Ärzte Zeitung online, 03.08.2011

Kasse lässt Schlaganfallpatientin im Stich

BREMEN (cben). Hausarzt Dr. Günther Egidi aus Bremen ist, gelinde gesagt, empört. Die Krankenkasse einer 75-jährigen Patientin mit Diabetes, Typ-II, hat sich geweigert, die Blutzuckermessung durch einen Pflegedienst zu bezahlen. Nachdem der Fall öffentlich wurde, habe sich die Kasse bei ihm gemeldet, berichtet Dr. Egidi.

Kasse will Blutzuckermessung bei Schlaganfallpatientin nicht bezahlen

Keine Hilfe bei der Blutzuckermessung erhält eine 75 Jahre alte Schlaganfallpatientin aus Bremen. Die BKK Firmus weigerte sich, dafür zu bezahlen.

© Gina Sanders / fotolia.com

Er habe der alten Dame "eine konventionelle Insulintherapie mit zwei Mal täglichem Mischinsulin nach Dosisanpassungsschema verordnet", schreibt Egidi der "Ärzte Zeitung".

Weil die Patientin nach einem Schlaganfall "effektiv mit dem Selbstmanagement überfordert" sei, habe er zur täglich zweimaligen Blutzuckermessung einen Pflegedienst eingeschaltet, um die vor dem Insult gewohnte und funktionierende Insulin-Versorgung der Patientin beizubehalten.

Mehrere Schreiben an BKK Firmus blieben zunächst ohne Resonanz

"Immerhin sank unter der professionellen Führung das HbA1c von mehr als neun Prozent auf einen Wert um 8,0 Prozent", so Egidi.

"Jetzt weigert sich die Kasse unter Verweis auf angebliche Bestimmungen des SGB V, die Blutzuckermessungen zu bezahlen."

Mehrere Schreiben Egidis an die BKK Firmus blieben zunächst ohne Resonanz. Schließlich lehnte die Kasse in einem Brief an die Patientin die Kostenübernahme ab, da es sich "bei Ihnen weder um eine Erst- oder Neueinstellung Ihres Diabetes mellitus noch um eine intensivierte Insulintherapie handelt", so die BKK Firmus.

Für Egidi "ein Hammer. Meine Patientin hat sich sehr bemüht, selber zu messen. Das hat aber nicht zuverlässig geklappt", berichtet er. "Gerade für ältere Patienten ist die Selbstmessung oft schwierig. Und fehlerhafte Messungen bedeuten nicht nur schlechtere Therapie, sondern für die Kassen auch rausgeschmissenes Geld!"

"So einen Fall noch nie gesehen"

Einen "derart krassen Fall wie in Bremen habe ich in dieser Form noch nie gesehen", sagt Professor Rüdiger Landgraf von der Deutschen Diabetes Stiftung zur "Ärzte Zeitung".

Der HbA1c-Wert sei ein "wichtiger klinischer Parameter für die Beurteilung der Diabeteseinstellung. Dazu benötige man eine "hohe Messgenauigkeit von Glukose- und HbA1c-Werten", schrieb Landgraf erst kürzlich in der Fachzeitschrift "Der Diabetologe".

"Es wird Schule machen, dass der Kostenträger entscheidet, was medizinisch notwendig ist", fürchtet der Diabetologe. Für ihn ist die Reaktion der BKK Firmus eine "politische Aktion im ständig laufenden Streit um die Kosten der Blutzucker-Teststreifen".

Nachdem der Fall öffentlich wurde, habe sich die Kasse bei ihm gemeldet, berichtet Egidi. "Die BKK Firmus teilte mir mit, dass die Dinge in Bewegung seien, und der MDK prüfe."

[04.08.2011, 18:12:40]
Dr. Günther Egidi 
Blutzucker-Messung nur selten erforderlich
In diesem konkreten Fall habe ich mich dafür eingesetzt, dass Blutzucker-Messungen von der Krankenkasse finanziert wurden.
Offensichtlich mit Erfolg - die BKK Firmus rief mich jetzt an und teilte mit, die Dinge seien in Bewegung, und der MDK prüfe.

Dabei stehe ich Blutzucker-(Selbst)Kontrollen normalerweise sehr kritisch gegenüber. Als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) bei der Nationalen Versorgungs-Leitlinie Diabetes setze ich mich dafür ein, dass nur dann der Blutzucker gemessen wird, wenn tatsächlich therapeutische Konsequenzen aus den Messergebnissen resultieren.
Das ist bei nicht mit Insulin behandelten Diabetikern so gut wie nie der Fall.
Der vorliegende Fall stellt in einem weiteren Sinn eine Besonderheit dar: normalerweise empfehle ich gemeinsam mit der DEGAM die Kombination von Metformin mit abendlichem Basalinsulin, wenn die HbA1c-Werte unter Metformin allein zu hoch sind.
Bei der geschilderten Patientin reichte auch dies nicht aus, so dass ich Metformin mit 2x täglichen Gaben von Mischinsulin nach Dosis-Anpassungs-Schema einsetze.
Was können wir lernen?
1. es kann sich lohnen, die Krankenkassen unter Einsatz der
Öffentlichkeit unter Druck zu setzen.
2. Blutzuckermessungen sind fast nur bei mit Insulin behandelten
Diabetikern sinnvoll.
3. Da die Kombination von Metformin mit Sulfonylharnstoffen
möglicherweise zu einer erhöhten kardialen Sterblichkeit führt, ist
die Kombinatino mit abendlichem Insulin die Zweit-Linien-Therapie der
Wahl. Liegen die HbA1c-Werte entsprechend hoch, sind auch hier meist
keine BZ-Kontrollen erforderlich. zum Beitrag »

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