Ärzte Zeitung, 20.04.2011

Hintergrund

Zuzahlungen schwächen das Vertrauen ins Gesundheitssystem

Eine neue Studie zeigt: Zuzahlungen halten jeden achten Deutschen trotz Beschwerden vom Arztbesuch ab. Und: Das Vertrauen in das System sinkt.

Von Ilse Schlingensiepen

Zuzahlungen schwächen Vertrauen ins Gesundheitssystem

Zuzahlungen zu Leistungen der GKV: Für die Versicherten sind alles andere als vertrauensbildend.

© Klaus Rose

Private Zuzahlungen halten Patienten nicht nur von medizinisch notwendigen Behandlungen ab, sondern sie erschüttern auch das Vertrauen ins Gesundheitssystem. Das zeigt eine Untersuchung von Professor Claus Wendt von der Universität Siegen.

"Wenn Zuzahlungen verlangt werden, sinkt das Vertrauen der Menschen, bei einer schwerwiegenden Erkrankung ausreichend medizinisch versorgt zu werden", sagt Wendt der "Ärzte Zeitung".

Gemeinsam mit Mitarbeitern hat der Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems in einem Forschungsprojekt an der Universität Harvard Daten des "International Health Policy Survey" des Commonwealth Fund aus dem Jahr 2007 ausgewertet.

In das Projekt einbezogen waren Versicherte aus Australien, Deutschland, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden, Neuseeland und den Vereinigten Staaten, die älter als 18 Jahre waren.

Steuerungswirkung der Praxisgebühr bleibt aus

In der Erhebung hatten 11,7 Prozent der Deutschen - jeder achte - angegeben, dass sie wegen der damit verbundenen Kosten trotz einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht zum Arzt gegangen sind.

In den Niederlanden war das nur bei 1,5 Prozent der Fall und in Großbritannien bei 1,8 Prozent. In Neuseeland hatten die Kosten 19,9 Prozent vom Arztbesuch abgehalten, in den USA sogar 24,6 Prozent.

In Deutschland ist das Phänomen nicht nur auf die gesetzlich Versicherten beschränkt. Zwar liegt bei ihnen der Anteil bei dreizehn Prozent, aber bei den Privatversicherten haben auch sieben Prozent aus Kostengründen auf eine Behandlung verzichtet.

"Die abschreckende Wirkung der Belastung ist fast unabhängig davon, welche Form der Zuzahlung von den Versicherten verlangt wird", sagt Wendt. Einige Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass Eigenbeteiligungen der Patienten wie die Praxisgebühr in Deutschland nicht die erhoffte Steuerungswirkung hätten. "Die Menschen verzichten sowohl auf notwendige als auch auf nicht notwendige Arztbesuche", betont er.

Jede dritte Frau hat Angst vor schlechter Versorgung

Überrascht hat den Wissenschaftler, wie stark private Zuzahlungen die Einstellung zum Gesundheitssystem beeinflussen. "Das Vertrauen in die langfristige Sicherheit wird erschüttert", sagt er.

In Deutschland fürchten 26 Prozent der Versicherten, dass sie bei einer schwer wiegenden Erkrankung nicht die notwendigen ärztlichen Hilfen erhalten. Überdurchschnittlich hoch ist die Angst vor einer schlechten Versorgung bei schweren Erkrankungen bei Frauen (32 Prozent), Menschen mit einem schlechten bis mäßigen Gesundheitszustand (38 Prozent) und bei Menschen mit durchschnittlichem Einkommen (31 Prozent).

Einen höheren Wert als in Deutschland fanden die Forscher nur in Großbritannien mit 27 Prozent. Ihn führt Wendt allerdings vor allem auf Zweifel an der Qualität der Versorgung zurück.

In den USA betrug die Quote der Skeptiker 21 Prozent, in den Niederlanden waren es nur fünf Prozent. Überdurchschnittlich groß war das Misstrauen in allen Ländern bei denjenigen, die Zuzahlungen bereits als Zugangsschranken erfahren hatten.

In Deutschland war das bei 41 Prozent der Fall. Nach Einschätzung von Wendt hat der Trend zu eine verstärkten Eigenbelastung von Patienten mehr unbeabsichtigte Konsequenzen, als bisher offenkundig geworden ist.

Seine Empfehlung: Politiker sollten bei Zuzahlungen immer auch die negativen Auswirkungen auf das Vertrauen ins Gesundheitssystem berücksichtigen - das nicht nur für die Legitimität des Systems, sondern auch für die Behandlungserfolge wichtig sei.

"Der gesicherte Zugang zu notwendigen Gesundheitsleistungen für Schwerkranke kann als die wichtigste Einzelaufgabe von Gesundheitssystemen in modernen Gesellschaften angesehen werden. Finanzielle Zugangsschranken sind deshalb ein wichtiges gesundheitspolitisches Thema."

[20.04.2011, 16:43:45]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die Schattenseiten von Zuzahlungen, Kostenerstattung, Selbstzahlpflicht und Wahltarifen
Zwischen dem Abbau von schichtspezifischen, gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen und Behandlungsbarrieren bzw. Steuerung einer bagatellisierenden, überfrequentierenden Luxusinanspruchnahme auszubalancieren, ist eine der größten Herausforderungen bei Krankheits- und Gesundheitsdienstleistungen.

Da macht auch die Auseinandersetzung zwischen der Bild-Zeitung und Gesundheitsminister Dr. med. Philipp Rösler zum Thema "Wahltarife" bei den GKV-Kassen (siehe ÄZ-Telegramm von heute) keinen Sinn. In jüngster Zeit wollte auch die KV Brandenburg offiziell Initiativen zur Kostenerstattung ergreifen:
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=45154#comments


Es bleibt die Frage, ob die Zuzahlungsbefreiung in der GKV unterhalb eines Niedrigeinkommens und 1-2% vom Brutto-Regelungen ausreichen, den Zugang zu gesundheitsfördernden, krankheitsbehandelnden und -bewältigenden Möglichkeiten niedrigschwellig oder gar aufsuchend nach dem Gleichheitsgrundsatz für Alle zu realisieren. Selbstzahlpflicht, Wahltarife und Kostenerstattung können aus rechtlichen und verfassungsmäßigen Gründen im Sozialgesetz n i c h t funktionieren (vgl. Editorial Dr. med. Thomas G. Schätzler in 'Der Allgemeinarzt' 32.Jhrg., 18/2010, S. 3, Nov. 2010).

Der Siegener Soziologe Professor Claus Wendt hat mit seinen Ergebnissen aus umfangreichem internationalen Befragungsinventar erneut belegen können, dass diejenigen mit dem geringsten sozioökonomischen Status das am wenigsten entwickelte Gesundheits- und Krankheitsbewusstsein haben. Oder andersherum ausgedrückt: Wer von medizinischer und präventiver Untersuchung, Diagnostik und Therapie am wenigsten partizipiert, hat eigentlich den höchsten Bedarf an ärztlicher und pflegerischer Dienstleistung bzw. zugleich die höchsten finanziellen und emotionalen Barriereängste.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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