Ärzte Zeitung, 19.10.2010

Prothesenregister soll Qualität heben und Kosten senken

In Deutschland werden immer mehr Hüft- und Kniegelenke implantiert. Um unnötige Revisionen zu vermeiden, fordern Experten seit Jahren den Aufbau eines bundesweiten Endoprothesenregisters. Anfang nächsten Jahres soll die Datenbank nun kommen.

Von Thomas Hommel

BERLIN. Nirgendwo sonst in Europa werden so viele lädierte Hüften und Knie ersetzt wie in deutschen Kliniken. 390 000 solcher Eingriffe zählt die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) im Jahr.

Register soll Qualität heben und Kosten senken

Technik, die nützt!? Ein Register soll Prothesen sicherer machen.

© Garcia/imago

"Wir registrieren schon seit Jahren eine erhebliche Zunahme von Hüft- und Kniegelenks-Operationen, die sowohl medizinischen Altlasten vergangener Jahre als auch dem demografischen Wandel geschuldet ist", sagt DGOOC-Präsident Dr. Daniel Frank.

"Die Menschen möchten heute auch im Alter von 70 Jahren noch auf Berge steigen und wandern. Mit kaputten Gelenken geht das nicht", erklärt sich Dr. Hadi Saleh, Chef des Berliner Orthopädie-Unternehmens Biomet, den Trend. Gemeinsam mit Kliniken, Haus- und Fachärzten hat Saleh ein integriertes Behandlungsprogramm für Patienten entwickelt, die mit einem Kunstgelenk versorgt werden sollen. Seine Firma wolle eben nicht bloß Prothesen fertigen, sondern auch für einen Eingriff möglichst ohne Komplikationen sorgen. "Vor, während und nach der Op."

Billig ist der Eingriff am Knie oder an der Hüfte nicht. Der Einbau eines künstlichen Hüftgelenks etwa kostet die Krankenkassen im Schnitt 7630 Euro - hochgerechnet auf alle Hüftimplantate im Jahr sind das etwa 1,5 Milliarden Euro. Zählt man noch die anfallenden Kosten für sämtliche Knieimplantationen hinzu, kommt rasch ein Betrag von 3,5 Milliarden und mehr Euro zusammen.

Rund 3,5 Milliarden Euro für neue Hüft- und Kniegelenke

"Angesichts einer solchen Größenordnung wird einem als Kassenmensch schon ein bisschen mulmig", sagt Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, Vize-Chef der Barmer GEK.

Zehn Jahre, wenn nicht länger, soll ein künstliches Gelenk halten, ohne dass die Prothese locker und eine Revision nötig wird. Doch diesem Anspruch werden nicht alle Produkte gerecht. Bis zu 300 Fälle von Implantatversagern werden jedes Jahr gemeldet. Tatsächlich aber dürften es weitaus mehr sein. Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer.

Ergebnisqualität wird bislang unzureichend erfasst

Ursächlich dafür sei vor allem die unzureichende Meldepflicht, heißt es. So müssen in Deutschland lediglich produktbezogene Fehler gemeldet werden. Patientenbezogene Implantatversager, verursacht durch zu frühe Belastung, oder Fehler durch den Anwender werden nicht erfasst. Dasselbe gilt für den Langzeitverlauf der Prothese - die Frage also: Kommt es zu einer Veränderung an der Prothese und wenn ja, wodurch?

Nach Ansicht von Experten ein unhaltbarer Zustand. Um den Patienten mehr Versorgungsqualität bieten und den Kassen kostspielige Revisionen ersparen zu können, müsse rasch ein Endoprothesenregister her, sagen sie. "Ein solches Register kann uns Auskunft über Standzeiten und damit über die Qualität geben", sagt Jürgen Malzahn, Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung beim AOK-Bundesverband. "Wir brauchen eine Verlaufskontrolle, wie lange so ein Ding hält", betont auch Barmer GEK- Vize Schlenker.

Neu ist die Diskussion um das Endoprothesenregister nicht. Schon in den 90er Jahren wurde eine solche Datenbank aufgebaut. Wegen mangelnder Finanzierung sei die Sache aber "eingeschlafen", so DGOOC-Generalsekretär Professor Fritz Uwe Niethard. Mit dem "Deutschen Endoprothesenregister" wagen Orthopäden, Krankenkassen und Hersteller nun einen neuen Versuch. "Der Vertragsabschluss steht kurz bevor", sagt Professor Norbert Hassenpflug, Mitglied der DGOOC.

"Nächstes Jahr wollen wir das Register auf den Weg bringen." Mit Hilfe der Datenbank ließen sich auffällige Kliniken identifizieren und die Qualität der Implantationen sowie der verwendeten Prothesen besser vergleichen. Fehlerhafte Produkte könnten schneller vom Markt genommen und die Zahl der Revisionen gesenkt werden. Als Beleg führt Hassenpflug Schweden an. "Durch Einführung eines Registers konnte die Revisionsrate dort um etwa die Hälfte reduziert werden."

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