Ärzte Zeitung, 10.07.2011

Kassen wollen 12.000 Arztsitze abschaffen

Die Kassen rechnen vor: Auf 12.000 Sitze für Ärzte und Psychotherapeuten kann verzichtet werden. Aus dem Schneider sind die Hausärzte. Ein Gutachten sieht bei ihnen keinen Spielraum für die Stilllegung von Praxissitzen.

Von Sunna Gieseke

Kassen wollen 12.000 Arztsitze abschaffen

Setzen sich Kassen durch, werden nicht alle Arztsitze neu besetzt.

© Illian

BERLIN. Die Krankenkassen haben in der Debatte um die Frage, ob es einen Ärztemangel gibt oder nicht, schwere Geschütze aufgefahren: Jetzt soll ein vom GKV-Spitzenverband in Auftrag gegebenes Prognos-Gutachten ihr Argument untermauern, es gebe zu viele Ärzte.

Auf 12.000 Sitze niedergelassener Mediziner und Psychotherapeuten kann dem Gutachten zufolge verzichtet werden. Die Schlussfolgerung des Verbandes ist wenig überraschend: KVen sollen gesetzlich dazu verpflichtet werden, in überversorgten Gebieten Arztsitze aufzukaufen.

Der Gegenangriff der Ärzte und Psychotherapeuten folgte prompt: KBV-Chef Dr. Andreas Köhler warf den Kassen Realitätsferne vor. Gerade in Ballungsgebieten wie Berlin und Hamburg zeige sich, dass die von den Kassen kritisierte Überversorgung häufig nur auf dem Papier bestehe und nicht den Bedarf abbilde.

Auch die Tatsache, dass niedergelassene Ärzte in Großstädten häufig Patienten aus angrenzenden Gebieten mitversorgten, bilde die derzeitige Bedarfsplanung nicht ab.

Studie war "Verschwendung der Versichertengelder"

Nach Ansicht von MEDI-Chef Dr. Werner Baumgärtner gibt es nicht zu viele Ärzte, sondern "zu viele Krankenkassen". Und inzwischen habe selbst die Politik den Ärztemangel erkannt, ergänzte der Chef der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery. Solche Studien wie die der Kassen verschwendeten "lediglich die Gelder der Versicherten".

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnte sogar: "Eine schon heute unzureichende Versorgung psychisch kranker Menschen würde nochmals massiv verschlechtert." Einer aktuellen Studie der BPtK warten Patienten bereits heute im Schnitt ein halbes Jahr auf eine psychotherapeutische Behandlung.

Unterstützung erhalten Ärzte und Psychotherapeuten aus der Politik. Nach Ansicht von CDU-Politiker Jens Spahn erweckt die Studie einen völlig falschen Eindruck. "Wir brauchen jeden fähigen Arzt für die Versorgung der Menschen. Die Frage ist eher, wie sich die Ärzte übers Land verteilen", sagte Spahn.

Auch der FDP-Politiker Heinz Lanfermann winkte ab: Sollte Überversorgung festgestellt werden, bestehe die Möglichkeit diese mit dem geplanten Versorgungsgesetz abzubauen.

Kassen fordern einen Muss-Bestimmung zum Aufkauf

Dem Gutachten zufolge reichen die geplanten Maßnahmen allerdings nicht aus, um Überversorgung abzubauen. Der Aufkauf von Praxissitzen solle zwar künftig erleichtert werden, allerdings bleibe es eine "Kann-Bestimmung". KVen seien nicht verpflichtet, "der Überversorgung mit dem Instrument entgegenzuwirken".

Kassen wollen 12.000 Arztsitze abschaffen

Die Überversorgung mit Ärzten in Ballungszentren werde sogar "verfestigt", sagte die stellvertretende GKV-Spitzenverbandssprecherin Ann Marini.

Sie forderte eine Klarstellung im geplanten Gesetz, dass "in überversorgten Gebieten Arztpraxen von Kassenärztlichen Vereinigungen aufgekauft werden müssen, wenn ein Arzt ausscheidet und eine Wiederbesetzung für die Versorgung nicht erforderlich" sei.

Überversorgung "nur ein fachärztliches Problem"

Das Gutachten belegt allerdings: Nicht überall wäre ein Abbau der Sitze erforderlich. Hausärzte beispielsweise sind demnach aus dem Schneider. Die Studie gibt für die Allgemeinmediziner, Augenärzte, Frauenärzte sowie HNO-Ärzte Entwarnung - hier sei der Spielraum für einen Praxisaufkauf "relativ gering".

"Die Überversorgung ist ein Phänomen, das nahezu ausschließlich die fachärztliche Versorgung betrifft", heißt es in dem Gutachten. Diese sei "regional sehr unterschiedlich ausgeprägt".

Aber auch innerhalb der Facharztgruppen ergibt sich ein differenziertes Bild: Die Studie sieht bei ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten sowie den fachärztlichen tätigen Internisten die größte Anzahl potenziell aufkaufbarer Praxen.

