Ärzte Zeitung, 17.12.2010

Interview

vdek Bayern: "Verwaltungskosten sind nicht explodiert"

Die Ansicht, dass die Verwaltungskosten der Krankenkassen immer weiter steigen und für die höheren Ausgaben im Gesundheitswesen mit verantwortlich sind, ist weit verbreitet. Dem sind jetzt die Ersatzkassen in Bayern mit einer Untersuchung entgegengetreten. vdek-Landeschef Dr. Ralf Langejürgen erläutert die Ergebnisse.

Ärzte Zeitung: Nach ihrer Studie liegt der Anteil der Verwaltungskosten der Kassen an den Gesamtausgaben der GKV in den vergangenen zehn Jahren konstant bei etwas über fünf Prozent. Wie setzen sich diese zusammen?

Dr. Ralf Langejürgen

Dr. Ralf Langejürgen

© privat

Aktuelle Position: Seit dem 1. April 2008 Leiter der vdek-Landesvertretung Bayern

Werdegang/ Ausbildung: Studium der Volkswirtschaft, anschließend Promotion an der LMU München

Karriere: Vor seinem Wechsel zum Ersatzkassenverband: Mitglied der Geschäftsführung im Landesverband Groß- und Außenhandel

Privates: Geboren am 13. März 1963 in Lemgo

Dr. Ralf Langejürgen: Konstant ist ein wenig untertrieben. Der Anteil der Verwaltungskosten ist von 5,79 Prozent im Jahr 2004 auf 5,22 Prozent 2009 gesunken, obwohl in dieser Zeit immer neue Aufgaben auf die Krankenkassen zukamen. Daher ist der Vorwurf, die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen seien in den zurückliegenden Jahren explodiert, völlig aus der Luft gegriffen.

Angesichts der Tatsache, dass die Kassenmitarbeiter eine Vielzahl von zum Teil komplexen Dienstleistungen für ihre Versicherten erbringen, ist der aktuelle Verwaltungskostenanteil auch im Vergleich zu den Verhältnissen der Privatwirtschaft auffallend niedrig.

Wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass anspruchsvolle Dienstleistungen auch ihren Preis haben und die dafür aufgewandten Personalkosten mittel- und langfristig gut angelegte Gelder im Interesse der Versicherten sind.

Ärzte Zeitung: 85 Prozent ihrer Verwaltungskosten sind Personalkosten. Was hat sich in diesem Bereich getan?

Langejürgen: Von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt vollzog sich hier ein gewaltiger Umstrukturierungsprozess. Die Zahl der GKV-Beschäftigten ist im Zeitraum zwischen 2002 bis 2009 um rund 8,6 Prozent zurückgegangen.

Bei den Ersatzkassen verringerte sich die Zahl der Beschäftigten sogar um 15,7 Prozent. Erfreulicherweise stieg die Zahl der Ersatzkassenversicherten gleichzeitig deutlich an. Das heißt, die Mitarbeiter der Ersatzkassen haben Effizienzspielräume in beachtlichem Maße genutzt.

Das geschah ohne negative Auswirkungen auf die Betreuungs- und Servicequalität der Versicherten. Im Gegenteil, bei diversen Leistungstests und Kundenbarometern belegen die Ersatzkassen regelmäßig vordere Plätze.

Ärzte Zeitung: Der Gesetzgeber weist den Kassen immer neue Aufgaben zu, die mit zusätzlicher Bürokratie verbunden sind. Wie wollen sie das bewältigen?

Langejürgen: Die neuen Aufgaben münden in der Regel in die Leistungen für unsere Versicherten und bedeuten keinen Aufbau von zusätzlicher Bürokratie. Sie sind aber nicht zum Nulltarif zu haben.

Die neuen Aufgaben erhöhen zwar die Verwaltungskosten, führen aber gleichzeitig zu Einsparungen an anderer Stelle und machen die medizinische Versorgung bedarfsgerechter, sicherer und wirtschaftlicher.

Dies kommt dem Versicherten als Patient und als Beitragszahler zu Gute. Zu bewältigen sind diese Aufgaben - soweit es geht - durch Mobilisierung zusätzlicher Effizienzreserven. Doch diese Reserven sind nicht unbegrenzt.

