Sonderdruck, 09.11.2009

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Ein Gefühl wie vor der Hochzeit

Millionen Menschen in der DDR waren sich in den Wochen vor dem 9. November 1989 einig: Die senile, unbelehrbare Altmännerriege der SED-Führung darf keine politische Zukunft haben.

Von Thomas Lipp

Wir sind das Volk!" Die Großdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig war ein absoluter Wendepunkt, mit ihr wurde, wie sich später herausstellen sollte, das Ende der DDR eingeläutet. Ich arbeitete damals in einer Leipziger Poliklinik, war 29 Jahre alt und dabei, meine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner abzuschließen. An der Demonstration selbst konnte ich nicht teilnehmen. Ich lag nach einer Operation im Bett.

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Leipzig, Montagsdemonstration 1989, der Anfang vom Ende der DDR.

Foto: dpa

Eines war nach diesem 9. Oktober allerdings für mich klar: Pläne, mit meiner Familie in den Westen zu gehen, waren vom Tisch. Hier in der DDR war etwas in Bewegung geraten, nach dem 9. Oktober war nichts mehr wie vorher. Die Regierung muss weg, für diese senile, vollkommen unbelehrbare Altmännerriege darf es keine politische Zukunft geben, da waren sich Millionen Menschen einig. Veränderung war angesagt, und ich wollte mich an diesem Veränderungsprozess aktiv beteiligen. Wenn nicht jetzt, sagte ich mir, wann dann?

Die SED sollte geschwächt werden

Zusammen mit drei Theologen und zwei weiteren Gesinnungsfreunden gründeten wir kurze Zeit später in Leipzig die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SDP). Wir wollten eine Alternative bieten zu den anderen DDR-Parteien, die alle tief im System verstrickt waren. Eine unserer Überlegungen war: Wir schaffen es, unzufriedene SED-Mitglieder zum Beitritt zu bewegen. Wir schwächen und spalten so die Einheitspartei. Als Ableger der West-SPD verstanden wir uns zu keiner Zeit.

In den Wochen danach wurde die politische Diskussion sowohl bei den Montagsdemonstrationen als auch in unserer Gruppe differenzierter. Die einen wollten die deutsche Wiedervereinigung, die anderen eine völlig neue DDR aufbauen.

Natürlich hatte die Stasi von unserer Parteineugründung Wind bekommen. Wir bekamen Morddrohungen. Wir seien ein "Spaltpilz der Arbeiterschaft", hieß es, meine Parteifreunde und ich waren gefährdet. An manchen Tagen sagte ich zu meiner Frau: Wenn ich bis Mittag nicht zu Hause bin, dann fahr los. Wir hatten einen konkreten Fluchtplan für sie entwickelt. Da war alles bis ins Detail festgeklopft.

Wir trafen weitere Vorsorgemaßnahmen. Die SDP-Parteikasse wurde abends immer von einem uns wohl gesinnten Friedhofsgärtner an einem geheimen Ort verbuddelt, wir waren in Sorge, dass das Geld von Stasi-Leuten beschlagnahmt und konfisziert werden könnte.

Die Wochen nach dem 9. Oktober waren aber keinesfalls nur von Angst und Verunsicherung bestimmt. Mir ist bei aller Sorge eine kribbelnde Vorfreude in Erinnerung, ein Gefühl wie kurz vor der Hochzeit. Oder, um es mit einem anderen Bild zu beschreiben: Die DDR war in diesen Tagen wie ein Haus, an dem jeden Tag mehr Putz wegplatzt. Du kannst das beobachten, du spürst, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses durch und durch marode Gebäude völlig in sich zusammenfällt.

Zugleich war in diesen Tagen eine bemerkenswerte Stimmung zu beobachten. Das eigene Ego schien für viele Menschen - zumindest vorübergehend - an Bedeutung zu verlieren. Jeglicher Materialismus war für diese kurze Phase der Geschichte wie weggefegt. Was können wir gemeinsam verändern, wie können wir die Zukunft unserer Gesellschaft neu und besser gestalten - gemeinsam, und nicht gegeneinander? Diese Kernfrage bestimmte die gesellschaftliche Diskussion.

"Und dann war die Mauer plötzlich offen"

Am 9. November saß ich mit meiner Frau nichts ahnend abends vor dem Fernseher. Wir wollten es nicht glauben, als die Botschaft von der Maueröffnung verbreitet wurde. Man muss sich das vorstellen: Jahrzehntelang hatte ich von diesem Tag geträumt, war zwischendurch bereit gewesen, für das große Ziel Freiheit alles aufzugeben, Risiken aufzunehmen, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Und dann war die Mauer schließlich offen, einfach so. Es mag sich pathetisch anhören, aber ich muss es einfach so formulieren: Wir waren in unserer Seele tief erschüttert. Wir konnten nicht begreifen, was da passiert war.

Die Hilfslosigkeit der Stasi brachte uns fast zum Weinen - und das hatte garantiert nichts mit Mitleid zu tun. Ausgerechnet die Stasi, die dieses perfide Unterdrückungssystem möglich gemacht hatte. Da standen sie, die vermeintlich starken Männer, ratlos, vollkommen hilflos, verängstigt. Ihr mieses Unterdrückungssystem war zusammengebrochen. Was für ein Tag!

Die Zukunft gestalten - das war das Motto

Wir sind dann gleich am nächsten Wochenende in den Westen gefahren, haben Freunde in Kassel besucht. In den Wochen danach war ich kaum in unseren eigenen vier Wänden anzutreffen. Die Zukunft gestalten, das war das Motto. Wir führten unzählige Gespräche, ab und an brachte ich wildfremde Menschen nach Hause, nächtelang wurde diskutiert, es waren bewegte Zeiten. Ich hatte danach mehrere Handlungsoptionen mit Blick auf meine Zukunft, auch ein politisches Mandat im deutschen Bundestag war möglich. Aber ich entschied mich gegen die Politik, für meine Familie und für meinen Beruf als Arzt. Im Nachhinein weiß ich: Das war gut so.

Aufgezeichnet v. Christoph Fuhr

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ZUR PERSON

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Dr. Thomas Lipp

Er ist nach der Wende in seiner Heimatstadt geblieben: Dr. Thomas Lipp (49) ist heute niedergelassener Allgemeinmediziner in Leipzig. Er ist darüber hinaus Landesvorsitzender des Hartmannbunds (HB) Sachsen und gehört als Schatzmeister und Besitzer auch auf Bundesebene zur Führungsspitze des HB.

Lipp ist außerdem Mitglied der Kammerversammlung der Landesärztekammer Sachsen. Seit vielen Jahren ist er Delegierter bei Deutschen Ärztetagen. An der Uni Leipzig hat er einen Lehrauftrag für palliative Versorgung im Bereich Allgemeinmedizin.

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