Ärzte Zeitung, 12.07.2010

Viele Ärzte entdecken Prävention erst in der Praxis

Prävention wurde lange Zeit zu Gunsten der kurativen Medizin vernachlässigt. Gerade in Ausbildung und Klinik fehlt das Thema komplett.

Viele Ärzte entdecken Prävention erst in der Praxis

"Ein Teil unserer Gesellschaft hat präventives Verhalten verloren." (Professor Matthias Augustin, UKE in Hamburg)

© di

HAMBURG (di). Wenig Berührungspunkte in der Ausbildung, fehlende Anreizsysteme und geringe Vernetzung: Dies sind für Dr. Thomas Suermann die Ursachen dafür, dass sich Ärzte in Deutschland bislang nicht stärker für Prävention einsetzen.

Beim achten Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik richtete der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation der Bundesärztekammer seine Kritik aber auch an die Politiker. Diese verschließen nach seiner Ansicht die Augen vor den größten gesundheitspolitischen Problemen der kommenden Jahre. Zunehmende Alterung verbunden mit falscher Ernährung und Bewegungsmangel, warnte Suermann, werden zu Krankheiten führen, die dem Gesundheitswesen Kosten in Milliardenhöhe bescheren.

Dass sich Ärzte bislang nicht stärker der Prävention widmen, führt Suermann auf fehlende finanzielle Anreize, aber auch auf mangelnde Vernetzungen zurück. Vor allem fehle das Thema bei der Ausbildung in den Krankenhäusern. Viele Ärzte entdecken die Prävention erst, wenn sie in der Praxis sind.

Auch Gastgeber Professor Matthias Augustin vom UKE schätzt den Stellenwert der Prävention in Deutschland als zu gering ein. Denn trotz Einsicht und Argumenten für die Prävention hat er beobachtet, dass präventives Verhalten zumindest bei einem Teil unserer Gesellschaft verloren gegangen ist. Suermann bezeichnete diesen Teil als "bildungsferne Zielgruppe", die erreicht werden müsse. Sportvereine und Betriebe könnten nach seiner Ansicht verstärkt Präventionsangebote schaffen, um diese Gruppe zu erreichen. Zugleich plädierte er für einen größeren Stellenwert des Sportunterrichts an Schulen.

Auch Birgit Fischer, Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größter Krankenkasse Barmer GEK, hält Prävention für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein von den Kassen finanziert werden sollte. Weil Ausfallzeiten zu Lasten der Produktivität gehen, sieht Fischer besonders bei Unternehmen ein Interesse daran, in die Prävention ihrer Beschäftigten zu investieren. Weil kranke Beschäftigte das Unternehmen und die Krankenkasse belasten, geht die Barmer GEK inzwischen gezielt in die Betriebe, um das betriebliche Gesundheitsmanagement zu fördern, etwa mit After-Work-Sport, speziellen Gesundheitstagen oder Firmensportabzeichen.

Noch gibt es nach Beobachtung Fischers in der Bevölkerung zu geringe Kenntnisse über die Möglichkeiten der Gesunderhaltung. Augustin zeigte, dass andere Länder zum Teil weiter sind. Als Beispiel nannte er Japan, wo sich eine moderne westliche Medizin mit traditioneller Lebensweise paart. Ergebnisse seien eine höhere Lebenserwartung, aber auch mehr Lebensqualität.

Dass viele Menschen auch bei uns umdenken, zeigt der Erfolg der Kette Kieser Training. Deren Gründer, der Schweizer Werner Kieser, hat ein Konzept zum gesundheitsorientierten Krafttraining mit präventiven und therapeutischen Maßnahmen erarbeitet. Das nicht von den Kassen bezahlte Training in den Kieser-Studios wird inzwischen in vielen Ländern Europas angeboten. Der gelernte Tischler Kieser hat frühzeitig erkannt, dass auch alte Menschen präventiv etwas für ihre Gesundheit tun sollten. In Hamburg brachte der 70-jährige Kieser dies auf die Formulierung: "Wir schonen die Alten zu Tode. Wir sollten sie jagen."

[12.07.2010, 10:27:17]
Dr. Birgit Bauer 
Gesundheitserziehung Kassenaufgabe ???
M.E. ist Gesundheitserziehung der Bevölkerung ein Thema,dass in den allgemeinen Sozialisationsprozess der Bevölkerung gehört und überhaupt keine Krankenkassenrelevanz hat.Hier sind die Eltern genauso gefragt wie das Bildungssystem. Allerding gehört dazu auch eine kritische Haltung zu den marktwirtschaftlich notwendigen Werbestrategien , die der Bevölkerung permanent Bedürfnisse einredet, die ein Mensch mit gesundem Verstand gar nicht hat (Bsp. Kosmetikindustrie / Hautkrankheiten, MP3-Player /Schwerhörigkeit , die Liste könnte beliebig verlängert werden )
Die KK sollten sich auf die Finanzierung kurativer Leistungen beschränken und nur auf diese. zum Beitrag »

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