Prozent der befragten Häuser aus - vor fünf Jahren waren es 79 Prozent. 96 Prozent der Häuser betreiben inzwischen Kennzahlen-Analysen (2010: 86 Prozent) und 91 Prozent erheben selbst Daten, um mögliche Stolpersteine in internen Abläufen zu entdecken (2010: 84 Prozent) und zu beseitigen.

Immer mehr Kliniken mit CIRS

Auch in Sachen Risikobewältigung tut sich einiges, bewährte Verfahren kommen immer häufiger zum Einsatz. Beispiel Infektionen: 91 Prozent der Kliniken führen inzwischen ein systematisches MRSA-Screening bei Risikopatienten durch, 2010 waren es erst 72 Prozent.

Auch die Einführung professioneller Fehlermeldesysteme - sogenannte Critical Incident Reportings (CIRS) -, deren Einsatz den Kliniken vom Gemeinsamen Bundesausschuss empfohlen worden ist, kommt gut voran. Inzwischen setzen mit 68 Prozent der Kliniken doppelt so viele Häuser auf ein lokales Meldesystem wie vor fünf Jahren.

Insgesamt habe sich das klinische Risikomanagement seit 2010 positiv entwickelt, allerdings gebe es auch weiterhin weiße Flecken, betont IfPS-Direktorin Professor Dr. Tanja Manser.

"Ermutigend" sei es, dass gerade bei Schulungen zu CIRS-Fehlermeldesystemen, aber auch bei der Reaktionszeit gegenüber Fehler-Meldenden Fortschritte erzielt worden seien. Eher selten der Fall sei leider, dass Risiken systematisch oder gar proaktiv analysiert würden, um sie rechtzeitig abzustellen.

Als Beispiel nennt Manser das Szenario, eine Intensivstation im Brandfall zu evakuieren. Hilfreich sei es, proaktiv zu schauen, was in einem solchen Fall schiefgehen könnte. Wenn erst bei einer tatsächlichen Räumungsaktion festgestellt wird, dass die Intensivbetten nicht durchs Treppenhaus passen, sei es zu spät.

Auch bei der Zusammenführung der gesammelten Risikoinformationen gibt es noch Luft nach oben. In vielen Kliniken fehlt es außerdem noch an einer Systematisierung der Risikovorsorge.

Dementsprechend sehen die befragten Kliniken auch Verbesserungsbedarf im offenen Umgang mit Fehlern, bei Vernetzung und Austausch zwischen Häusern und Abteilungen sowie bei der Standardisierung der Verfahren.

Für die meisten befragten Kliniken stellen Schnittstellenprobleme bei Aufnahme, Entlassung, Abteilungswechsel und Übergabe das größte Risiko dar.

An zweiter Stelle folgen die Risiken bei der Arzneimitteltherapie. Auf Platz drei liegen diagnostische und therapeutische Risiken (2010: Rang sechs). Die Notfallaufnahme rangiert auf Platz vier, Infektionen/Hygiene auf Platz fünf (2010: Platz drei).

AOK engagiert sich seit Jahren

Behandlungsfehler seien bis heute eine "heikle Angelegenheit", betont Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbandes. Die Gesundheitskasse habe daher bereits vor vielen Jahren begonnen, gemeinsam mit Partnern wie dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, der DKG und anderen das Thema Patientensicherheit nach vorne zu bringen.

Exemplarisch nennt Litsch die 2008 veröffentlichte Broschüre "Aus Fehlern lernen", in der sich erstmals Persönlichkeiten aus der Medizin zu ihren Fehlern bekannten.

Auch die Aktion "Saubere Hände" oder das Teamtraining für Geburtshelfer "Simparteam", das aus einer systematischen Fehleranalyse bei Geburtsvorgängen heraus entwickelt wurde, seien Belege für das Engagement der AOK in punkto Sicherheitskultur und Qualität.

An Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte richte sich die 2014 erschienene Publikation "Jeder Fehler zählt", die einmal mehr belege: "Es ist richtig, über Fehler zu reden. Nur dann lässt sich etwas lernen."

Mehr Infos zum Thema: Versorgungsqualität und Patientensicherheit: www.aok-gesundheitspartner.de > Rubrik Krankenhaus > Versorgungsqualität > Patientensicherheit

Interview: "Noch offener mit Fehlern umgehen"

Wo stehen Deutschlands Kliniken in puncto Risikomanagement? Fragen an Professor Tanja Manser, Leiterin des Instituts für Patientensicherheit (IfPS) an der Uniklinik Bonn.

Frau Professor Manser, die Krankenhäuser setzen ein breites Maßnahmen-Spektrum ein, um die Sicherheit der Patienten zu erhöhen. Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren konkret getan?

Manser: Mit Blick auf das Critical Incident Reporting, um ein Beispiel zu nennen, ist die Umsetzung der Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses zu lokalen und einrichtungsübergreifenden Fehlermeldesystemen weiter vorangeschritten. Viele Kliniken arbeiten heute mithilfe eines solchen CIRS. Positive Entwicklungen zeigen sich darüber hinaus bei entsprechenden CIRS-Schulungen, dem zeitnahen Feedback an meldende Ärzte oder Pflegekräfte sowie bei der Ableitung und Kommunikation von Maßnahmen nach CIRS-Auswertungen.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Ein systematisch geführtes klinisches Risikomanagement und eine offene Sicherheitskultur fristen in vielen Häusern leider noch ein Nischendasein. Das ist schade, denn auf diese Weise ließen sich Prozesse im Krankenhaus, aber auch die interprofessionelle Kommunikation auf den Stationen und zwischen den Abteilungen verbessern. Kurzum: Wir brauchen trotz aller Fortschritte der Vergangenheit einen noch offeneren Umgang mit Fehlern und Schwachstellen. Das gilt für das Krankenhaus wie die Arztpraxis gleichermaßen.

Welche Vorteile bringt Risikomanagement Patienten und Mitarbeitern einer Klinik?

Man lernt nicht nur, aber man lernt vor allem aus Fehlern. Daher gilt: Ein systematisches und konsequent geführtes Risikomanagement unterstützt Ärzte und Pflegekräfte darin, mögliche Risiken bei der Patientenversorgung zu erkennen, zu reduzieren und auch zu bewältigen. Das ist die unabdingbare Voraussetzung für nachhaltige Sicherheit im Krankenhaus - und davon profitieren die Patienten, die sich sicherer und besser versorgt fühlen in diesem oder in jenem Krankenhaus. Und so etwas spricht sich herum. (hom)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »