Ärzte Zeitung online, 28.01.2010
Bei Zusatzbeiträgen wiehert der Amtsschimmel
Kassen taxieren administrative Kosten auf 1,3 Milliarden Euro / Schlechte Erfahrungen mit Krankenhausnotopfer
BERLIN. Der Zusatzbeitrag kommt, und mit ihm viel neue
Bürokratie. Bevor auch nur ein Euro zusätzlich in die Versorgung
fließt, wird vermutlich ein Viertel des Geldes für den Einzug des
Acht-Euro-Obolus abgezwackt. Die Mehrkosten im Falle flächendeckender
Extra-Prämien haben die Kassen schon im Jahr 2006 auf zusätzlich 1,3
Milliarden Euro beziffert.
Von Florian Staeck

Bürokratie satt: Die Kosten für den Einzug der Zusatzprämien werden auf 1,3 Milliarden Euro taxiert. © bilderbox / fotolia.com
Die Bundesregierung gibt sich dagegen optimistisch: Man gehe davon
aus, dass die Kassen "sämtliche Möglichkeiten eines effizienten
Einzugs" realisieren werden, heißt es in der Antwort auf eine
parlamentarische Anfrage der Grünen. Die Organisation der
Zahlungsströme zwischen Kasse und ihren Mitgliedern "kann durch
effiziente Ansätze kostengünstig gestaltet werden" glaubt die
Regierung. Zahlen dazu hat sie nicht, ganz anders die Krankenkassen.
Kassen haben schon 2006 vor den Kosten gewarnt
DAK-Chef Herbert Rebscher geht davon aus, dass bei acht Euro
Zusatzbeitrag das Einzugsverfahren bis zu zwei Euro verschlingt. Nimmt
man an, dass bald alle Mitglieder in der GKV - etwa 50 Millionen - acht
Euro pro Monat zahlen, so addieren sich die Einnahmen auf rund 4,8
Milliarden Euro pro Jahr. Dabei entstünden dann Verwaltungskosten von
1,2 Milliarden. Der GKV-Spitzenverband konnte auf Anfrage keine
aktualisierten Daten zu den prognostizierten Verwaltungskosten nennen.
Im Gesetzgebungsverfahren zum Wettbewerbsstärkungsgesetz hatten die
- damaligen - Spitzenverbände der Krankenkassen im Juli 2006 die Kosten
für Bürokratie auf 1,3 Milliarden Euro geschätzt. Dabei ergaben sich
die Kosten ergeben aus vier Schritten:
- Zunächst muss
für jedes Mitglied ein Selbstzahlerkonto eingerichtet werden. Das sei
GKV-weit für 39,581 Millionen Mitglieder nötig, heißt es in der
Expertise der Spitzenverbände. Für freiwillige Mitglieder (4,732
Millionen) und Studenten (540 000) gab es im Jahr 2006 bereits
entsprechende Konten. In ihrer Berechnung gehen die Kassen davon aus,
dass ein vollzeitbeschäftigter Sachbearbeiter 2300 Konten betreut. Bei
knapp 40 Millionen zusätzlichen Konten würden so 17 209
zusätzliche Sachbearbeiter gebraucht. Die Kosten wurden damals - bei
einer Vergütung nach BAT 6 - auf 1,057 Milliarden Euro taxiert.
-
Zusätzliches Personal wird ebenfalls für die Buchung des
Zusatzbeitrages benötigt. Dabei gehen die Kassen davon aus, dass 70
Prozent der Mitglieder eine Einzugsermächtigung für den Zusatzbeitrag
erteilen, die übrigen 30 Prozent selber zahlen. Selbst wenn bei nur
zwei Prozent der Mitglieder der Zahlungseingang manuell abgeklärt
werden muss, bindet das zusätzlich bundesweit 720 Vollzeitkräfte. Bei
einem BAT-5-Gehalt kommen die Kassen auf jährlich 63,875 Millionen Euro
Mehrkosten.
- Zahlt der Versicherte nicht, muss der
Zusatzbeitrag eingetrieben werden. Dabei gehen die Kassen davon aus,
dass dies nur bei 0,65 Prozent der Selbstzahler (also freiwillig
Versicherten und Studenten) der Fall ist. Nimmt man an, dass ein
Vollziehungsbeamter im Schnitt 120 Fälle im Monat bearbeitet, so
addiert sich das auf 1600 zusätzliche Stellen. Kostenpunkt bei einem
Gehalt nach BAT 7: 106,587 Millionen Euro.
