Polens Ärzte im Gestrüpp der Bürokratie
"Polnische Wirtschaft" - noch heute gilt dieses Schlagwort als despektierlich, obwohl es die aktuelle Lage des Landes sicher nicht mehr zutreffend charakterisiert. Das Schlagwort meint: Desorganisation und Mangelwirtschaft - für polnische Ärzte vor 20 Jahren ein alltägliches Ärgernis.
Das galt auch für die medizinische Versorgung der 1,5 Millionen Einwohner in der Hauptstadt Warschau. Es fehlt nicht an Ärzten, aber die haben nur fünf bis sechs Stunden Zeit zur die Patientenbehandlung, weil der Rest des Arbeitstages mit Bürokratie vergeudet wird.
Gerade in der Hauptstadt wird offenkundig, dass die ohnehin knappen Ressourcen falsch verteilt sind: Ambulatorien und Polikliniken sind fachlich und apparativ so kärglich ausgestattet, dass für die Diagnostik die Universitätskliniken beansprucht werden müssen.
Dort entstehen lange Wartezeiten, bevor die Ärzte in der Peripherie auf der Basis gesicherter Diagnosen ihrer Uni-Kollegen mit einer Therapie beginnen können.
Hinzu kommen die Unzulänglichkeiten in der apparativen Ausstattung. In Warschau stehen Anfang 1990 vier Computertomografen, die aber aufgrund ihres Alters ausgesprochen reparaturanfällig sind. Viel Geld ist in ein neues medizinisches Laboratorium investiert worden. Die Arbeit stockt jedoch, weil Kleinigkeiten wie Küvetten oder Reaktionsindikatoren fehlen. In einem Wirtschaftssystem, in dem alles zentral geplant wird und in dem man sich im ganzen Comecon die Arbeit teilt, ist Polen nicht in der Lage, sterile Einmal-Handschuhe zu produzieren.
Das gleiche gilt für die Arzneimittelversorgung. Es mangelt an Antibiotika ebenso wie an Antihypertonika. Das Land ist abhängig von der Produktion in anderen Comecon-Ländern. Für 110 Millionen US-Dollar werden Medikamente aus dem westlichen Ausland beschafft.
Der Chefarzt der Urologischen Uniklinik in Krakau, Professor Andrej Bugajski, berichtet, dass er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter seit mehr als zehn Jahren von internationalen wissenschaftlichen Publikationen abgeschnitten sind. Die aktuellste Ausgabe der Zeitschrift "Urologe" stammt aus dem Jahr 1978 - mehr als elf Jahre alt. Ergänzt wird die Bibliothek durch einige alte Zeitschriften aus der DDR.(HL)
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