Ärzte Zeitung, 18.03.2010
Keine
Illusion, keine Ignoranz!
Von Helmut Laschet
Probleme
werden nicht damit gelöst, indem man sie im Giftschrank
versteckt. So handelt aber gegenwärtig
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der eine von
seinem Haus in Auftrag gegebene Studie von IGES/Rürup wegen
ihrer nicht ins "liberale" Weltbild passenden Ergebnisse unter
Verschluss nahm.
Die Sache ist zu ernst. Acht Millionen Bürger haben
den Schutz ihrer Gesundheit der privaten Krankenversicherung
anvertraut. Und die ist keineswegs so demografieresistent wie gemeinhin
geglaubt wird. Steigende Lebenserwartung, wachsende Morbidität
und medizinischer Fortschritt sind nicht vom angesammelten Kapital
gedeckt. Die PKV kämpft am Markt um gute Risiken - aber es
gibt keinen Wettbewerb um preiswerten und guten Versicherungsschutz
für ältere und chronisch kranke Versicherte.
Das ist kein moralisches Werturteil über die
Geschäftspolitik der Branche. Es ist vielmehr Ergebnis einer
Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Versicherer
arbeiten. Rahmenbedingungen bestimmt die Politik, sie ist es, die die
Zukunftsfähigkeit der Branche als Systemalternative zu GKV
sichern muss.
In besonderer Weise sind dabei niedergelassene Ärzte
betroffen: Privathonorare und deren Höhe sind attraktiv. Doch
die Vergütungssystematik verleitet Ärzte - auch das
ist eine nüchterne Feststellung und kein Vorwurf! -, die
Möglichkeiten auszureizen. Was betriebswirtschaftlich
vernünftig ist, wird zum Risiko für das Gesamtsystem
- gemeinsam sägen alle Ärzte an dem Ast, auf dem sie
sitzen.
Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD)
konnte dem gelassen zusehen - am Bestand der PKV hatte sie wenig
Interesse. Das ist in der neuen Koalition mit einer starken liberalen
Komponente völlig anders. Gefragt ist daher eine
zielorientierte Ordnungspolitik. IGES/Rürup haben dazu
Vorschläge gemacht. Dies gilt auch für
Ärzte, für die Direktverträge mit den
Privatversicherten als eine Option zu Steuerung von Leistung,
Qualität und Preisen empfohlen werden. Es hilft nichts:
Brüderle und sein Kollege Philipp Rösler haben den
höchst unangenehmen Job, Politik gegen die widerstreitenden
Interessen der eigenen Klientel machen zu müssen.
Schreiben Sie dem Autor: helmut.laschet@aerztezeitung.deLesen Sie dazu auch:
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