- Muss eine Kasse
mehr als acht Euro Zusatzbeitrag nehmen, dann ist eine
Einkommensprüfung fällig. Die Kassen gehen davon aus, dass dies
GKV-weit auf 5,8 Millionen Kassenmitglieder zutreffen würde. Dafür
nehmen die Kassen eine Bearbeitungszeit von 2,9 Millionen
Arbeitsstunden an. Verteilt man diese Zahl auf Sachbearbeiter mit einer
40-Stunden-Woche, dann wären 1686 zusätzliche Stellen nötig.
Mehrkosten: 103,558 Millionen Euro.
Schon in der Vergangenheit war den Kassen beim Eintreiben von
Extra-Beiträgen wenig Glück vergönnt. Das zeigt ein Blick in die
gesundheitspolitische Historie: Im Jahr 1997 sah das 2.
GKV-Neuordnungsgesetz in Artikel 11 einen Zusatzobolus für Versicherte
von 20 Mark vor, das als "Krankenhausnotopfer" bezeichnet wurde. Er
sollte jeweils in den Jahren 1997, 1998 und 1999 erhoben werden.
Etwa 870 Millionen Mark jährlich sollten die Kassen von den
Versicherten eintreiben, um so die Finanzierung der
Instandhaltungskosten von Krankenhäusern zu gewährleisten. Die Länder
hatten sich - mit Ausnahme Bayerns - aus der
Finanzierungsverantwortung für die Instandhaltung zurückgezogen. Nun
lag der schwarze Peter bei den Kassen - und die hatten jede Menge Ärger.
Kassenmitarbeiter bekamen Unwillen der Versicherten ab
"Die Menschen sind sauer", sagte Herbert Rebscher, damals
Geschäftsführer des Ersatzkassenverbands vdak, heute Vorstandschef der
DAK, der "Berliner Zeitung". Die Mitarbeiter in den Geschäftsstellen
würden beschimpft und angefeindet, klagte Rebscher. Geschätzt zehn bis
30 Prozent der Versicherten zahlten die 20 Mark nie.
Das
Drohpotenzial der Kassen ist begrenzt. Paragraf 16 SGB V schließt aus,
dass säumige Beitragszahler ihren Versicherungsschutz komplett
verlieren. Auch wer nicht zahlt, hat Anspruch auf "Leistungen, die zur
Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände" nötig sind.
Die Neuwahl im Jahr 1998 samt rot-grünem Wahlsieg beendete das
Notopfer-Experiment. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne)
schaffte mit der nächsten Gesundheitsreform die Extra-Prämie wieder ab.
Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Eine unredliche Debatte
Lesen Sie dazu auch:
Acht Euro - Wirbel um Zusatzprämie
Das Finanzpolster der Kassen schmilzt dahin
FDP-Vize Pinkwart will Zusatzbeiträge auf Eis legen

Weitere Beiträge
Weitere Top-Meldungen
[18.03.2010]
Die private Krankenversicherung konzentriert ihren Wettbewerb auf junge, gesunde Versicherte, lässt alte Tarife systematisch vergreisen und kranke Versicherte in die Kostenfalle laufen. Die ärztliche Versorgung ist teuer und - anders als in der GKV - ohne effektive Steuerungsmöglichkeiten.
mehr »
[18.03.2010]
Der Ulmer Generikahersteller ratiopharm wird an den weltgrößten Hersteller von Nachahmerprodukten, Teva Pharmaceutical, verkauft. Das teilten Teva und die zur Merckle Gruppe gehörende VEM Vermögensverwaltung am Donnerstag mit. Der Verkaufspreis liegt bei 3,625 Milliarden Euro.
mehr »
[18.03.2010]
Trotz des kalten Winters könnte die Zeckenplage und das damit verbundene Risiko einer Gehirnhautentzündung weiter ansteigen. "Es gibt keine Veranlassung zu glauben, dass die Zecken weniger geworden sind", erklärte Professor Jochen Süss vom Friedrich-Loeffler-Institut in Jena am Mittwoch auf einer Veranstaltung in München.
mehr »