Freitag, 25. Mai 2012
Ärzte Zeitung, 18.03.2010

Keine Illusion, keine Ignoranz!

Von Helmut Laschet

zur Großdarstellung klicken

Probleme werden nicht damit gelöst, indem man sie im Giftschrank versteckt. So handelt aber gegenwärtig Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der eine von seinem Haus in Auftrag gegebene Studie von IGES/Rürup wegen ihrer nicht ins "liberale" Weltbild passenden Ergebnisse unter Verschluss nahm.

Die Sache ist zu ernst. Acht Millionen Bürger haben den Schutz ihrer Gesundheit der privaten Krankenversicherung anvertraut. Und die ist keineswegs so demografieresistent wie gemeinhin geglaubt wird. Steigende Lebenserwartung, wachsende Morbidität und medizinischer Fortschritt sind nicht vom angesammelten Kapital gedeckt. Die PKV kämpft am Markt um gute Risiken - aber es gibt keinen Wettbewerb um preiswerten und guten Versicherungsschutz für ältere und chronisch kranke Versicherte.

Das ist kein moralisches Werturteil über die Geschäftspolitik der Branche. Es ist vielmehr Ergebnis einer Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Versicherer arbeiten. Rahmenbedingungen bestimmt die Politik, sie ist es, die die Zukunftsfähigkeit der Branche als Systemalternative zu GKV sichern muss.

In besonderer Weise sind dabei niedergelassene Ärzte betroffen: Privathonorare und deren Höhe sind attraktiv. Doch die Vergütungssystematik verleitet Ärzte - auch das ist eine nüchterne Feststellung und kein Vorwurf! -, die Möglichkeiten auszureizen. Was betriebswirtschaftlich vernünftig ist, wird zum Risiko für das Gesamtsystem - gemeinsam sägen alle Ärzte an dem Ast, auf dem sie sitzen.

Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) konnte dem gelassen zusehen - am Bestand der PKV hatte sie wenig Interesse. Das ist in der neuen Koalition mit einer starken liberalen Komponente völlig anders. Gefragt ist daher eine zielorientierte Ordnungspolitik. IGES/Rürup haben dazu Vorschläge gemacht. Dies gilt auch für Ärzte, für die Direktverträge mit den Privatversicherten als eine Option zu Steuerung von Leistung, Qualität und Preisen empfohlen werden. Es hilft nichts: Brüderle und sein Kollege Philipp Rösler haben den höchst unangenehmen Job, Politik gegen die widerstreitenden Interessen der eigenen Klientel machen zu müssen.

Schreiben Sie dem Autor: helmut.laschet@aerztezeitung.de

Lesen Sie dazu auch:
"Vergreisende Tarife, Kampf um Junge"

Lesen Sie dazu auch:
Kapitaldeckung der PKV wächst trotz Krise weiter

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
Für Alte und chronisch Kranke ist die private Krankenversicherung nicht geeignet


 


| Share

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Top-Meldungen

EHEC-Therapie - leicht gemacht?

Mehr als 800 Menschen sind schwer krank und liegen in den Kliniken - das war die Situation vor einem Jahr während der EHEC-Epidemie. Doch was war die richtige Therapie? Jetzt gibt es neue Daten - und Fragezeichen. mehr »

Ärzte, vernetzt Euch!

Vom Deutschen Ärztetag soll ein Aufruf ausgehen für mehr vernetztes Arbeiten von Ärzten. Doch die Botschaft stieß nicht auf einhellige Begeisterung. Denn Kooperationen bergen auch das Risiko neuer Abhängigkeiten für Ärzte, warnten Delegierte. mehr »

Ein Jahr nach EHEC: "Viele Ärzte haben gar nicht gemeldet"

Viel wurden die Behörden während der EHEC-Epidemie gescholten. Doch auch an der Basis, bei den Ärzten, lief nicht alles rund. Im Interview zieht der Chef-Epidemiologe vom Robert Koch-Institut, Professor Gérard Krause, Lehren und spricht über selbst ernannte Experten. mehr »