Ärzte Zeitung online, 23.02.2009

Hessens Sozialminister regt Stiftung für künstliche Befruchtung an

WIESBADEN (dpa). Zur Unterstützung ungewollt kinderloser Paare hat der hessische Sozialminister Jürgen Banzer (CDU) eine bundesweite Stiftung angeregt. Künstliche Befruchtung sei kein Fall für die Krankenkassen, sagte Banzer. "Andererseits darf die Erfüllung des Kinderwunschs nicht von der finanziellen Situation abhängen."

Der Minister wandte sich gegen weitere Kürzungen des Kassenkatalogs und gegen die Bindung bestimmter Leistungen an das Lebensalter, wie dies zum Teil im Ausland der Fall sei: "Jeder Patient muss das Maximum an medizinisch notwendiger Versorgung erhalten. Die Menschenwürde ist wichtiger als die Kosten", sagte Banzer zur dpa in Wiesbaden. Das bedeute aber auch wachsende Ausgaben für Gesundheit: "Eine Gesellschaft, die Gott sei Dank eine hohe Lebenserwartung hat, wird die dadurch verursachten Kosten akzeptieren müssen."

Lesen Sie dazu auch:
Sachsen unterstützt Eltern bei der IvF

[24.02.2009, 01:41:28]
Prof. Dr. Uwe Körner  uwe.koerner@charite.de
Künstliche Befruchtung muss wieder Kassenleistung sein!

Hessens Sozialminister will, dass die Erfüllung des Kinderwunsches durch künstliche Befruchtung für sozial schlechter gestellte Paare nicht länger an der finanziellen Situation scheitert und fordert auch, es solle keine weitere Kürzungen des Leistungskatalogs der Krankenkassen geben, alles löblich. Und gegen die Überlegung, vom Staat oder über eine Stiftung zusätzlich Geld für spezielle fortpflanzungsmedizinische Behandlungen einzusammeln, ist vielleicht nicht viel einzuwenden.
Jedoch ist der Aussage, künstliche Befruchtung sei "kein Fall für die Krankenkassen", energisch zu widersprechen. Erstens sind fortpflanzungsmedizinische Behandlungen (die unter "künstliche Befruchtung" firmieren) nach wie vor im Katalog der gesetzlichen Krankenkassen. Und zweitens erfolgte 2004 die Kürzung der finanziellen Unterstützung bei der Inanspruchnahme fortpflanzungsmedizinischer Behandlungen unter fadenscheinigsten Begründungen, und es wäre offensichtlich am einfachsten, auch die gesetzlichen Krankenkassen wieder im gehabten Umfang Kinderwunschbehandlungen finanzieren zu lassen.

Häufig wird erzählt, ein unerfüllter Kinderwunsch sei in der Regel nicht als Krankheit zu werten. Blickt man einfach auf die soziale Realität "Kinderlosigkeit", also die Existenz eines Paares ohne Kind, so ist das selbstverständlich keine Krankheit. Soweit jedoch das Paar sich sexuell so verhält, dass es hoffen könnte, die Frau werde schwanger, aber in Jahren stellt sich eine erfolgreich verlaufende Schwangerschaft nicht ein, wird die fortdauernde Kinderlosigkeit ein gesundheitliches Problem: Irgend etwas im Verhalten und in den Geschlechtsorganen von Frau und/oder Mann funktioniert nicht im Sinne des Zwecks, zu dem sie biologisch angelegt sind. Vor den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten Entwicklungen der modernen Medizin, gab es in solcher Situation nur geringe Möglichkeiten, der Kinderlosigkeit als sozialem Schicksal zu entgehen, vielleicht einen Partnerwechsel, vielleicht eine Adoption. – Und davon zu reden, dass ein sich Kinder wünschendes Paar (k)ein "Recht auf ein Kind" habe, hätte damals nur als grober Unfug erscheinen können - und ist es auch heute.

Es geht einzig um ein Recht auf die Nutzung der Hilfen durch Ärzte der spezialisierten medizinischen Fachrichtung "Fortpflanzungsmedizin". Die Krankheiten in der Reproduktionsmedizin heißen allerdings nicht Fortpflanzungskrankheiten sondern Fortpflanzungsstörungen, worin sich sinnfällig ausdrückt, dass es um das enge Zusammenwirkens zweier Menschen geht und das Fortpflanzungsgeschehen wie dessen krankhafte Störungen (von der molekularen, zellulären usw. bis zur psychisch-sozialen Ebene) äußerst vielschichtig sind. Insbesondere hier in der Fortpflanzungsmedizin ist das moderne, den Menschen ganzheitlich als biotisch-psychisch-soziales Wesen betrachtende Krankheitskonzept unverzichtbar. Man sollte davon absehen, mit solchen realitätsfremden Banalitäten wie "Kinderlosigkeit ist keine Krankheit" oder "Es gibt kein Recht auf ein Kind" Gesundheitspolitik zu betreiben.

Uwe Körner, Berlin

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So viel jünger und attraktiver macht Facelifting

Wer sein Gesicht straffen lässt, will in der Regel jünger und dynamischer aussehen. Das scheint tatsächlich zu klappen. mehr »

Niedrig dosiert starten und langsam erhöhen!

Die neue Gesetzeslage zur Verordnung von Cannabis auf Kassenkosten ist beim Schmerz- und Palliativtag begrüßt worden. Ärzte mit Erfahrung mit Cannabinoiden loben vor allem den Erhalt der Therapiefreiheit. mehr »

Obamacare bleibt!

Blamage für US-Präsident Donald Trump: In letzter Minute zogen die Republikaner die Abstimmung über die geplante Gesundheitsreform zurück. Gerade auch, weil die Zustimmung aus den eigenen Reihen fehlte. mehr »