Ärzte Zeitung: Und jetzt kommen auch noch die Zusatzbeiträge. Wie wird sich das auf die Verwaltungskosten auswirken?

Langejürgen: Das ist ein klassischer Fall von politisch induzierter Verwaltungskostenausweitung, deren Nutzen zumindest hinterfragt werden sollte. Die Erhebung der pauschalierten Zusatzbeiträge wird künftig die Krankenkassen jedes Jahr mit hunderten Millionen Euro extra belasten.

Diese Kosten könnten vermieden werden, hätte die Politik auf die Gestaltungsvorschläge der Ersatzkassen zurückgegriffen und die Erhebung von Zusatzbeiträgen in prozentualer Form im Quellenabzugsverfahren zugelassen. Dies wäre im Übrigen nicht nur unbürokratischer, sondern auch sozial gerechter gewesen.

Ärzte Zeitung: Die Verwaltungskosten sollen gesetzlich eingefroren werden. Was ist so schlimm daran. Bisher haben die Kassen es doch auch geschafft.

Langejürgen: Dank persönlichem Einsatz der Kassenmitarbeiter haben wir es in der Tat geschafft, die Entwicklung der Verwaltungskosten unter Kontrolle zu halten. Während jetzt die Politik einerseits die Verwaltungskosten einfriert, weist sie den Krankenkassen andererseits neue Aufgaben zu.

Damit wird ein doppelter Druck erzeugt, den wir in den kommenden zwei Jahren auszuhalten haben. Die Einsparungen, die sich die Politik davon verspricht, bringen nämlich nur vermeintliche Vorteile. Tatsächlich wird der Serviceauftrag der Kassen für die Versicherten hierdurch an vielen Stellen erheblich erschwert. Das ist unser Kritikpunkt an der Verwaltungskostendeckelung.

Das Interview führte Jürgen Stoschek.

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Jürgen Stoschek (387)
[17.12.2010, 10:38:55]
Marco Schade 
Rechnungsweise kann nachvollzogen werden
@ Helmut Karsch: Leider haben Sie nur die absoluten Zahlen miteinander verglichen. Dabei haben Sie den Zeitraum über 15 Jahren weder inflationsbereinigt, noch die ebenfalls steigenden Leistungsausgaben berücksichtigt. Außerdem haben Sie einen völlig anderen Zeitraum zugrunde gelegt. Die Verwaltungskostendiskussion ist erst seit Anfang 2000 ein Thema, nachdem die Verwaltungskosten in den 90er Jahren in der Tat konstant gestiegen waren.

Um Ihre These der steigenden Verwaltungskosten zu wiederlegen habe ich die von Ihnen vernachlässigten Gesundheitsausgaben in Deutschland ebenfalls berücksichtigt. Die Einordnung der Verwaltungskosten ist nur unter Berücksichtigung dieser Zahlen aussagekräftig.

Die Gesundheitsaugaben stiegen von 1994 bis 2008 von 174 Mrd. auf 263 Mrd. Euro. Dies entspricht einem Anstieg von ca. 51%.

Dass die Verwaltungskosten seit 2004 anteilig im Verhältnis zu den gesamten Gesundheitsausgaben tatsächlich gesunken sind, ist einfach nachzurechnen. Die Zahlen können über die Webseite www.gbe-bund.de (Gesundheitsberichterstattung des Bundes) kostenfrei recherchiert und nachgerechnet werden. An der Berechnung vom vdek kann ich nach Prüfung der öffentlich zugänglichen Zahlen keine Fehler feststellen. zum Beitrag »
[17.12.2010, 09:00:15]
Helmut Karsch 
Und die Erde ist eine Scheibe
1994 gab es 1.152 Kassen Die Verwaltungskosten betrugen 5,99 Milliarden Euro.
2009 gabe 202 Kassen. Die Nettoverwaltungskosten lagen bei 8,9 Milliarden Euro.
Die Anzahl der Kassen wurde um 570% reduziert bei gleichzeitigem Verwaltungskostenanstieg um 48,58%. Richtig ist, dass die Zahl der zu betreuenden Patienten gleich geblieben ist und damit auch der relative Aufwand. Ob man das Verhältnis zwischen Verwaltungsaufwand und Anzahl der Kassen mit einer solchen Ausprägung nicht als Kostenanstieg begreifen will, ist eine andere Sache. zum Beitrag »

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