Ärzte Zeitung, 14.12.2015

Dr. Karl-Josef Eßer im Interview

Warum Leitlinien in der Pädiatrie so wichtig sind

Trotz des hohen Versorgungsniveaus haben laut aktuellem WIdO-Report nicht alle Kinder in Deutschland die gleichen Gesundheitschancen. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Karl-Josef Eßer, erklärt, wo die Herausforderungen für Pädiater liegen. Und warum er auf Leitlinien setzt.

Das Interview führte Taina Ebert-Rall

Dr. Karl-Josef Eßer

Warum Leitlinien in der Pädiatrie so wichtig sind

© Privat

seit 2012 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Zu seinen thematischen Schwerpunkten zählt die Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Praxen und Kliniken. .

bis Anfang 2012 Ärztlicher Direktor am St.-Marien-Hospital Düren und Chefarzt der dortigen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.

Ärzte Zeitung: Dr. Eßer, aus ihrer Erfahrung heraus, wo hakt es bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen am stärksten?

Dr. Karl-Josef Eßer: Das ist schwer zu sagen. Im Großen und Ganzen sind Kinder und Jugendliche bei uns ja gut versorgt. Allerdings ist die Kinder- und Jugendmedizin unter anderem deshalb so anspruchsvoll, weil sie sehr verschiedene Altersgruppen betrifft. Das reicht vom Neugeborenen bis zu jungen Menschen im Erwachsenenalter.

Und da gibt es eben ganz unterschiedliche Krankheitsbilder und ein entsprechend breites Leistungsspektrum. Allerdings gibt es drei Punkte, die mir sehr am Herzen liegen.

Das ist zum einen die Arzneimitteltherapie bei Kindern, und zum anderen ist das eine leitliniengerechte Behandlung, die ich für absolut wichtig halte und dann sollten wir auch psychosoziale Belange im Blick behalten.

Wo sehen Sie denn das Problem bei Medikamenten?

Eßer: Ein enorm hoher Anteil der Medikamente, die Kindern und Jugendlichen verabreicht wird, ist nicht für ihre Altersgruppe geprüft. Früh- und Neugeborene bekommen bis zu 90 Prozent zulassungsüberschreitende Arzneimittel, in Kliniken liegt der Off-Label-Anteil der an Kinder und Jugendliche verabreichten Arzneimittel bei rund 50 Prozent und in Arztpraxen immer noch bei etwa 30 Prozent.

Besonders dramatisch stellt sich der Off-Label-Use nach unseren Erkenntnissen bei Kindern unter zwei Jahren und bei Kindern mit seltenen Erkrankungen dar.

Und woran liegt das?

Eßer: Uns fehlen Studienergebnisse. Bei neuen Medikamenten muss zwar die Wirksamkeit und die Eignung belegt werden. Aber es gibt eben nur ganz wenig neue Medikamente für Kinder. Kinder und Jugendliche werden häufig mit älteren Arzneimitteln behandelt, die nur an Erwachsenen getestet wurden. Hintergrund sind natürlich auch wirtschaftliche Fragen.

... sehen Sie hier einen Ausweg?

Eßer: Für eine Forschung, die zu mehr Kinderarzneimitteln führen soll, braucht es Unterstützung aus Politik und Gesellschaft! Und zusätzlich können wir versuchen, aus Erfahrungen zu lernen. Meine Bitte an Kollegen wäre es deshalb, ihre Erfahrungen weiterzugeben und Nebenwirkungen von Medikamenten zu melden.

Sie sprachen auch die Leitlinien an ...

Eßer: Ja, die Leitlinien sind ein absolut wichtiges und hilfreiches Instrument. Sie werden regelmäßig aktualisiert und sind von daher immer auf dem neuesten Erkenntnisstand. Unsere Gesellschaft betreut etwa 300 verschiedene Leitlinien in Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen, also zum Beispiel mit Kinderchirurgen oder HNO-Ärzten.

Jetzt zum Beispiel wurde gerade die Leitlinie im Bereich Mandelentzündungen erstellt. Sie sieht vor, dass Tonsillektomien oder Tonsillotomien dann eine therapeutische Option sind, wenn in 18 Monaten mindestens sechs Mal eine eitrige Mandelentzündung mit Antibiotika therapiert wurde. So können unnötige Operationen vermieden werden.

Gerade in der Kinder- und Jugendmedizin achten wir darauf, dass Kinder- und Jugendärzte an jeder Leitlinie mitarbeiten. Für die Leitlinien gibt es keine finanzielle Unterstützung und sie sind (fast) völlig unabhängig, auch von der Industrie. Die Autoren arbeiten ehrenamtlich an den Leitlinien. Deshalb ist auch die Akzeptanz sehr hoch.

Bei der DGKJ bieten wir unseren Mitgliedern übrigens einen direkten Onlinezugang zu den aktuellsten Versionen der Kinder- und Jugendmedizin, das ist ein hilfreiches Instrument für die fachärztliche Arbeit.

Wie lautet Ihr spezieller Wunsch an niedergelassene Kollegen?

Eßer: Ich weiß, dass die Leitlinien sehr umfangreich sind und in ihrer Gesamtheit schlecht als Handbuch genutzt werden können. Aber in einer ruhigen Stunde können Sie sie ja bitte unter www.leitlinien.org aufrufen und darin lesen.

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