Ärzte Zeitung, 18.02.2010

Mehr Therapietreue durch Zuzahlung - das klappt nicht

Können Zuzahlungen bei Arzneimitteln den Therapieerfolg positiv beeinflussen? Wissenschaftler melden Zweifel an.

Von Thomas Hommel

Mehr Therapietreue durch Zuzahlung - das klappt nicht

© DeVIce / fotolia.com

BERLIN. Zuzahlungen auf vom Arzt verordnete Arzneimittel zeitigen offenbar nicht den Effekt, den sich Befürworter davon versprechen. Der Therapieerfolg wird dadurch kaum positiv beeinflusst. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Bremer Instituts für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) in Zusammenarbeit mit der Versandapotheke "Sanicare". Im Rahmen der Untersuchung wurden bislang 1200 vor allem chronisch kranke Patienten nach dem Einfluss von Zuzahlungen auf die Therapietreue - Adhärenz - befragt. Insgesamt sollen rund 6000 Patienten aus allen Altersklassenund Sozialschichten in die Studie mit eingebunden werden.

Das Zwischenergebnis der Umfrage fällt ernüchternd aus: So erwarten 70 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss keine nennenswerte Verbesserung des Therapieerfolges, bei den Teilnehmern mit Abitur sind es sogar 80 Prozent, die eine positive Wirkung der Zuzahlungen bezweifeln. Genau dieser Effekt wird aber von den Befürwortern von Zuzahlungen ins Feld geführt: Diese sollten, wird argumentiert, als Anreiz dienen, damit Patienten nur noch medizinisch notwendige Leistungen in Anspruch nehmen und Arzneien einnehmen wie vom Arzt verordnet.

Das Gegenteil sei der Fall, sagte Studienautor Dr. Bernhard Braun. Zuzahlungen auf Arzneimittel führten eher zu einer mangelnden Therapietreue. Häufig reagierten Patienten auf den Extraobolus, der mindestens fünf und maximal zehn Euro beträgt, damit, dass sie die Dosis des verordneten Präparates verringerten, um so mit Medikamentenverpackungen länger auszukommen. Andere Patienten wiederum würden die Therapie abbrechen, um Zuzahlungen zu umgehen.

Das aber koste das Gesundheitssystem "viel Geld", da ein Therapieabbruch neue Gesundheitsrisiken hervorrufen könne oder dazu führe, dass eine bestehende Krankheit verschleppt werde. Wichtiger für den Therapieerfolg seien "ärztliche Information und Beratung", unterstrich Braun. So zeigten die Zwischenergebnisse der Studie, dass die Therapietreue immer dann niedrig sei, wenn Patienten von Ärzten nicht oder nur begrenzt über verordnete Arzneimittel informiert würden.

Der Gesundheitsweise Professor Gerd Glaeske kritisierte, Arzneimittel-Zuzahlungen dienten in erster Linie dazu, die Krankenkassen finanziell zu entlasten. "Zuzahlungen sind quasi zusätzliche Einnahmen ohne Arbeitgeberanteil." Betroffen seien vor allem chronisch Kranke aus sozial schwachen Schichten. "Eine kleine Gruppe zahlt ziemlich viel. Ich halte das für höchst unsozial."

Schätzungen der Kassen zufolge leisten GKV-Versicherte jährlich Arzneimittel-Zuzahlungen in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro.

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