Ärzte Zeitung, 15.10.2009

Zusatzbeiträge kosten Kassen viel Prestige und schaffen neue Bürokratie

So wie der Gemeinsamen Betriebskrankenkasse Köln (GBK) kann es bald vielen Kassen gehen: Sie ist bisher die einzige Kasse, deren Mitglieder Zusatzbeiträge zahlen müssen.

Von Anja Krüger

Menetekel Zusatzbeitrag -  das kostet Kassen viel Prestige und schafft neue Bürokratie

Bei sehr teuren Versicherten können kleine Krankenkassen finanziell überfordert sein: Die Gemeinsame BKK Köln traf es als erste.

Foto: imago

Die Kasse muss wegen extrem hoher Behandlungskosten für zwei Patienten ihren 30 000 Mitgliedern acht Euro pro Monat zusätzlich abknöpfen. Die GBK wird mit diesem Schritt nicht alleine bleiben. Ob und wenn ja, in welchem Umfang Zusatzbeiträge auf Versicherte zukommen, hängt auch von den aktuellen Koalitionsverhandlungen in Berlin ab.

"Weitere Krankenkassen werden einen Zusatzbeitrag erheben", sagt Theo Giehler, Vorstandsmitglied des nordrhein-westfälischen Landesverbands der Betriebskrankenkassen. Dem Schätzerkreis beim Bundesversicherungsamt zufolge fehlen dem Gesundheitsfonds im kommenden Jahr 7,4 Milliarden Euro. Viele Kassen werden mit dem vom Fonds zugewiesenen Geld nicht auskommen.

20 Millionen Euro Ausgaben für zwei Patienten

Früher als andere an ihre finanziellen Grenzen gestoßen ist die GBK wegen zwei Patienten, die unter der Bluterkrankheit leiden und eine sehr teure Behandlung brauchen. Einer der beiden konnte im Zuge der Familienmitversicherung inzwischen bei einer anderen Kasse unterschlüpfen. "Bei uns sind 36 Bluter versichert, aber nicht alle verursachen so hohe Kosten wie diese beiden Patienten", sagt Kassenchef Helmut Wasserfuhr.

Die beiden leiden unter einer besonders schweren Form und extremen Komplikationen. In wenigen Jahren liefen Behandlungskosten von mehr als 20 Millionen Euro auf. Früher konnten 50 Prozent davon über den Risikostrukturausgleich der Kassen ausgeglichen werden, heute bekommt die Kasse pro Bluter einen Ausgleich von 80 000 Euro. Für die Patienten ohne Komplikationen reicht das, sagt Wasserfuhr.

Um sich die Behandlung der Patienten mit den Komplikationen leisten zu können, hatte die Kasse vom BKK-Verbund ein Darlehen aufgenommen. Das muss sie zurückzahlen. Bereits im Frühjahr kam der Sanierungsbeirat des BKK-Bundesverbands zu dem Schluss, dass die GBK einen Zusatzbeitrag nehmen muss. "Ich war anderer Auffassung", sagt Wasserfuhr. Doch als klar war, dass die Kassen für die Bekämpfung der Schweinegrippe tief in die Tasche greifen müssen, brach der Widerstand. Im August kündigte er die Erhebung des Zusatzbeitrags rückwirkend zum Juli an.

Dabei hatte das Jahr gut für die GBK angefangen. Der 2009 eingeführt neue einheitliche Beitragssatz für alle Kassen von zunächst 15,5 Prozent lag unter dem bisherigen der GBK von 16,6 Prozent. Die Kasse startete eine Werbekampagne. "Wir haben 700 neue Mitglieder hinzugewonnen", sagt Wasserfuhr. Mit dem Zusatzbeitrag setzte die Gegenbewegung ein, allerdings verhalten. "Wir haben keine fünf Prozent der Mitglieder verloren." Er hat kritische Briefe bekommen - aber auch positive Reaktionen: "Zwei Mitglieder sind neu zu uns gekommen, weil sie es gut fanden, dass wir so viel Geld für einzelne Versicherte ausgeben."

Der Zusatzbeitrag ist ein dramatischer Wettbewerbsnachteil für eine Krankenkasse. Nach einer Studie von mindline media im Auftrag der Unternehmensberatung Korehnke würden zwölf Prozent der Versicherten nach Einführung einer Zusatzprämie ganz sicher die Kasse wechseln, 30 Prozent würden vielleicht gehen. Die Kassenchefs fürchten, dass ihnen die Versicherten in Scharen fortlaufen, wenn sie den Zusatzbeitrag erheben.

Zusatzbeitrag ist auch eine logistische Herausforderung

BKK-Landesvorstand Giehler geht davon aus, dass erst 2010 feststehen wird, welche Kassen keinen ausgeglichenen Haushalt haben. "Noch kann man nicht sagen, welche Kassen den Zusatzbeitrag nehmen werden", sagt Giehler. Die Versichertenstruktur ist seiner Einschätzung nach kein Indikator. Denn hat eine Kasse viele teure, schwer kranke Patienten, bekommt sie auch viel Geld vom Fonds.

Der Zusatzbeitrag ist nicht nur ein Prestige-Problem, sondern auch eine logistische Herausforderung. Die GBK entschied, den Zusatzbeitrag quartals- und nicht monatsweise zu erheben, um den bürokratischen Aufwand in Grenzen zu halten. "Für jedes Mitglied mussten wir ein gesondertes Beitragskonto einrichten", erklärt Wasserfuhr. Die Mitarbeiter müssen 30 000 Einzugsermächtigungen erfassen. Hinzu kommt: Nicht jeder muss die acht Euro zahlen, es gibt auch Abweichungen. Die müssen aber erst einmal von den Mitarbeitern festgestellt werden. "Krankengeldbezieher müssen keinen Beitrag zahlen", erklärt Wasserfuhr. Ist ein Mitglied also einige Wochen krank, sinkt der Zuschlag. Doch bei Kleinstbeiträgen übersteigt der Nutzen schnell den Aufwand. "Wir lassen alles, was unter drei Euro liegt", sagt er. Nach seinen Angaben kostet die Kasse das Eintreiben des Zusatzbeitrags pro 24 Euro rund 1,50 Euro.

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