Sonderdruck, 09.11.2009

Die Mauer ist weg: Gleiche Chancen auf Gesundheit

Die Mauer ist weg: Gleiche Chancen auf Gesundheit

Die "Gesundheits-Einheit" ist noch nicht völlig vollendet. Das zeigt sich, wenn die soziale Situation der Bürger im Osten und im Westen mit ihrem gesundheitlichen Befinden abgeglichen wird.

Von Florian Staeck

Das Robert Koch Institut hat 20 Jahre nach dem Fall der Mauer anhand der Kriterien Bildung, Berufsstatus und Einkommen untersucht, ob das Verhältnis von sozialer und gesundheitlicher Lage in den neuen und alten Bundesländern ähnlich oder unterschiedlich ausgeprägt ist.

Das Fazit der Wissenschaftler: in Ost und West gehen niedriges Einkommen, geringe Bildung und Arbeitslosigkeit mit verminderten Gesundheitschancen einher. Doch die Stärke des Zusammenhangs variiert von Fall zu Fall, es gibt interessante Unterschiede:

  • Einkommen und Gesundheit: In alten wie in neuen Ländern wird die eigene Gesundheit um so häufiger als mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht beurteilt, je niedriger das Einkommen ist. Allerdings gibt es bemerkenswerte Abweichungen. Generell ist die Regel, dass die Lebenserwartung bei Geburt dort am höchsten ist, wo ein vergleichsweise geringer Teil der Bürger von Armut betroffen oder bedroht ist.

Das gilt zum Beispiel in Baden-Württemberg, Bayern oder Hessen. Als arm oder durch Armut bedroht gelten Menschen, die in Haushalten leben, deren Netto-Haushaltseinkommen weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwertes beträgt. Eine Ausnahme stellen die Statistiker für Sachsen fest, wo die Lebenserwartung deutlich höher liegt, als von der Armuts(risiko)quote her zu erwarten wäre. Auch in einem anderen Fall wird die Korrelation auf den Kopf gestellt. Der Anteil der Männer aus der von Armut bedrohten Gruppe, die ihre Gesundheit als mittelmäßig oder noch schlechter bezeichnen, ist im Westen signifikant höher (35,1 Prozent) als im Osten (24,4 Prozent). Und das, obwohl durch höhere Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko in Ostdeutschland größer ist als im Westen.

  • Bildung und Gesundheit: Ob Ost oder West: Je höher das Bildungsniveau, desto besser ist die Gesundheit des Betreffenden und umso geringer ist sein Erkrankungs- und Sterberisiko. Die Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern sind gering: Bei Frauen im Osten ist der Zusammenhang von niedrigem Bildungsabschluss und der Häufigkeit von Adipositas (gemessen als BMI von über 30) besonders ausgeprägt.

Ansonsten variieren alle Parameter (täglicher Verzehr von Obst und Gemüse, regelmäßige sportliche Aktivität) nur geringfügig zwischen alten und neuen Ländern. Insgesamt gilt, dass der Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit bei ostdeutschen Männern etwas schwächer ausfällt als im Westen. Die Unterschiede, so das RKI, seien aber "statistisch nicht bedeutsam".

  • Arbeitslosigkeit und Gesundheit: Durch viele Studien ist belegt, dass Arbeitslose im Vergleich zu Erwerbstätigen häufiger krank sind und ein riskanteres Gesundheitsverhalten haben. Wachsende Bedeutung haben dabei psychische Erkrankungen. Und hier zeigen sich zwischen Ost und West, so das RKI, "bemerkenswerte Unterschiede": Der Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und der Häufigkeit einer vom Arzt diagnostizierten Depression ist bei Frauen in Ostdeutschland "deutlich schwächer ausgeprägt" als im Westen.

Einen deutsch-deutschen Unterschied gibt es auch bei der Untersuchung, wie häufig Arbeitslose oder Erwerbstätige Sport treiben. Arbeitslose Männer und Frauen im Osten machen besonders selten Sport, Erwerbstätige beiderlei Geschlechts im Westen besonders häufig. Dagegen gibt es beim Rauchverhalten beider Gruppen in neuen und alten Ländern wenig Unterschiede.

Das Resümee der Gesundheitsforscher: Der Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Situation ist im Jahr 19 nach der Wiedervereinigung in Ost und West ähnlich stark ausgeprägt. Wenn die soziale Lage in den neuen Ländern -  gemessen an Arbeitslosigkeit und Armutsrisiko - schlechter ist als im Westen, dann dürften die verbleibenden Ost-West-Unterschiede in der Gesundheit der Bürger ihren Grund in den immer noch ungleichen Lebensverhältnissen haben.

GESUNDHEIT IN OST UND WEST

Im Osten ist der Impfstatus immer noch besser als im Westen

Die Akzeptanz von Schutzimpfungen ist in den neuen Bundesländern nach wie vor höher als im Westen. Nach der Wiedervereinigung und dem Umbau des Gesundheitswesens waren die Impfquoten im Osten zunächst deutlich gesunken.

Trotz Verbesserungen in den letzten Jahren hat der Impfstatus der Bürger in den neuen Ländern noch nicht das Niveau der früheren DDR erreicht. Doch existierte eine Impfpflicht gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Poliomyelitis, Masern und Tuberkulose. Da die Grundimmunisierung in Krippen oder Kindergärten vorgenommen wurde, war die Impfquote sehr hoch.

Beispiel Masern: Bei der zweiten Impfung lag im Jahr 2007 die Impfquote von Schulanfängern im Osten bei 91,5, im Westen dagegen bei 85,8 Prozent. Auch bei der Impfung gegen Pertussis haben Schuleingangsuntersuchungen höhere Durchimpfungsraten in den neuen Ländern (96,7 Prozent) als im Westen (92,9 Prozent) gezeigt.

Viel gravierender sind die Unterschiede bei Erwachsenen: Bei einer Umfrage im Auftrag des Robert Koch Instituts gaben im vergangenen Jahr 55,2 Prozent der Frauen und 43,4 Prozent der Frauen in den neuen Ländern an, jemals eine Pertussisimpfung erhalten zu haben. Im Westen waren es nur 26,1 Prozent der Frauen und 17,2 Prozent der Männer.

spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten wie Krebs." (HL)

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