Ärzte Zeitung online, 19.04.2011

Zuzahlungen: Jeder Achte scheut den Gang zum Arzt

SIEGEN (dpa). Trotz Krankheit nicht zum Arzt? Die Praxisgebühr und weitere Zuzahlungen halten laut einer Studie in Deutschland fast jeden Achten trotz Beschwerden vom Arztbesuch ab.

Das berichtete der Siegener Soziologe Professor Claus Wendt am Dienstag auf der Grundlage einer neu ausgewerteten Befragung aus dem Jahr 2008 mit 1000 Teilnehmern. Zudem schwächten die Zuzahlungen auch das generelle Vertrauen ins Gesundheitssystem.

In Deutschland fehle laut der Befragung jedem Vierten das Vertrauen, bei einer schweren Erkrankung ausreichend medizinisch versorgt zu werden, sagte Wendt. Vor allem bei Einkommensschwachen wirken die privaten Zuzahlungen als Barriere.

Wendt hatte mit seinem Team Befragungen aus verschiedenen Ländern ausgewertet. In den USA, Großbritannien, Neuseeland, Australien, den Niederlanden und der Bundesrepublik waren 15.000 Menschen befragt worden.

In den Niederlanden fühlen sich die Menschen am besten versorgt. Dort hatten nur 1,5 Prozent der Befragten trotz Beschwerden keinen Arzt befragt. In Großbritannien lag der Anteil bei 1,8 Prozent.

In Deutschland verzichteten 11,7 Prozent der Befragten nach eigenen Angaben trotz Beschwerden in den zwölf Monaten vor der Befragung wegen der Zuzahlungen auf einen Arztbesuch. Im größtenteils auf Privatversicherungen basierenden Gesundheitssystem in den USA waren es sogar 24,6 Prozent.

Der Wissenschaftler hält aus Kostengründen gestrichene Arztbesuche unter dem Strich für kontraproduktiv. Langzeitstudie brächten vermutlich das Ergebnis, dass dies wegen der Folgekosten teurer für das System werde, sagte Wendt. "Erste Ergebnisse von Untersuchungen aus den USA legen das nahe."

[20.04.2011, 12:52:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Argumente gegen Zuzahlungen, aber auch gegen Kostenerstattung, Selbstzahlpflicht oder Wahltarife in der GKV
Die Balance auszutarieren zwischen Abbau von schichtspezifischen, quasi endogenen Behandlungsbarrieren und Steuerung einer bagatellisierenden, überfrequentierenden Inanspruchnahme ist eine der größten Herausforderungen bei Krankheits- und Gesundheitsdienstleistungen nicht nur in der GKV.

Da ist es keinesfalls hilfreich, gebetsmühlenartig immer wieder gescheiterte Kostenerstattungsmodelle zu bemühen, wie sie z. B. vom
FDP-MdB und Juristen Lars Lindemann mit "Selbstzahlpflicht gegen Ärztemangel":
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/berufspolitik/default.aspx?sid=635553

vom Vorsitzender der Ärztekammer Berlin (ÄKB), Dr. med. Günther Jonitz zur "Kostenerstattung":
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/berufspolitik/article/635856/berlins-kammerchef-plaediert-kostenerstattung.html?sh=2&h=1776076244

von der KV Schleswig-Holstein (KVSH) als "Kostenerstattung mit integrierter Solidaritätsbremse":
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/berufspolitik/article/630623/kostenerstattung-integrierter-solidaritaetsbremse.html?sh=1&h=-320317037#comment

oder vom NAV-Virchowbund bzw. dem Berufsverband der Internisten auf dem 3. BDI-Internistentag in Berlin gefordert und debattiert wurden. In jüngster Zeit wollte auch noch die KV Brandenburg offiziell Initiativen zur Kostenerstattung unterstützen:
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=45154#comments

Aber auch "Wahltarife" mancher GKV-Kassen machen keinen Sinn.

Selbstzahlpflicht, Wahltarife und Kostenerstattung können auch aus rechtlichen und verfassungsmäßigen Gründen im Sozialgesetz n i c h t funktionieren (vgl. Editorial Dr. med. Thomas G. Schätzler in 'Der Allgemeinarzt' 32.Jhrg., 18/2010, S. 3, Nov. 2010). Der Siegener Soziologe Professor Claus Wendt hat mit seinen Ergebnissen aus umfangreichem internationalen Befragungsinventar erneut belegen können, dass diejenigen mit dem geringsten sozioökonomischen Status das am wenigsten entwickelte Gesundheits- und Krankheitsbewusstsein haben. Oder andersherum ausgedrückt: Wer von medizinischer und präventiver Untersuchung, Diagnostik und Therapie am wenigsten partizipiert, hat eigentlich den höchsten Bedarf an ärztlicher und pflegerischer Dienstleistung bzw. zugleich die höchsten finanziellen und emotionalen Barriereängste.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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