Ärzte Zeitung, 15.04.2010

Interview des Monats

"Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

In Deutschland werden in absehbarer Zeit viele Ärzte in den Ruhestand gehen. "Deshalb müssen wir uns jetzt Gedanken machen, wie wir auch künftig eine flächendeckende Versorgung sicherstellen können", sagt Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Um Ärzte in unterversorgte Gebiete zu locken, hält er es sogar für "denkbar", die Mengensteuerung in diesen Gegenden auszusetzen.

Philipp Rösler: "Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

"Viele junge Ärzte wissen nicht, was es heißt, als Landarzt zu arbeiten."


Philipp Rösler: "Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

"Ich weiß sehr wohl, dass die Praxis auf dem Land für viele Ärzte derz eit nicht sehr attraktiv ist." Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler (FDP) im Gespräch mit dem Chefredakteur der "Ärzte Zeitung" Wolfgang van den Bergh (l. ) und Hauptstadtkorrespondent Thomas Hommel (r.). © Elke Hinkelbein


Philipp Rösler: "Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

"Wir brauchen beides: eine bessere Verteilung und auch mehr Ärzte!"


Philipp Rösler: "Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

"Eine Quotenregelung kann ein wichtiger Baustein sein."


Philipp Rösler: "Wo sich ein Arzt niederlässt, hängt auch mit der Honorierung zusammen"

"Wir müssen darauf achten, dass das Positive an MVZ erhalten bleibt."

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Rösler, Hand aufs Herz: Würden Sie als junger Arzt eine Praxis auf dem Land eröffnen?

Dr. Philipp Rösler: Ja, das würde ich. Ich komme aus Niedersachsen, einem teilweise sehr ländlich strukturierten Bundesland, und ich habe nach wie vor ein gutes Bild von dem Leben auf dem Land. Trotzdem würde ich nicht naiv-romantisch von mir auf alle anderen schließen. Ich weiß sehr wohl, dass die Praxis auf dem Land für viele Ärzte derzeit nicht sehr attraktiv ist.

Ärzte Zeitung: In Deutschland findet momentan ein regelrechter Wettstreit um das beste Konzept gegen Ärztemangel statt. Schaut man sich Statistiken an, verzeichnen wir eine Zunahme an Ärzten in den vergangenen 20 Jahren um etwa 46 000. Führen wir am Ende die falsche Debatte?

Rösler: Nein, keineswegs. Denn diese Zahl sagt nichts über die Zukunft aus. Schon heute zeichnet sich eindeutig die Notwendigkeit zum Handeln ab: Das Durchschnittsalter bei niedergelassenen Ärzten ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen - auf heute über 50 Jahre. Viele Ärzte werden also in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen.

Deshalb müssen wir uns jetzt Gedanken machen, wie wir auch künftig eine flächendeckende Versorgung sicherstellen können. Mir geht es um die richtige Verteilung der Ärzte. Wir haben derzeit eine Übersorgung in Ballungszentren und eine teilweise Unterversorgung in ländlichen Regionen. Diese Schieflage gilt es zu beheben.

Ärzte Zeitung: Sie stimmen also den Krankenkassen zu, die sagen: Ärztemangel in Deutschland gibt es nicht, die Ärzte sind nur schlichtweg falsch verteilt?

Rösler: So einfach würde ich es mir nicht machen. Wir brauchen beides: eine bessere Verteilung und auch mehr Ärzte! Deshalb habe ich die Debatte angestoßen. Dass sich im Anschluss viele an der Debatte beteiligen, macht deutlich, dass dieses Thema die Menschen bewegt.

Ärzte Zeitung: Dreh- und Angelpunkt ist die Bedarfsplanung. Die CSU will die Ärztezulassung komplett freigeben. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Rösler: Die Politik sollte jetzt nicht in einen Wettkampf um die größten Schlagzeilen eintreten, sondern sich das Problem genau anschauen und versuchen, es zu lösen. Richtig ist, dass wir an die Bedarfsplanung heran müssen, weil sie aus den 1990er Jahren stammt und die Situation heute eine völlig andere ist. Die Menschen nehmen die Versorgung im ländlichen Raum als eine Unterversorgung wahr, obwohl die Statistik noch eine ausreichende Versorgung mit Haus- und Fachärzten nachweist.

Ärzte Zeitung: Müssen Länder und Kommunen stärker mit einbezogen werden?

