Ärzte Zeitung online, 08.07.2011

Kassen: 12.000 Arztsitze zu viel

Wo es zu viele Ärzte gibt, müssten die Kassenärztlichen Vereinigungen Arztsitze aufkaufen. Dazu sollten sie gesetzlich verpflichtet werden, fordern die Kassen. Ärzte und KVen reagieren empört. "Die Forderung geht völlig an der Realität vorbei", so die KBV. Auch MEDI kontert: Es gibt zu viele Krankenkassen, nicht zu viele Ärzte.

Kassen: 12.000 Arztsitze zu viel

Lösen weniger Ärzte das Versorgungsproblem?

© Meddy Popcorn / fotolia.com

DÜSSELDORF (ths/sun). Um die ambulante Überversorgung in Ballungszentren zu reduzieren, sollten die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) gesetztlich dazu verpflichtet werden, überzählige Arztsitze aufzukaufen. Dafür sprechen sich die Krankenkassen aus - sie berufen sich auf ein Gutachten, das der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

12.000 Ärzte könnten ausscheiden

In dem Gutachten des Prognos-Instituts heißt es, dass "nahezu 12.000 Ärzte aus der vertragsärztlichen Versorgung ausscheiden" könnten. Als Berechnungsgrundlage nannten die Experten einen Versorgungsgrad von 110 Prozent je Planungsbezirk.

Davon ausgegangen, "dass der Versorgungsgrad in einer Region nicht unter 130 Prozent sinkt", könnten laut Prognos in den nächsten fünf Jahren immerhin noch 7000 Ärzte in den Ruhestand gehen. Betroffen seien davon vor allem Psychotherapeuten und Internisten.

Das Gutachten gibt den Kassen denn auch gleich einen Vorschlag an die Hand, nämlich "Vertragsarztpraxen in den überversorgten Gebieten aufzukaufen und nicht wieder neu zu besetzen."

Weiter heißt es: "Das dafür erforderliche Investitionsvolumen würde die KVen mit maximal 1,5 Milliarden Euro belasten." Auf die nächsten fünf Jahre verteilt, entspräche dies einem Anteil von weniger als einem Prozent der gesamten Honorarsumme im niedergelassenen Bereich.

GKV-Spitzenverband: Versorgungsgesetz muss abgeändert werden

"Heute wird die Überversorgung mit Ärzten in Ballungszentren de facto nicht abgebaut, sondern sogar verfestigt. Das geht zulasten von Ärzten und Patienten in wirtschaftlich schwachen Regionen", sagte Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbands, auf Anfrage der "Ärzte Zeitung".

"Mit dem Versorgungsgesetz haben wir die Chance, die ungünstige Verteilung der Ärzte zu korrigieren. Statt aber alleine nur über Lösungen für eine mögliche Unterversorgung zu diskutieren, müssen wir endlich auch über die andere Seite der Medaille, den Abbau von Überversorgung, reden", so Marini.

Der GKV-Spitzenverband fordert laut der Sprecherin daher eine "Klarstellung im Gesetz, dass in überversorgten Gebieten Arztpraxen von Kassenärztlichen Vereinigungen aufgekauft werden müssen, wenn ein Arzt ausscheidet und eine Wiederbesetzung für die Versorgung nicht erforderlich ist."

Eine Überversorgung durch zu viele Ärzte sieht Jens Spahn allerdings nicht. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion sagte der "Ärzte Zeitung": "Die Studie erweckt einen völlig falschen Eindruck. Wir brauchen jeden fähigen Arzt für die Versorgung der Menschen. Die Frage ist eher, wie sich die Ärzte übers Land verteilen."

Köhler: "Forderung geht an Realität vorbei"

Die Forderung der Krankenkassen stößt auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung auf Widerstand.

KBV-Chef Dr. Andreas Köhler, der in der "Rheinischen Post" noch so zitiert wurde, als stoße der Vorschlag der Kassen auf offene Ohren, sagte der "Ärzte Zeitung": "Diese Forderung geht völlig an der Realität vorbei und berücksichtigt nicht die Interessen der Patienten. Wir erleben doch in Deutschland derzeit einen zunehmenden Arztmangel bei gleichzeitig steigendem Versorgungsbedarf."

Immer mehr Menschen würden immer älter und bräuchten eine gute ambulante Versorgung. Schon heute würden gelegentlich zu lange Wartezeiten auf einen Arzttermin beklagt, so Köhler.

"Wenn jetzt 12.000 frei werdende Arztsitze ohne Prüfung des Bedarfs einfach vom Markt genommen werden sollen, wird sich dieses Problem weiter verschärfen, denn deren Patienten wollen auch weiterhin versorgt werden."

Bedarfsplanung bilde vieles nicht ab, kritisiert der KBV-Chef

Dabei zeige sich gerade in Ballungsgebieten wie Berlin und Hamburg, dass die von den Krankenkassen kritisierte Überversorgung häufig nur auf dem Papier bestehe und nicht den Bedarf abbilde. Auch, dass in Großstädten niedergelassene Mediziner häufig Patienten aus angrenzenden Gebieten mitversorgten, bilde die derzeitige Bedarfsplanung nicht ab, kritisierte der KBV-Chef.

