Ärzte Zeitung, 17.06.2011

Gesundheitsfonds in den Miesen, Kassen trotzdem im Plus

Im Vergleich zu 2010 hat sich die Finanzlage der Kassen deutlich verbessert: Der Überschuss hat sich auf 1,5 Milliarden Euro verdreifacht. Im Gegenzug leidet aber der Fonds: Ihm fehlt aktuell eine halbe Milliarde.

Krankenkassen mit Überschuss - Gesundheitsfonds im Minus

Sparschwein Gesundheitsfonds? Derzeit hat er ein Defizit.

© imagebroker / imago

BERLIN (HL). Die gute konjunkturelle Entwicklung und weniger stark steigende Ausgaben als prognostiziert haben dazu geführt, dass der Überschuss der gesetzlichen Krankenkassen im ersten Quartal 2011 bei 1,468 Milliarden Euro liegt; das ist dreimal so viel wie im Vorjahresquartal.

Als wesentliche Ursache nennt das Bundesgesundheitsministerium das Arzneimittelsparpaket, das zu einem Ausgabenrückgang von 4,8 Prozent geführt hat. Aktuell liegt der Ausgabenanteil für Medikamente bei 17 Prozent, der Ausgabenanteil für ambulante ärztliche Behandlung ist mit 19 Prozent deutlich höher.

Die Ausgabensteigerung je Versicherten für Vertragsärzte wird vorläufig mit 1,2 Prozent angegeben; der Wert kann sich aber noch erhöhen, weil die Abrechnungen der KVen für das erste Quartal noch nicht vorliegen.

Kräftig sind hingegen die Ausgaben für Klinikbehandlung mit 4,8 Prozent gestiegen. Als Ursache nennt das BMG höhere Leistungsmengen. Mit 11,2 Prozent Plus hat sich der anhaltend starke Zuwachs der Ausgaben für Krankengeld fortgesetzt.

Die Verwaltungskosten seien um 2,4 Prozent gestiegen; das BMG mahnt eine "Abflachung der Ausgabenentwicklung" an. Sonst würden die Kassen gegen das Spargesetz verstoßen.

Der hohe Überschuss der Kassen wird sich im Jahresverlauf wahrscheinlich reduzieren, da die Monatszuweisungen aus dem Fonds konstant sind, die Ausgaben jedoch steigen werden. Vice versa hat der Fonds aktuell ein rechnerisches Defizit von 520 Millionen Euro.

Das wird allerdings durch steigende Beitragseinnahmen und vor allem durch den Weihnachtsgeldeffekt überkompensiert. Für das Jahresende erwartet das BMG eine Liquiditätsreserve von 6,9 Milliarden Euro.

Davon sind drei Milliarden Euro als Mindestreserve gesetzlich gebunden, weitere zwei Milliarden Euro sind für den Sozialausgleich 2012 bis 2014 reserviert.

Arzneisparpaket entlastet die Krankenkassen

Veränderung je GKV-Mitglied in Prozent 1. Quartal 2011 im Vergleich zum 1. Quartal 2010
Leistungsausgaben insgesamt 3,1
Ärztliche Behandlung 1,2
Zahnbehandlung (kons-chirurg.) 1,3
Zahnersatz0,8
Arznei- u. Verbandsmittel insgesamt - 4,8
Häusliche Krankenpflege 13,5
Krankenhausbehandlung 4,8
Krankheitsverhütung/soziale Dienste 10,5
Krankengeld11,2
Fahrkosten 6,7
Kuren und Rehabilitation 0,5
Früherkennungsmaßnahmen 4,1
Leistungen bei Schwangerschaft ohne stat. Entbindung 0,5
Verwaltungskosten 2,4
Ausgaben insgesamt 44.382 Mio. Euro
Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds 44.737 Mio. Euro
Beitragseinnahmen vor dem 1.1.2009 432 Mio. Euro
Übrige Einnahmen 681 Mio. Euro
Einnahmen insgesamt 45.850 Mio. Euro
Überschuss 1.468 Mio. Euro
Quelle: BMG/KV 45 - Tabelle: Ärzte Zeitung

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kein Spiel mit Illusionen!

[17.06.2011, 21:27:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der Teufel steckt im Detail
Ausgabensteigerungen für Vertragsärzte werden mit 1,2 Prozent p r o V e r s i c h e r t e n angegeben: Geniale Vernebelungstaktik! Denn die Ausgaben pro E r k r a n k t e m, der als Patient unsere vertragsärztliche Arbeit in Anspruch nimmt, werden damit n i c h t beziffert.

Pointe am Rande, die Abrechnungszahlen der KVen für das erste Quartal (bis 31.3.2011) liegen jetzt noch nicht vor. Der Anteil an den GKV-Gesamtausgaben für ambulante ärztliche Behandlung liegt bei 19 Prozent (damit werden 90-95 % aller Patientenprobleme gelöst, nur der Rest geht in die Klinik). Der Ausgabenanteil für Medikamente liegt bei 17 %.

Interessante Frage, was ist eigentlich mit dem bescheidenen Rest von 64 Prozent der Gesamtausgaben in der GKV???

Mein Mitleid mit dem angeblichen 520-Millionen-Defizit des Gesundheitsfonds hält sich in Grenzen. Die fehlende halbe Milliarde € ist schnell erklärt: Die gesetzlich vorgeschriebene Liquiditätsreserve von 3 Milliarden Euro ist für 2010 weder als GKV-Beitragseinnahme zurückgeführt und aufgelöst, noch in das Rechnungsjahr 2011 übertragen worden. Für 2011 wurden auf einen Schlag 3 Milliarden Euro erneut fällig.

Dies erklärt auch die selbst vom Bundesministerium für Gesundheit zum Jahresende erwartete Liquiditätsreserve von 6,9 Milliarden Euro. Was den FDP-Minister Daniel Bahr allerdings nicht hindert, dies in der heutigen Rheinischen Post herunterzurechnen, um GKV-Beitragssenkungen kategorisch auszuschließen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Quelle:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/46277/Bahr_gegen_Beitragssenkung_bei_Krankenkassen.htm




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