Ärzte Zeitung, 04.11.2008

"Integrierte Versorgung steht vor Durststrecke"

SPD-Experte Lauterbach: Aus Angst vor Zusatzbeiträgen im kommenden Jahr kündigen Kassen IV-Verträge

KÖLN (iss). Die durch den Gesundheitsfonds ausgelöste Zurückhaltung der Krankenkassen beim Abschluss neuer Verträge der integrierten Versorgung könnte sich gerade in der Onkologie negativ auswirken. Davon geht der Gesundheitsökonom Professor Karl Lauterbach aus.

"Integrierte Versorgung steht vor Durststrecke"

Behandlung in der Klinik: Ein krebskrankes Kind und seine Mutter.

Foto: imago

"Gerade in der Onkologie ist die integrierte Versorgung der zersplitterten Versorgung eindeutig überlegen", sagte Lauterbach auf einem Symposium anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Instituts für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie (IGKE) der Universitätsklinik Köln.

Lauterbach, der wegen seines SPD-Bundestagsmandats zurzeit als IGKE-Direktor beurlaubt ist, bezeichnete es als "Trauerspiel", dass Patienten bislang erst wenige integrierte Behandlungskonzepte angeboten würden. Daran wird sich zunächst auch wohl kaum etwas ändern. "Ich glaube, dass die integrierte Versorgung in eine Durstphase kommen wird, weil sich die Krankenkassen mit dem neuen System des Gesundheitsfonds erst einmal anfreunden müssen."

Die Krankenkassen werden nach seiner Erwartung alle Leistungen kippen, zu denen sie nicht verpflichtet sind, damit sie von ihren Versicherten keinen Zusatzbeitrag verlangen müssen. Angebote wie Integrationsverträge würden für die Kassen zu "Luxusleistungen". Zwar seien nicht alle Verträge der integrierten Versorgung wirklich sinnvoll. "Es kann aber sein, dass auch Projekte gekippt werden, die zu geringen Kosten hohen Nutzen bieten", fürchtet er.

Mit dem Einsatz für Konzepte wie die integrierte Versorgung, Disease-Management-Programme oder die ambulante Öffnung der Krankenhäuser haben Gesundheitsökonomen nach Lauterbachs Einschätzung spürbare Beiträge zur Gesundheitspolitik geliefert.

"Wir haben wichtige Anstöße von Ihnen erhalten", bestätigte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Auch in Zukunft hofft sie auf die Zusammenarbeit mit Gesundheitsökonomen, wenn es darum geht, gute Versorgungsangebote zu entwickeln. "Wir werden auch weiterhin immer wieder die Auseinandersetzung um die Qualität und die Wirtschaftlichkeit führen müssen", sagte die Ministerin.

Für die Gesundheitsökonomen stehe der Aspekt im Vordergrund, welchen Nutzen die Gesellschaft von etwas hat, sagte der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen Professor Peter Sawicki. Ungeklärt sei dabei aber die Frage, wie man den gesellschaftlichen Nutzen definiert: "Heißt das, es werden besonders viele Kranke versorgt, die besonders Kranken oder die Versorgung ist besonders billig?", fragte er.

Im Sozialgesetzbuch V werde der gesellschaftliche Nutzen überhaupt nicht erwähnt, hier gehe es um den einzelnen Versicherten, sagte er. "Die Gesundheitsökonomen sollten Methoden entwickeln, mit denen der Nutzen für den Einzelnen und der Nutzen für die Gesellschaft verknüpft werden können", schlug Sawicki vor.

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