Ärzte Zeitung, 30.11.2010

Steigende Zahl von Demenzkranken treibt Pflegekosten kräftig nach oben

Der neue Pflegereport der Barmer GEK lässt aufhorchen: Auf Deutschlands gesetzliche Kranken- und Pflegekassen rollt demnach eine Kostenwelle zu.

Von Thomas Hommel

Steigende Zahl von Demenzkranken treibt Pflegekosten kräftig nach oben

BERLIN. Ausgelöst wird diese durch eine dramatisch steigende Zahl von Demenzkranken. Nach dem am Dienstag in Berlin vorgelegten Pflegereport 2010 erkrankt derzeit mehr als jeder dritte Bundesbürger im Laufe seines Lebens an einer Demenz. Knapp 60 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen werden der Studie zufolge altersverwirrt oder aus anderen Gründen pflegebedürftig.

Bis zum Jahr 2060 wird sich die Zahl Demenzkranker von heute 1,2 Millionen auf dann etwa 2,5 Millionen mehr als verdoppeln.

Zwei Drittel der an Demenz erkrankten Menschen sind pflegebedürftig. Derzeit beziehen 2,3 Millionen Bürger Leistungen der Pflegeversicherung.

Steigende Zahl von Demenzkranken treibt Pflegekosten kräftig nach oben

Immer mehr Menschen werden alt, und immer mehr werden dement.

© GranAngular / imago

Die von der gesetzlichen Pflege- und Krankenversicherung aufzubringenden Kosten für einen Demenzkranken lägen auf das Jahr umgerechnet um 10 000 Euro höher als bei einem Nicht-Dementen, sagte Studienautor Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen.

Die Demenzerkrankung ziehe einen "großen Aufwand an medizinischer und pflegerischer Versorgung" nach sich. Der größte Aufwand bestehe in persönlicher Betreuung und Pflege der Betroffenen. Problem sei nicht, dass Demente keine Leistungen der Pflegeversicherung bezögen. Problematisch sei vielmehr, "dass sie Leistungen beziehen, die nicht ausreichen".

Würden die Leistungen ausgeweitet - wie es bei der geplanten Neudefinition des als überholt geltenden Pflegebedürftigkeitsbegriffs der Fall wäre - stiegen die Pflegekosten weiter kräftig an. Spätestens im Jahr 2014 habe der jüngste Spross unter den Sozialversicherungen seine Finanzreserven komplett aufgebraucht, so Rothgang.

Barmer GEK-Vorstand Dr. Rolf-Ulrich Schlenker kritisierte den von der Koalition geplanten Aufbau von Kapitaldeckung in der Pflegeversicherung mit Hilfe von Zusatzprämien. "Das wollen wir nicht", sagte Schlenker. Die Finanzierung über Beiträge biete nach wie vor eine gute Lösung der Kostenproblematik.

Dabei dürfe die Anhebung des Pflegebeitragsatzes freilich "kein Tabu" sein.
Derzeit liegt der Beitragssatz zur Pflegeversicherung bei 1,95 Prozent des Bruttolohns. Kinderlose zahlen 2,2 Prozent.

[01.12.2010, 16:55:38]
Dr. Heiner Melchinger 
Kosten der Demenzerkrankung
Bei der Darstellung der Kosten wird häufig ausgeblendet, dass durch eine Heimunterbringung auch bei den Sozialhilfeträgern erhebliche Kosten entstehen. Da die Differenz zwischen tatsächlichen Heimkosten und Erstattung der Pflegeversicherung nur von wenigen Patienten aus eigenen Mitteln bezahlt werden kann, muss der Sozialhilfeträger statistisch pro Patient und Monat mit rund 1.000 Euro einspringen. Würde durch eine leitliniengerechte Behandlung eines Demenzkranken der Zeitpunkt der Heimunterbringung nur um einen einzigen Monat verzögert, würden die eingesparten Kosten rechnerisch ausreichen, um bei drei Patienten Behandlungsversuche mit Antidementiva über fünf Monate durchzuführen und um dem behandelnden Arzt für den erhöhten Betreuungsaufwand ein Honorar von 100 Euro/Quartal zu vergüten. Was volkswirtschaftlich sinnvoll wäre, ist aber nicht realisierbar, weil die Zuständigkeitsgrenzen der Kostenträger unüberwindbar sind. Das Nachsehen haben die Patienten. Gegenwärtig erhält nur etwa ein Drittel aller an Demenz Erkrankten einen Behandlungsversuch mit Antidementiva. zum Beitrag »
[01.12.2010, 12:32:28]
Dr. Jürgen Schmidt 
Nützen tut es ja nix, aber reden wir doch mal darüber !
Das Thema Demografie und die Folgen, zu denen erhöhte Pflegebedürftigkeit wegen zunehmender Demenzerkrankungen zentral gehört, wird gerne verdrängt. Hier sollte die Ärzteschaft ihre soziale Kompetenz einbringen und nicht nur (aber auch) auf die Folgen für den eigenen und verwandte Berufe schauen.
Dass immer nur der oft beklagte Hedonismus einer deswegen kinderarmen Generation die Hauptursache der generativen Lücke ist, lässt sich empirisch nicht beweisen. Damit kaum zu erklären wäre auch die Tatsache, dass ein für das savoir vivre bekanntes Nachbarland eine höhere Geburtenrate aufweist.
Kinderwunsch, so sagten es die alten Gynäkologen, wird von den Frauen gesteuert. Fragt man kinderlose Frauen nach den Gründen des Verzichtes, so ergeben sich oft handfeste biografische Gründe meist sozialer Natur und eines fundamental gestörten Lebensgefühls in diesem, unseren Lande.
Fragen wir doch mal die Psychoanalytiker, vielleicht trauen sie sich sogar ! zum Beitrag »
[01.12.2010, 08:24:50]
Wolfgang Ebinger 
Neuer Wert sozialer Bindungen
Zitat: "Der größte Aufwand bestehe in persönlicher Betreuung und Pflege der Betroffenen."
Eine Gesellschaft, die "Lustmaximierung" als oberstes Ziel verfolgt, wird spätestens im Alter die sauren Früchte dieses Verhaltens ernten, wenn es auf persönliche soziale Bindung ankommt - in der Vergangenheit waren das gewöhnlich die eigenen Kinder. In der Vergangenheit!
Die moderne Saat-Mischung aus hohen Abtreibungszahlen, niedriger Geburtenrate, in Krippen abgeschobenen Kleinstkindern und auf Geld und Spaß ausgerichteten Erwachsenen wird nicht gerade zur Lösung des beschriebenen Problems beitragen.
Man kann nur hoffen, dass die "neuen Alten" genug Geld zusammengeschuftet haben, damit sie sich wenigstens im Alter ein bisschen Zärtlichkeit extern einkaufen können. Wenn es denn jemanden gibt, der bereit und fähig ist, diese Arbeit zu leisten... zum Beitrag »

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