Ärzte Zeitung online, 01.08.2011

Bayerns Kliniken wehren sich gegen gekürzte Rechnungen

MÜNCHEN (sto). Die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) hat die immer wiederkehrenden Vorwürfe zurückgewiesen, nahezu jede zweite überprüfte Krankenhausrechnung im Freistaat sei falsch.

Von den rund 2,8 Millionen Krankenhausrechnungen würden derzeit etwa zehn bis zwölf Prozent vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft, erklärte BKG-Geschäftsführer Siegfried Hasenbein vor der Presse in München.

Dabei würden die Krankenkassen nur solche Prüfaufträge erteilen, bei denen sie von Anfang an die Möglichkeit einer Rechnungskürzung sähen. Tatsächlich komme es dann in etwa 40 Prozent der Fälle zu einer Kürzung. Der Anteil der korrigierten Rechnungen an der Gesamtzahl liege somit bei etwa vier Prozent.

In etwa zwei Drittel der Fälle seien die betroffenen Kliniken der Auffassung, dass die Rechnungskürzung zu Unrecht erfolgt, berichtete Hasenbein. Um sich dagegen zu wehren, müssten die Krankenhäuser für jede einzelne Rechnung ein Verfahren vor dem Sozialgericht anstrengen.

Weit über 1000 Klagen gegen die Kürzugen

Angesichts von Kürzungsbeträgen, die im Durchschnitt zwischen 600 und 800 Euro pro Rechnung liegen, hätten die meisten Kliniken bislang diesen Aufwand gescheut. Das werde sich jetzt ändern. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, seien inzwischen etwa 1400 Klagen gegen unberechtigte Rechnungskürzungen auf dem Weg zu den Sozialgerichten, erklärte der BKG-Geschäftsführer.

Als irreführend bezeichnete Hasenbein die Darstellung der Krankenkassen, dass die Komplexität des DRG-Systems mit seinen 27.513 Operationen- und Prozedurenschlüsseln und 12.445 Diagnoseschlüsseln aus einem Katalog von 1194 Fallpauschalen oftmals zu fehlerhaften Rechnungen führe.

Darüber hinaus müssten die meisten Krankenhäuser auch noch einen Katalog von mehr als 1000 Zusatzentgelten anwenden.

Das System sei zwar komplex, die Krankenhäuser hätten aber gelernt damit umzugehen. Nach acht Jahren Erfahrung mit dem DRG-System seien die Unsicherheiten und die Fehlerhäufigkeit der Anfangsjahre überwunden.

Bei ihren Prüfaufträgen zielten die Krankenkassen daher auch nicht auf die Komplexität des Abrechnungssystems. Vielmehr würden in zwei Drittel der Fälle die vom Krankenhaus tatsächlich erbrachten Leistungen in Frage gestellt. Meist gehe es dabei um die Notwendigkeit oder die Dauer der Behandlung, erläuterte Hasenbein.

Weniger Geld bei kürzerem Klinikaufenthalt

Ein typisches Beispiel hierfür sei die sogenannte "untere Grenzverweildauer": Das pauschalierende DRG-System arbeite mit einer Normverweildauer, die beispielsweise im Fall einer Appendektomie bei Peritonitis zwischen zwei und elf Tagen liegt und mit 3186,11 Euro vergütet wird.

Wird die Normverweildauer unterschritten, wird von der Pauschalvergütung ein Abschlag vorgenommen, in diesem Fall auf 2305,85 Euro.

Nach Darstellung der BKG lassen die Krankenkassen in Bayern systematisch Behandlungsfälle prüfen, die knapp über der unteren Grenzverweildauer liegen und versuchen dann "mit zum Teil abwegigen Argumenten", so Hasenbein, die Verweildauer unter die Grenze zu drücken, die einen Abschlag auslöst.

Es sei offenkundig, dass die Prüfungen, die Monate nach einem stationären Aufenthalt erfolgen, vor allem auf eine Kürzung der Ausgaben zielen, erklärte Hasenbein. Um eine möglichst hohe Quote gekürzter Rechnungen zu erreichen, würden inzwischen sogar Rankinglisten sowohl zwischen Bundesländern als auch bei den Ärzten des MDK geführt.

Immer häufiger würden von den Kassen Argumente für die Beanstandungen ins Feld geführt, die medizinisch nicht vertretbar seien und sogar den Leitlinien widersprächen, erklärte Hasenbein.

Unterdessen teilte die AOK Bayern mit, dass die Krankenhäuser in Bayern für das Jahr 2010 allein an die AOK rund 110 Millionen Euro zurückzahlen mussten. Dies sei der bislang höchste Betrag seit Jahren.

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