Das Ziel ist, durch die Stilllegung der Praxissitze eine gleichmäßigere regionale Verteilung der fachärztlichen Versorgung zu schaffen.

Doch aus Sicht von Medi-Chef Baumgärtner sollte dieser Plan gar nicht umgesetzt werden: "Patienten müssen teilweise monatelang warten, um einen Termin beim Facharzt zu bekommen."

Lesen Sie dazu auch:
Kassen: 12.000 Arztsitze zu viel

[13.07.2011, 23:46:17]
Dr. Reiner Blessing 
mehr als 12000 Praxen verschwinden auch ohne Aufkauf. Die Hausärzte sind hier gut dabei !
Seit die GKV-Patienten und damit die große Mehrheit der Bevölkerung nur noch mit lächerlichen Beträgen für ambulante Medizin versichert ist, schrumpfen die Praxen rapide - es wird gespart. Wenn der Patient mit z.B. Halskrebs nur 27 Euro im Vierteljahr für HNO-Arzt- Hilfe hat und 12,50 E für Medikation, dann braucht er enorme eigene Mittel, um sich eine gute Versorgung einzukaufen. Weil die meisten Halskrebs-Patienten diese Mittel nicht haben, braucht es auch keinen HNO-Arzt mehr, der ihn versorgt. So banal ist das. Und das gleiche gilt auch für andere Organ-Spezialisten und natürlich auch für Hausärzte. Praxen sterben daher langsam, aber sicher in der Fläche massenhaft mangels Nachfolger. Schwester Agnes und die Krankenkassen -Hotline werden der Notnagel werden, für alle die Pat., die sich den (Fach-)Arzt nicht mehr leisten können.
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[12.07.2011, 09:44:09]
Dr. Jürgen Schmidt 
Gegengutachten erforderlich
Abgesehen von den zahlreichen Ungereimtheiten und statistischen "Vereinfachungen", die das Prognos Gutachten disqualifizieren, bleibt eine weiche Flanke der Ärzteschaft bestehen, nämlich die relative Überversorgung - mit Leistungen, nicht mit Ärzten-, die sich im europäischen Vergleich postulieren lässt. Man betrachte nur die Zahl der Hausbesuche und die invasive cardiologische Diagnostik.
Das Fehlen einer befriedigenden Erklärung zu dieser Schwachstelle zwingt die Ärzteschaft in der Versorgungsdebatte in die Defensive.

Die Zahl der Ärzte hingegen hat insofern als Parameter ausgedient, als sich viele junge Ärzte in Kooperationen niederlassen und die Verwendung der Ressourcen nicht in eine neue Praxisausstattung wandert, sondern in eine den Einzelnen entlastende Arbeitsverteilung.

ZI und KBV hätten sicher genügend Material für ein qualifiziertes Gegengutachten. Antizipiert man einen Wechsel der Regierung und drastische Änderungen der Gesundheitspolitik, wird es dafür höchste Zeit. zum Beitrag »
[10.07.2011, 23:29:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Prognosen - brutaler als jeder Film!
Das Gutachten der Prognos-AG mit Hauptsitz in Basel (CH) kann man nachlesen unter:

https://www.gkv-spitzenverband.de/upload/Gutachten_Aufkauf_Arztpraxen_110630_16991.pdf

Gleich zu Anfang wird die Katze aus dem Sack gelassen:
„Der Aufkauf von Arztpraxen als Instrument zum Abbau der regionalen Ungleichverteilung in der vertragsärztlichen Versorgung“ ist der Titel.
"Im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes hat die Prognos AG dieses Instrument analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass bis zu 12.000 Arztsitze aufgekauft werden könnten, ohne dass die Versorgung für Patienten beeinträchtigt werden würde."

Dabei versteht sich fast schon von selbst, dass nur und ausschließlich
„vom GKV-Spitzenverband zur Verfügung gestellte Umsatzwerte" der Vertragsärzte Datengrundlage waren und n i c h t etwa Gewinn/Verlust-Rechnungen als betriebswirtschaftliche Analyse (BWA). Zur Dramatisierung wurden 1993, also mitten im Aufbau-OST, "im gesamten Bundesgebiet
115.469 Vertragsärzte" mit "bis zum Jahr 2010 ... auf aktuell 138.472 erhöht“ verglichen. Also alle später zusätzlich ermächtigten Krankenhausärzte, Ambulanzen, ambulant tätige Unikliniken mit eingerechnet.

Der Berechnungsansatz lief vereinfachend so:
„Überversorgung in der jeweiligen Arztgruppe liegt vor, wenn die Allgemeine Verhältniszahl um 10% über der Einwohner/Arzt-Relation vor Ort liegt. Dies entspricht dann einem Versorgungsgrad von 110%. Eine Unterversorgung wird dagegen ab einem Versorgungsgrad von 75% (Hausärzte) bzw. 50% (übrige Fachärzte) vermutet.“ Eigentlich logisch, Ü b e r versorgung bereits ab plus 10%, U n t e r versorgung erst bei minus 25 % bzw. minus 50 % anzunehmen, oder?

