Ärzte Zeitung, 29.04.2008

HINTERGRUND

Profitieren gesetzliche Krankenkassen von einem Rating?

Von Anja Krüger und Herbert Fromme

Aus dem Wirtschaftsleben sind Rating-Agenturen nicht mehr wegzudenken. Sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Banken, Versicherungskonzernen oder anderen Unternehmen, damit Kunden und Anleger wissen, wie riskant Geschäfte mit diesen Partnern sind.

Erstmals haben sich in Deutschland gesetzliche Krankenkassen auf dieses Terrain vorgewagt. Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) und die Hanseatische Krankenkasse (HEK) haben sich von der Kölner Rating-Agentur Assekurata bewerten lassen und versprechen sich von der Veröffentlichung des guten Ergebnisses einen Vorteil im Wettbewerb um neue Versicherte.

Finanzielle Stabilität im Fokus

Internationale Rating-Agenturen wie Standard & Poor's, Moody's oder Fitch bewerten die finanzielle Stabilität von Anleihen, Unternehmen oder auch von Staaten in der Regel aus der Perspektive von Investoren. Auch Kunden nutzen diese Informationen, denn sie haben Interesse daran, dass der Anbieter zum Beispiel langlaufende Versicherungsverträge auch erfüllen kann. Die Rating-Agentur Assekurata bewertet Unternehmen auch nach deren finanzieller Stabilität, bezieht darüber hinaus aber für Verbraucher wichtige Aspekte wie die Serviceorientierung in die Analyse ein.

Assekurata hat bereits viele private Krankenversicherer bewertet. Mit der Beurteilung der KKH und der HEK betritt die Agentur Neuland. Geschäftsführer Reiner Will erwartet, dass viele gesetzliche Kassen dem Beispiel der beiden Konkurrenten folgen werden. "Die Kassen sehen, dass sie sich mit einem guten Rating im Markt besser positionieren können", sagt er. Wenn ab 2009 die Politik den Beitragssatz festlegt, wird der Wettbewerb der Kassen in erster Linie über zusätzliche Angebote und den Service stattfinden. Die Rating-Bewertung kann dann wie ein Testsiegel eingesetzt werden.

KKH und HEK schalteten als erste eine Rating-Agentur ein

KKH und HEK brauchen das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen, sie bekamen beide die zweitbeste Bewertung A+. Die Kassen mussten 220 Fragen beantworten, außerdem nahmen Mitarbeiter von Assekurata Prüfungen vor Ort vor. Der KKH, die zwei Millionen Versicherte hat, bescheinigt die Agentur ein sehr gutes Leistungsangebot. Assekurata lobt vor allem die Verträge zur integrierten Versorgung der Kasse. Die Finanzstabilität bewerten die Experten mit der Note "gut", die Kasse hat nach ihrer Auffassung eine solide Beitragssatzkalkulation. Aufgrund der Ergebnisse der Kundenbefragung erhielt die KKH im Punkt Kundenorientierung ein "sehr gut".

Eine gute Bewertung kann helfen, sich im Markt zu behaupten.

Der HEK, die 370 000 Versicherte hat, attestiert die Rating-Agentur ein gutes Leistungsangebot, unter anderem weil sie ein breites Spektrum an Verträgen zur integrierten Versorgung abgeschlossen hat. Auch die Kundenorientierung schneidet gut ab. Assekurata befragte 700 Mitglieder und verglich die Ergebnisse mit Befragungen von Kunden privater Krankenversicherer und anderer Kassen. "Auffallend positiv ist, dass sehr viele HEK-Kunden ihre Krankenkasse weiterempfehlen", sagt Will.

Von den Befragten hatten 56,2 Prozent die Kasse weiterempfohlen, in der Vergleichsgruppe waren es nur 44 Prozent. Nach Auffassung von Assekurata zeigt die Kasse mit einer Steigerung der Mitgliederzahlen von 5,24 Prozent im Jahr 2006 ein "exzellentes Wachstum". Die Finanzstabilität sei "sehr gut". Mit durchschnittlichen Verwaltungskosten von 98,73 Euro pro Versichertem liege die HEK deutlich unter dem Markt, der bei 111,10 Euro liegt. Die KKH liegt mit ihren Verwaltungskosten im Durchschnitt. Das Rating sei für die Kassen nicht nur ein Marketinginstrument, sagte HEK-Vorstand Jens Luther. "Wir sehen auch, wo wir Handlungsbedarf haben."

KKH und HEK hoffen, dass andere Kassen ebenfalls ein Rating vornehmen lassen. "Das stärkt den Wettbewerb", sagt Luther. Die Ergebnisse seien objektiver als etwa Tests von Verbraucherzeitschriften. "Es geht darum, dass der Markt für 70 Millionen Versicherte transparenter wird", sagt der KKH-Vorstandschef Ingo Kailuweit. Der Wille zu größerer Transparenz stößt aber schnell an Grenzen. Wie viel die Kassen für das Rating zahlen mussten, wollen sie nicht sagen.

STICHWORT

Rating-Agenturen

Rating-Agenturen beurteilen die Finanzstärke von Anleihen, Unternehmen oder Staaten in Form von Buchstabenkombinationen. Die bestmögliche Note ist meistens das dreifache A, die schlechteste Note D vergeben die Agenturen bei Zahlungsunfähigkeit. Das Ansehen international tätiger Rating-Agenturen wie Standard & Poor's oder Moody's hat im Zuge der aktuellen Finanzkrise aber gelitten. Kritiker werfen den Agenturen vor, schlechten Kandidaten zu gute Noten gegeben zu haben. Anders als die Großen bezieht die Kölner RatingAgentur Assekurata in ihre Analysen die Sicht von Verbrauchern ein. Sie prüft private Krankenversicherer und neuerdings gesetzliche Kassen.

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