Rösler: Die Bedarfsplanung hat sehr viel mit dem Sicherstellungsauftrag zu tun. Hier sind die Verantwortlichkeiten klar geregelt. Dennoch wird zu prüfen sein, wie die Länderebene stärker zu Rate gezogen werden soll. Wie weit das gehen kann, darüber muss offen diskutiert werden. Niemand kennt sich besser aus als die Menschen vor Ort. Der falsche Weg jedenfalls wäre der, von Berlin aus zu sagen, da gibt es gute und dort gibt es schlechte Versorgung, und deshalb müsst ihr jetzt das oder jenes machen. Das ist nicht meine Politik.

Ärzte Zeitung: Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben heute schon Möglichkeiten, das Landleben für Ärzte attraktiv zu machen - durch finanzielle Starthilfen oder die Garantie eines Mindestumsatzes. Werden die Möglichkeiten zu wenig genutzt?

Rösler: Es kann hier nicht um Schuldzuweisungen gehen. Denn die bringen uns nicht weiter. Es geht um Lösungen. Das möchte ich zunächst einmal festhalten.

Gleichwohl ist es so, dass die KVen heute schon über Instrumente verfügen, mit denen sie dem Mangel an Ärzten entgegenwirken können. Sie können beispielsweise Eigenpraxen betreiben. Dabei müssen sie gesetzgeberisch stärker unterstützt werden. Wenn die Finanzierung von Eigenpraxen nicht aus der Gesamtvergütung bestritten wird, sondern als Verwaltungskosten bei der jeweiligen KV aufläuft, ist das wenig attraktiv.

Ärzte Zeitung: Es gibt Forderungen, dass auch Kassen Eigenpraxen betreiben sollen - dort, wo die KVen dies nicht tun.

Rösler: Ich würde die Verantwortlichkeit erst einmal da belassen, wo sie ist: bei KV und Selbstverwaltungsorganen.

Ärzte Zeitung: Sie haben vorgeschlagen, den Zugang zum Medizinstudium zu erleichtern und die Zahl der Studienplätze zu erhöhen. Diese Therapie würde aber erst nach Jahren wirken. Was soll in der Zwischenzeit passieren?

Rösler: Wir haben einen ganzen Strauß an Vorschlägen zusammengetragen -angefangen beim Zugang zum Medizinstudium, mehr Studienplätzen bis hin zu Anreizen, um kurzfristig mehr Ärzte in unterversorgte Gebiete zu ziehen. Die Frage, ob sich ein Arzt dort niederlässt, hat natürlich auch mit der Honorierung zu tun. Denkbar wäre, die Mengensteuerung in unterversorgten Gebieten auszusetzen. Denn in solchen Regionen wird schon heute die Klage laut, dass sich die Patienten auf alle verbliebenen Ärzte aufteilen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass sich die Patientenzahl je Arzt deutlich erhöhen kann. Dadurch kann dieser sehr schnell in die Honorarabstufung hinein geraten. Das aber ist fatal, weil es die Ärzte bestraft, die dringend gebraucht werden.

Mit jedem Arzt, der seine Praxis aufgibt, verschärft sich das Problem. Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob Ärzte in unterversorgten Gegenden von der Mengenbegrenzung ausgenommen werden können. Wir müssen zudem erreichen, dass Ärzte ihre Patienten mit den notwendigen Medikamenten ohne Angst vor Regressdrohungen versorgen können.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Rösler, zu Ihrem Strauß gehört auch die Landarztquote. Experten kritisieren, dem Beruf des Landarztes werde dadurch erst recht ein negatives Image angeheftet - so nach dem Motto: Das wollen nicht genug Leute machen.

Rösler: Das sehe ich anders. Ich selber habe über eine Quote, die Bundeswehrquote, Medizin studiert. Ich bin aus Überzeugung - mein Vater war Berufssoldat - Sanitätsoffizier bei der Bundeswehr geworden. Im Fall der Bundeswehrquote ist das Verfahren seit langem akzeptiert. Und ich bin überzeugt, dass eine Quotenregelung auch ein wichtiger Baustein sein kann, den Landarztmangel zu bekämpfen.

Das Problem ist, dass viele junge Ärzte gar nicht wissen, was es heißt, als Landarzt zu arbeiten, weil sie selbst damit nie Erfahrung gemacht haben. Hier müssen also Hemmschwellen abgebaut werden. Deshalb sollte der Berufsnachwuchs schon in der Aus- und Weiterbildung erfahren, wie die Arbeit eines Landarztes aussieht und welche Vorzüge diese Arbeit hat.