Bei den H a u s ärzten war das Prognos-Gutachten nicht sehr ergiebig: Wenn der hausärztliche Versorgungsgrad bundesweit auf 130 % eingeschmolzen würde, müssten nur 32 Hausarztsitze in den Kreisen München, Starnberg und Freiburg geschlossen werden. Bei einem Versorgungsgrad von 110 % wären theoretisch 765 hausärztliche Sitze in diesen drei Regionen zu viel. Denn der hausärztliche Haken kommt auch für die PROGNOS-AG: Bundesweit liegt der Versorgungsgrad der hausärztlichen Praxen g e n e r e l l nur bei 100% u n d darunter!

Bei den F a c h ärzten läuft Prognos zu voller Form auf: Ein Versorgungsgrad von 130 % als Höchstgrenze würde bundesweit die Auflösung von 9.902 Facharztsitzen, bei 110 % Versorgung die Aufgabe von 16.196 (i. W. über sechzehntausend) fachärztlichen Sitzen bedeuten!

Dann werden natürlich statistische Feinkorrekturen wie Überalterung der Praxisinhaber regional wie fachgruppenspezifisch (Anästhesisten sind durchschnittlich die Jüngsten) und sonstige Unterschiede aufgedröselt. Pikant ist auch das Detail bei den Psychotherapeuten: Lt. Prognos könnten in Tübingen, Dachau und Garmisch-Partenkirchen 78 % dieser Fachpraxen geschlossen werden, und es gäbe immer noch 130 % Versorgungsgrad. Auch ist den Gutachtern der schweizerischen Prognos-AG wohl nicht bekannt, dass die Kinderärzte hierzulande zur hausärztlichen Versorgung gezählt werden.

Wie o. a. wurden beim vorliegenden Gutachten die Umsatzzahlen der Vertragsarztsitze durch den GKV-Spitzenverband der Krankenkassen als Datengrundlage geliefert. Das ist dann spannend, wenn das Allheilmittel des A u f k a u f s von Arztsitzen durch die KBV oder Länder-KVen von Prognos propagiert wird: Pro Praxissitz
KV-Übernahmekosten für Radiologen 211.000 bis 324.000 Euro,
fachärztliche Internisten 108.000 bis 246.000 Euro,
Kinderärzte 75.000 bis 116.000 Euro,
Hausärzte 75.000 bis 107.000 Euro und,
als Schlusslicht, für Psychotherapeuten 31.000 bis 44.000 Euro.

Treuherzig wird dazu noch ein 'Trostpflaster' verabreicht: „In den derzeit überversorgten Gebieten würde sich durch den Aufkauf von Arztpraxen der Anteil aus der Gesamtvergütung für die verbleibenden Ärzte erhöhen, da sich die Gesamtvergütung nicht an der Zahl der praktizierenden Ärzte orientiert.“ Diese Prognos-Anmerkung liest sich jedoch wie die dringende Aufforderung zu einem Folgegutachten, mit dem man das sofort ändern sollte.

Zu guter Letzt, als Gute-Nacht-Geschichte sozusagen, zitiere ich noch zur eigenen Urteilsbildung das Fazit der Prognos-AG:
„3.3.4 Fazit
Aus der Diskussion der möglichen Auswirkungen lässt sich ein überwiegend positives Fazit ziehen: Der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen und wohnortnahen vertragsärztlichen Versorgung würde insgesamt gesteigert, wenn es gelingt die regionale Ungleichverteilung abzubauen. In den von
Unterversorgung bedrohten Gebieten würde sich der Zugang überproportional verbessern. Dem stehen sehr wahrscheinlich nur geringe Einbußen in den bisher überversorgten Regionen gegenüber. Überdies könnte die angespannte Personalsituation in den Krankenhäusern gemildert werden.
Die Arbeitssituation der Ärztinnen und Ärzte würde ebenfalls positiv beeinflusst werden. Zum Teil könnten sie auch finanziell profitieren, da sich der Verkaufswert ihrer Praxen erhöhen dürfte. Für die Versichertengemeinschaft der Gesetzlichen Krankenkassen ist der Gesamteffekt derzeit nicht eindeutig zu bestimmen. Den positiven versorgungspolitischen Effekten steht gegenüber, dass sich die regionalen Niederlassungsmöglichkeiten für die nachkommende Ärztegeneration deutlich einschränken würden. Es verbleibt die Aufgabe der Politik, diese Effekte gegeneinander aufzuwiegen.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen jetzt geht? Aber ich sehe mir jetzt zum Abreagieren den Film mit den drei einarmigen Skatspielern an: "Mission impossible"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund






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