Ärzte Zeitung, 26.06.2011

Zähes Ringen mit den Kassen um Integration

Es sollte eine Kopie des "Gesunden Kinzigtal" an der Leine nördlich von Hannover werden. Die Ärzte gingen in Vorleistung, aber Kassen wollen kaum investieren.

Von Christian Beneker

Zähes Ringen mit den Kassen um Integration

Um das Projekt "Gesundes Leinetal" wird heftig gerungen.

© Marco Birn / fotolia.com

HANNOVER. Das Projekt "Gesundes Leinetal" in der Nähe Hannovers stockt. Eigentlich war man schon vor drei Jahren mit der AOK des Landes einig geworden, im Norden von Hannover ein Zwillingsprojekt zum Gesunden Kinzigtal aufzuziehen. Aber die Kasse stieg aus. Seither haben viele der beteiligten niedergelassenen Ärzte "unfassbare Mengen an Zeit und Energie" in das Projekt gesteckt, wie Hausarzt Hendrik Rötterink aus Garbsen bei Hannover sagt.

Das Projekt "Gesundes Leinetal" umfasst ein Gebiet nördlich von Hannover mit fast 150 000 Menschen. Aus dem von rund 80 Ärzten und vier Apotheken gebildeten "Gesundheitsnetz Leinetal e.V." hat sich im Frühjahr 2008 die "Gesundheit für das Leinetal GmbH" gegründet.

Die sieben Gesellschafter und ihre rund 30 stillen Teilhaber planen mit der OptiMedis AG das Vollversorgungsmodell. Das Ärztenetz hält 66,6 Prozent der Managementgesellschaft, die OptiMedis AG 33,4 Prozent. Rötterink ist Kassenwart beim Ärztenetz Leinetal.

Die Idee ist im Prinzip eine Kopie des Gesunden Kinzigtals in Baden-Württemberg. Hier wie dort steht die Hamburger OptiMedis AG hinter dem Projekt.

An inzwischen sechs Standorten in Deutschland will sie Versorgungsmodelle installieren, die dem Projekt Kinzigtal entsprechen. Wie im Süden wollen 41 Haus- und 39 Fachärzte im Leinetal zusammen mit Apothekern, Therapeuten, Pflegediensten und Kliniken im Rahmen eines umfassenden IV-Vertrags die gesamte Budgetverantwortung für die Versorgung übernehmen - Sektoren und Indikationen übergreifend.

Aus den erwirtschafteten Einsparungen sollen neue Versorgungsprojekte initiiert werden. So weit, so gut.

Doch die Initiative ist ins Stocken geraten. "Die Bedingungen haben sich geändert", sagte Armin Meyer von OptiMedis der "Ärzte Zeitung". Weil es für IV-Verträge keine Anschubfinanzierungen mehr gibt, müssten die Kassen im Fall des Leinetals jährlich eine Million Euro aufbringen, um eine Geschäftsstelle für das Projekt samt Infrastruktur und Personal zu bezahlen.

Das wollte die AOK offenbar nicht. Zudem erwarte sie eine schnelle Rückzahlung der Investitionen. Das heißt, der Vertrag hätte schneller Geld abwerfen müssen - schneller als möglich. Meyer rechnet mit rund drei Jahren.

Obwohl der Vorstand der AOK Niedersachsen in seiner Sitzung mündlich den Zuschlag gegeben hat, zog sich die Kasse aus dem Projekt zurück, so Rötterink: "Die Verhandlungen waren katastrophal schwierig".

Er sieht in dem AOK-Rückzug auch politische Motive. "Es ging, glaube ich, nicht nur ums Geld." Als der Morbi-RSA kam, sei die AOK ausgestiegen. Zudem habe die Kasse sich bei der hausarztzentrierten Versorgung engagiert und das Interesse am Leinetal verloren.

Die weiteren Verhandlungen waren auch nicht einfacher. "Die Zeiten für die Krankenkassen sind schwer" so Rötterink, "bei manchen kann man nicht sagen, ob es sie in einem Jahr noch gibt."

Unterdessen haben die Ärzte Fakten geschaffen und zum Beispiel ein Online-System zum Austausch von Arztbriefen oder für Überweisungen und Terminvergaben geschaffen sowie Wartezimmer-Fernsehen oder gemeinsames QM.

"Derzeit verhandeln wir mit der Barmer GEK", sagt Meyer, "wenn alles gut läuft, können wir noch in diesem Jahr einen IV-Vertrag abschließen." Allerdings machen die Barmer-Patienten etwa in der Praxis Rötterinks nur zehn Prozent aus, wie er sagt.

Derzeit liefen noch Verhandlungen mit weiteren Kassen. Werde man sich einig, so steige die Zahl der potenziell beteiligten Patienten auf ein lohnendes Niveau, so Rötterink: "Wir bleiben dran!"

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