Ärzte Zeitung: Soll es denn eine Quote für alle 16 Bundesländer geben?

Rösler: Das müssen die Bundesländer selbst entscheiden. Ich finde jedenfalls, dass entsprechende Möglichkeiten vorhanden sein sollten. Denn das hilft vor allem den Ländern. Der Reiz einer Quote liegt nämlich auch darin, dass die Länder ein Stück weit selber mitbestimmen können, wo die Medizinstudenten, die sie ausbilden und deren Ausbildung sie bezahlen, später bleiben.

Ärzte Zeitung: Wäre nicht die stärkere Förderung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) der einfachere Weg - zumal diese Versorgungsform aus Sicht junger Ärztinnen und Ärzte sehr attraktiv ist.

Rösler: MVZ werden sehr gut angenommen, von den Patienten, aber auch denen, die dort arbeiten. Richtig ist auch, dass wir in unterversorgten Gebieten MVZ noch stärker als bisher brauchen können, um die Versorgung sicherzustellen. Deswegen muss man genau darauf achten, dass das Positive an MVZ erhalten bleibt. Mir ist in diesem Zusammenhang der Aspekt der Freiberuflichkeit wichtig.

Freiberuflichkeit heißt nicht, dass Sie nicht als angestellter Arzt arbeiten können. Freiberuflichkeit heißt, dass der Arzt seine medizinische Entscheidung für den Patienten in allererster Linie nach medizinischen und nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien trifft. Daher ist es wichtig, dass die Mehrheitsverhältnisse bei den MVZ in der Hand der Kassenärzte, das heißt von Freiberuflern, liegen. Große Kapitalgesellschaften, die im Klinikbereich tätig werden, agieren mitunter nach den Regeln des Kapitalmarktes und nicht nach dem Prinzip der Freiberuflichkeit.

Ärzte Zeitung: Die Große Koalition hat das Vertragsarztrecht gelockert und überörtliche Gemeinschaftspraxen oder Filialen möglich gemacht. Planen Sie weitere Lockerungen?

Rösler: Beim Thema Zweigstellen könnte ich mir eine weitergehende Lösung vorstellen - derzeit ist die Zahl möglicher Zweigstellen auf zwei begrenzt. Denkbar wäre auch, dass Kommunen eigene Praxen betreiben dürfen. Dies muss aber nach dem Subsidaritätsprinzip geschehen: Nur dort, wo sich kein Kassenarzt für einen unbesetzten Arztsitz findet, sollte die Kommune eigene Praxiseinrichtungen vorhalten und Ärzte anstellen dürfen - immer mit der Perspektive, dem angestellten Arzt später ein Angebot für die Praxisübernahme zu machen. Das ist sinnvoller, als wenn Kommunen Praxisräume einrichten, in denen unterschiedliche Ärzte abwechselnd tätig sind. Denn Patienten wollen einen Arzt als festen Ansprechpartner, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufbauen können.

Ärzte Zeitung: Die Debatte um Ärztemangel lenkt von zwei anderen großen Vorhaben der Koalition ab: GKVFinanzreform und Arzneimittelspargesetz. Beim Spargesetz hat es zuletzt Kritik gegeben. Mancher Hersteller spricht von "Planwirtschaft". Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Rösler: Die sollten mal überlegen, was sie da sagen. Als Bundesgesundheitsminister bin ich den 80 Millionen Menschen in Deutschland verpflichtet. Das ist mein Kompass. Ich stehe dafür, dass es endlich eine vernünftige Balance gibt - eine Balance, die gewährleistet, dass Patienten weiterhin die innovativsten Medikamente erhalten, und die gleichzeitig dafür sorgt, dass die Arzneiausgaben nicht ausufern. Nur die Medikamente, die einen belegbaren Zusatznutzen für die Menschen aufweisen, sollen zunächst von den Kassen voll erstattet werden. Das muss auch im Interesse der Industrie sein. Die anderen Präparate gehen ins Festbetragssystem. So setzen wir Anreize, dass neue Medikamente auch wirklich einen Zusatznutzen aufweisen.

Das Gespräch führten Thomas Hommel und Wolfgang van den Bergh.

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