Ärzte Zeitung online, 19.08.2011

AOK droht Apothekern mit dem Staatsanwalt

BERLIN (cw). Die AOK ist nicht bereit, die massenhafte Falschbedruckung von Rezepten mit dem im Handel noch nicht erhältlichen betapharm-Metoprolol als Lapsus abzutun.

AOK droht Apothekern mit dem Staatsanwalt

Apotheken im Visier: Die AOK hat sich der fehlenden PZN-Korrekturen in tausenden deutschen Apotheken angenommen.

© Patrick Pleul / dpa

"Die AOK prüft derzeit die Vorfälle und wird entsprechend die zuständigen Staatsanwaltschaften einschalten", teilte der AOK-Bundesverband am Freitag mit.

Allein im Juni waren mehr als 30.000 Rezepte bei der AOK aufgelaufen, die mit der Pharmazentralnummer des noch nicht ausgebotenen betapharm-Medikaments bedruckt waren.

Man könne die Sache nicht einfach als simple Schlamperei abtun, erklärte AOK-Sprecher Udo Barske gegenüber der "Ärzte Zeitung". "Wir sind eine Körperschaft öffentlichen Rechts und müssen nach Recht und Gesetz handeln".

Zu dem weiteren Vorgehen der AOK wollte sich Barske nicht äußern. Nur so viel: "Uns geht es vor allem um Fragen der Arzneimittelsicherheit, weniger um den Aspekt des Rezeptbetruges".

Kein Kleinkrieg mit den Apothekern

Barskes Hinweis lässt darauf schließen, dass die AOK trotz ihrer Verpflichtung, Verwerfungen im Versorgungsalltag nachzugehen, nicht an einem Kleinkrieg mit den Apotheken interessiert ist.

Einen finanziellen Nutzen hatten die Apotheker von der Falschbedruckung nicht. Die Konsequenzen für die Arzneimittelsicherheit sind gleichwohl erheblich.

Dazu die AOK: "Es kann jetzt in mindestens 30.000 Fällen nicht mehr über die Rezepte zurückverfolgt werden, welcher Patient welches konkrete Medikament erhalten hat."

Weiter: "Kommt es zum Beispiel zu einem Arzneimittelrückruf - etwa aufgrund einer gefährlichen Verunreinigung oder Falschdosierung - wäre eine direkte Information der betroffenen Patienten schlichtweg nicht möglich."

Lesen Sie dazu auch:
Schlamperei oder Betrug: 12.000 Apotheker vergessen Rezept-Korrektur

[21.08.2011, 19:47:58]
Dr. Turhan Bastug 
Fast ein Hilfeschrei
Es wird mit grosser Getöse landesweit veröffentlicht, was die Apotheker wieder schlimmes angestellt haben.
Der Hauptgrund liegt darin, dass AOK bei geringstem Formfehler die Rezepte retaxieren. Dies geschieht oft nach einem Jahr, wobei man die Lieferbarkeit bzw. die Duldungszeit weder nachweisen, noch sich daran erinnern kann. Bei der Arbeitsfülle mit diesen Verträgen kann man niemandem übelnehmen, wenn er Fehler macht. Da oft die Lagerbestände bei neuen Verträgen noch nicht angepasst sind, muss das neue Vertragsprodukt, wie es bei POS-Kassen üblich per Rezeptdruck automatisch bestellt werden.Wenn das AM von GH nicht geliefert wird, muss das Rezept nachbearbeitet werden. Hier konnen Fehler passieren. zum Beitrag »
[19.08.2011, 20:39:56]
Robert Dollinger 
was man mit Zahlen machen kann!
30tausend! Klingt erstmal riesig. Aber: wir haben 20tausend Apotheken. Also 1,5 Formfehler pro Apotheke in den drei Chaos-Monaten seit die AOKs Verträge machen mit Firmen, die nicht liefern.

Normalerweise bestellt man fehlende, aber von der Kasse geforderte Arzneien und bedruckt dabei das Rezept. Im Vorfeld müssen wir ahnen (und da passieren Fehler), ob die Arznei lieferbar ist. Ich habe heute abend in meiner wirklich nicht großen Landapotheke 65 Bestellzeilen über Arzneimittel, die nicht lieferbar sind! Normalerweise bestellen wir nur 30 verschiedene Artikel. Ich habe das also auch nicht alles "im Kopf", was da gerade nicht lieferbar ist.

Bei jedem Rezept, bei dem die geforderte Rabatt-Arznei nicht an Lager ist müssen wir - möglichst bei mehreren Lieferanten - anrufen (und das natürlich dokumentieren!): vielleicht ist ja doch die geforderte Arznei endlich eingetroffen. Das wird in jeder der 20000 Apotheken zur Zeit täglich mindestens 20 mal kostenlos + zusätzlich + nebenher gemacht! In einer durchschnittlichen Apotheke seit Juni etwa 5000 dokumentierte Lagerabfragen (bei 3 Großhandlungen). Wenn das Mittel nicht mitkommt, muss alles nachgearbeitet werden.

Bei der Abgabe können wir Stärke, Packungsgröße, Teilbarkeit und sehr viele weitere Punkte kontrollieren und mit dem Patienten besprechen - und müssen um Akzeptanz für die unbekannten Arzneien kämpfen.

Und da hat jetzt jede Apotheken in drei Monaten 1,5x einen Formfehler begangen.
Es ist kein Vorwand zu billig, um auf die Apotheken einzuprügeln.

Es wäre längst Aufgabe der Kassen gewesen, sich von Vertragsfirmen zu trennen,die nicht liefern.
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