Ärzte Zeitung, 16.02.2011

Familie oder Beruf? Ärzte wollen nicht wählen

Arbeiten rund um die Uhr? Das nervt Klinikärzte. Sie würden den Arbeitsstress wenigstens gerne mit Freizeit ausgleichen. Das ist aber wegen des Ärztemangels kaum möglich, wie eine Umfrage des Marburger Bundes zeigt.

Von Sunna Gieseke

Familie oder Beruf - Ärzte wollen nicht wählen

Im Krankenhaus arbeiten und ein erfülltes Familienleben haben, das ist oft nicht möglich.

© Kurhan / fotolia.com

BERLIN. Klinikärzte arbeiten im Durchschnitt 55 Stunden in der Woche. Da bleibt kaum Zeit für Familie und Freizeit. Ein großes Manko, finden viele. Denn für 84 Prozent steht die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit an erster Stelle - das sind 22 Prozent mehr als 2007.

Das hat eine repräsentative Umfrage des Marburger Bundes (MB) unter 12.000 Klinikärzten ergeben. "Das Thema Familie wird für Klinikärzte immer wichtiger", sagt Studienleiter Thomas Meissner vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation.

"Offenbar wollen auch Männer immer mehr Zeit mit ihren Familien verbringen", ergänzt MB-Chef Rudolf Henke. Doch die Krankenhäuser stellen sich nur langsam auf diese Bedürfnisse ein.

So bieten laut Umfrage mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser (57 Prozent) "keine ausreichenden Möglichkeiten", Familie und Beruf gut miteinander zu vereinbaren. Sei es durch die Möglichkeit Teilzeit zu arbeiten oder durch eigene Kinderbetreuungsangebote.

Nach Ansicht des Marburger Bundes hat sich hier allerdings in den vergangenen Jahren einiges getan, denn vor drei Jahren waren noch 71 Prozent der Befragten der Meinung, dass sie an ihrem Platz keine Möglichkeit haben, ihren Beruf mit einem Familienleben gut vereinbaren zu können.

Doch auch die Arbeit selbst könnte nach Ansicht vieler Klinikärzte wesentlich besser organisiert sein. Als besonders störend wird nach wie vor die viele Schreibtischarbeit im Krankenhaus empfunden.

"Der tägliche Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten ist zwar leicht gesunken, aber immer noch viel zu hoch", so Henke. Mehr als die Hälfte der Ärzte benötige täglich mehr als zwei Stunden für Verwaltungstätigkeiten. An den Universitätskliniken sind es bis zu vier Stunden, hat die Umfrage des MB gezeigt.

"Wir fordern Politik, Krankenkassen und Krankenhäuser dringend auf, gemeinsam Schritte zu einer wirksamen Entlastung einzuleiten", sagt Henke. Das seien sie den Ärzten und Patienten schuldig. Gerade Patienten erwarteten "mit Recht", dass Ärzte "mehr Zeit für Gespräche haben sollten".

Zeit, die den Klinikärzten im Alltag allerdings oft fehlt. "Die Arbeitsbelastung der Klinikärzte ist teilweise unerträglich hoch", kritisiert Henke. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hatte zwar in der Vergangenheit mehrfach betont, dass er die überbordende Bürokratie in Praxis und Klinik abbauen wolle - wann dies geschehen wird, ist allerdings nach wie vor unklar.

Nach Ansicht des Marburger Bundes drängt jedoch angesichts des Ärztemangels die Zeit: Nach wie vor überlegten 44 Prozent der Klinikärzte, ihre Arbeit im Krankenhaus aufzugeben.

41 Prozent der Befragten bezeichneten ihre Arbeitsbedingungen als schlecht oder sehr schlecht. "Die Politik muss diskutieren, wie sie dem Ärztemangel wirksam begegnen will", fordert Henke.

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