Ärzte Zeitung, 15.07.2008

Magen-Darm-Infekte sind der neue Klinikrenner

Seit 2000 haben sich die Einweisungen von Kindern mehr als verdoppelt / GEK nimmt Versorgung unter die Lupe

BERLIN (ble). Kinder werden in Deutschland immer häufiger wegen Magen-Darm-Erkrankungen (MDI) ins Krankenhaus eingeliefert. Dagegen ist die Zahl der Mandeloperationen bei Heranwachsenden offenbar weiter rückläufig.

Sanfte Medizin: Immer weniger Kinder müssen hierzulande wegen einer chronischen Mandelentzündung unters Messer.

Foto: Monkey Business

Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Gmünder Ersatzkasse (GEK) zur akutstationären Versorgung hervor. Grundlage der Aussagen ist die Auswertung von GEK-Routinedaten. Zwar machen die Versicherten der GEK nur einen Anteil von 1,9 Prozent an allen GKV-Versicherten aus, doch hält Report-Autor Professor Friedrich-Wilhelm Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover (ISEG) die Stichprobe bundesweit für aussagefähig.

Dem Datenmaterial zufolge stieg die Zahl der akutstationären Behandlungsfälle bei Magen-Darm-Erkrankungen zwischen 1990 und 2007 von 14 auf 90 Behandlungsfälle pro 10 000 Kinder um das Sechsfache an. Noch im Jahr 2000 waren es erst 36 Fälle pro 10 000 Kinder. Was die Gründe hierfür angeht, darüber konnten die Experten von GEK und ISEG allerdings nur Vermutungen äußern.

Als einen möglichen Grund führte etwa GEK-Chef Dr. Rolf-Ulrich Schlenker eine unzureichende ambulante Versorgung außerhalb der Sprechzeiten und über das Wochenende an. Dr. Eva Maria Bitzer vom ISEG kritisierte, dass ein Klinikaufenthalt wegen einer Magen-Darm-Erkrankung eigentlich nicht notwendig sei.

Dagegen müssen Kinder in Deutschland offenbar deutlich weniger unters Messer, um sich die Mandeln entfernen zu lassen. Unter GEK-versicherten Kindern bis 14 Jahren sank die Zahl der Operationen bei chronischen Mandelentzündungen seit 1998 von 162 Fällen pro 10 000 Kinder auf 73 Fälle im vergangenen Jahr. Hier habe unter Hals-Nasen-Ohren-Ärzten ein Umdenken stattgefunden, sagte Bitzer. Zusammen mit verletzungsbedingten Behandlungen machen Mandel-Operationen und Magen-Darm-Erkrankungen rund ein Drittel aller Klinikaufenthalte von Kindern im Alter von einem bis 14 Jahren aus.

Insgesamt attestierte GEK-Chef Schlenker den Kliniken eine fachlich gute Arbeit. Allerdings gebe es einen Nachholbedarf bei der Kommunikation mit Eltern und Kindern, sagte er mit Blick auf eine mit dem Report durchgeführte Eltern-Befragung. Danach waren je nach Indikation (Verletzung, Mandel-OP, Magen-Darm-Infekt) zwischen 26 und 69 Prozent der befragten Eltern völlig unzufrieden mit der Informationsvermittlung des Krankenhauses und fühlten sich in keiner Weise in Entscheidungsprozesse eingebunden.

Unter allen Versicherten bestätigt sich derweil auch bei der GEK der Trend zu einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen: Sie machen jetzt auch bei den Männern die meisten Hauptdiagnosen aus. Damit haben psychische Störungen mit einem Anteil von zehn Prozent an allen Behandlungstagen im Krankenhaus Erkrankungen des Herzkreislauf-Systems endgültig abgelöst. Schlenker will auf diese Entwicklung in Großstädten mit Versorgungsnetzwerken antworten.

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