Sonderdruck, 02.10.2010

Der Spitzel im Kollegenkreis

Einblicke in das Intimleben vieler Bürger sowie Zugang zu fast allen staatlichen Betrieben und Organisationen: Ärzte standen im speziellen Fokus der Staatssicherheit.

Von Rebecca Beerheide

Der Spitzel im Kollegenkreis

Tausende Akten von inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi erzählen oft Geschichten von menschlichen wie politischen Abgründen.

© dpa

Sie waren Bespitzler und Bespitzelter, Täter und Opfer des Regimes: "IM-Ärzte waren theoretisch in der Lage, über große Teile der Bevölkerung Informationen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu gewinnen und vielschichtige Hinweise an das MfS zu liefern", sagt die Historikerin Dr. Francesca Weil.

In ihrer Studie "Zielgruppe Ärzteschaft" über das Ausmaß der IM-Tätigkeit von Ärzten wertete sie 493 Akten aus - nicht repräsentativ und mit regionalem Schwerpunkt in Sachsen, aber mit deutlichen Tendenzen: Die Ärzteschaft in der DDR war mit einem IM-Anteil von drei bis fünf Prozent stärker durchdrungen als andere Berufe - gleichzeitig lehnte ein Großteil der Ärzteschaft die Anwerbungen ab.

Die systematische Überwachung des Gesundheitswesens begann in den 1950er Jahren. Zu dem Zeitpunkt wurden Studenten, Dozenten oder Chefärzte an den Universitäten angeworben, die über die Hochschule berichten sollten. Ärzte, die ab den 1960er Jahren der Stasi zulieferten, sollten vor allem persönliche wie berufliche Westkontakte der Kollegen an das MfS berichten.

Fakten

Der Spitzel im Kollegenkreis

In einigen Fällen wollte das MfS diese Kontakte mit Tricks unterbinden: Medizinern, die solcher Kontakte verdächtig waren, wurde ein "Vergehen" oftmals mit Hilfe von "Legenden" vorgespielt. Als "Wiedergutmachung" für das Fehlverhalten wurde vom MfS eine IM-Tätigkeit erzwungen.

Damals lies sich schwer abschätzen, welche Konsequenzen eine Ablehnung der Mitarbeit gehabt hätte. Laut der Studie von Historikerin Weil stimmten viele, die unter Druck gesetzt wurden "ohne langes Zögern der Verpflichtung zur inoffiziellen Tätigkeit" zu. "Ein geringer Teil schwankte, hielt kurz inne oder äußerte offene Fragen und Bedenken."

Das Netz aus inoffiziellen Mitarbeitern erweiterte sich mit den 1970er Jahren deutlich - auch in der Gesellschaft nahm in dem Jahrzehnt die Bespitzelung stark zu. Somit kann davon ausgegangen werden, dass bis zu Beginn der 1980er Jahre aus jeder wichtigen medizinischen Einrichtung IM's zuverlässig berichteten.

Stichwort

Ministerium für Staatssicherheit

Das Ministerium für Staatssicherheit, mit MfS oder auch Stasi abgekürzt, wurde 1950 gegründet. Von 1957 bis zur Auflösung 1989 stand Erich Mielke an der Spitze des geheimen Nachrichtendienstes der DDR. Ausgestattet mit exklusive Befugnissen sorgte das MfS über die Jahre durch ein weitverzweigtes Zuträgersystem für eine flächendeckende Überwachung der Bevölkerung. Die Tätigkeit des MfS war durch interne Richtlinien und Dienstanweisungen bestimmt. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) wurden mit schriftlichen Verpflichtungserklärungen zur Mitarbeit verpflichtet. 1989 zählten zum MfS 85 500 hauptamtliche Mitarbeiter und wahrscheinlich über 180 000 IM. Nach der Wiedervereinigung ist ein Streit über die Aufarbeitung der noch vorhandenen Akten entstanden. Man geht davon aus, dass von rund vier Millionen ostdeutschen und zwei Millionen westdeutschen Bürgern noch Akten vorliegen. Viele wurden in der Übergangszeit zerstört. Bei der Vergangenheitsbewältigung tauchte die Frage auf, ob Opfer entschädigt werden sollen und ob ehemalige IM‘s heute im öffentlichen Dienst arbeiten dürfen.

Angesetzt wurden die IM-Ärzte hauptsächlich auf ihre Kollegen. Aus Besprechungen auf unterschiedlichen Ebenen sollte deren politische Einstellungen zum System oder der Wille zur Ausreise frühzeitig gemeldet werden. Direkte Anweisungen, Berichte über Patienten zu liefern, sind eher selten in den 493 Akten, die Weil in der Studie analysiert hat, zu finden.

"Die Aufgabenstellung an jeden IM war unterschiedlich. Oft hatte sich die Weitergabe von Patientendaten im Laufe der IM-Tätigkeit ergeben", erklärt Weil im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Das entschuldigt die vielen Fälle die Verletzung der Schweigepflicht, die auch nach Paragraf 225 Strafgesetzbuch der DDR galt, nicht.

Die Studie belegt, dass 116 von 418 Ärzte Hinweise über Patienten weitergegeben haben. Weil zählt Fälle auf, in denen hunderte Gutachten und Protokollen archiviert wurden. "Die Verletzung der Schweigepflicht war als Straftat nach 1990 schnell verjährt", so Weil.

Einige Mediziner hatten die Aufgabe, über die Versorgung an Kliniken zu berichten. So bekam das MfS jahrelang einen Einblick in die Missstände im Gesundheitswesen, in dem es an Medikamenten und Geräten mangelte. Viele lieferten Berichte im Glauben, diesen Zustand vor einer "höheren Stelle" anprangern zu können. Da sich aber trotz der Berichte wenig änderte, wandten sich einige Ärzte frustriert ab.

Nach der Wiedervereinigung rechtfertigten viele ihre Spitzel-Tätigkeit mit den Worten "Ich habe niemandem geschadet". Diese Einstellung sei bei vielen Berufsgruppen anzutreffen, erklärt Weil. Daher müsse man die IM-Berichte hauptsächlich nach Qualitätsmaßstäben bewerten.

Die Aufarbeitung der Tätigkeit von IM-Ärzten war nach Meinung von Weil nicht nur im Osten, sondern auch im Westen ungenügend. "Viele leb(t)en unbehelligt und engagier(t)en sich gesellschaftspolitisch", so lautet Weils Fazit.

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