Köhler: "Bevor eine Praxis aufgekauft wird, muss deshalb genau geprüft werden, ob es eine 'echte‘ oder nur eine rechnerische Überversorgung gibt. Alles andere geht zulasten der Versorgung der Patienten."

MEDI: Zwei Drittel der Krankenkassen sind überflüssig

Eine deutliche Reaktion auf die Forderung des GKV-Spitzenverbandes lieferte MEDI-Chef Dr. Werner Baumgärtner: "Die Versicherten werden eher der Meinung sein, dass nicht 12.000 Arztpraxen überflüssig sind, sondern mindesten zwei Drittel unserer Krankenkassen."

Die niedergelassenen Praxen seien deutschlandweit ausgelastet. Selbst die Politik habe die Brisanz der Ausdünnung der ambulanten medizinischen Versorgung erkannt und versuche entsprechende Schritte dagegen zu unternehmen, sagte Baumgärtner.

In Deutschland müssten Patienten teilweise monatelang warten, um einen Termin beim Facharzt zu bekommen. In vielen Regionen würden bereits heute Hausärzte fehlen.

"Die Niedergelassenen sind mehrheitlich zwischen 55 und 65 Jahre alt, unser ärztlicher Nachwuchs geht lieber ins Ausland oder in andere Berufe", so der MEDI Chef weiter.

Bundespsychotherapeutenkammer: „Völlig an Realität vorbei“

Auch die Psychotherapeuten kritisieren die Forderung der Krankenkassen scharf. Die Kassen würden das Versorgungsstrukturgesetz dazu nutzen wollen, in großem Umfang Praxen von Ärzten und Psychotherapeuten stillzulegen, hieß es in einer Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).

"Damit werden die schlimmsten Befürchtungen der BPtK-bestätigt", sagte BPtK-Präsident Professor Rainer Richter. "Eine schon heute unzureichende Versorgung psychisch kranker Menschen würde nochmals massiv verschlechtert."

Das heute veröffentlichte Gutachten kommt in einer Modellrechnung zu dem Ergebnis, dass allein bei den Psychotherapeuten 3.524 Praxen geschlossen werden sollten. Geht es nach dem Willen der Kassen, sollten bereits im kommenden Jahr 2.103 Praxen zugesperrt werden.

Schon heute Wartezeiten von einem halben Jahr

"Diese Zahlenspielereien gehen völlig an der Versorgungsrealität vorbei", kritisiert Richter. "Die Planungszahlen für die Niederlassung von Psychotherapeuten sind hoffnungslos veraltet und reichen nicht aus, um psychisch kranke Menschen in einer Frist, die medizinisch und ethisch zu verantworten ist, zu behandeln."

Schon heute würden Patienten im Schnitt ein halbes Jahr auf eine psychotherapeutische Behandlung warten. Bei solchen Wartezeiten einen Kahlschlag zu fordern, bedeute, der Chronifizierung psychischer Erkrankungen weiter Vorschub zu leisten.

"Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Krankheiten werden weiter steigen, sie sind heute schon die höchsten. Und das kommt die Kassen um ein Vielfaches teurer", so Richter.

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Kassen wollen 12.000 Arztsitze abschaffen

[08.07.2011, 15:33:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Falsche Prognosen von PROGNOS
Man könnte meinen, das Gutachten des PROGNOS-Instituts sei ein sybillinisches Orakel des Griechischen Gottes der Vorhersehung namens Prognos: Von Garmisch bis Flensburg, von Wörlitz bis Aachen, in der Uckermark, im Sauerland, in Vorpommern, auf der Rhön, in der Eifel, im Bayrischen Wald und im Wendland von einem bundesweiten Versorgungsgrad von 110 Prozent je Planungsbezirk als Berechnungsgrundlage auszugehen, ist wirklich dummdreist. Denn es setzt voraus, dass man strukturelle Unterschiede in Stadt und Land, in den Metropolen und in den Randbezirken nicht erkennen und analysieren will.

Die grundlegenden Fehlannahmen und methodischen Irrtümer des PROGNOS-Gutachtens ("bias") erinnern stark an eine Studie, die das Umweltministerium von Absurdistan erstellen ließ: Demnach könnte man glatt fünfzig Prozent Toilettenpapier einsparen, wenn man nur die saubere Rückseite nicht ungenutzt verwerfen würde.

Dem "Gutachten zufolge könnten bis zu 12.000 Ärzte ausscheiden" setzt voraus, dass man die Fülle von Hobby-, Feierabend-, Teilzeit- und Halbzeitpraxen in den Metropolen nicht sehen möchte. Dort dienen GKV-Patienten allenfalls als Garnierung der bevorzugten Privatklientel und erklären die überlangen Wartezeiten in vielen Vertragsarzt-(Fach-)Praxen.

Dringende Einrede an die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): Wenn die Gesetzlichen Krankenkassen mit ihrem Spitzenverband unter der Leitung von Doris Pfeiffer auf Grundlage einer derartig dünnen Gutachtenlage mal eben 12.000 Arztsitze streichen und deren Liquidierung der KBV auch noch schönrechnen, kann man gleich den Schierlingsbecher mit EHEC mischen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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