Ärzte Zeitung, 15.09.2011

Hintergrund

Psychisch Kranke - viele Kassen, viele Modelle

Menschen mit psychischen Erkrankungen sind besonders auf vernetzte Versorgungsangebote angewiesen. Von denen gibt es mittlerweile viele, die aber nicht aufeinander abgestimmt sind. Das Beispiel Berlin zeigt, dass viele Krankenkassen ihre eigenen Modelle entwickeln, um Klinikaufenthalte zu vermeiden.

Von Angela Misslbeck

Bei psychiatrischer Versorgung ist Vielfalt Trumpf

Zu lange Wartezeit auf eine Psychotherapie ist einer der Gründe für die steigende Zahl der Klinikaufenthalte in Berlin.

© Ivan Chuyev / fotolia.com

"Berlin verfügt über ein vorbildliches und differenziertes psychiatrisches Hilfesystem", diagnostizierte die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) in einer Umfrage der Techniker Krankenkasse Berlin vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus.

Sie verwies zudem auf die Erweiterung der stationären Psychiatrie im Krankenhausplan.

Oft noch zu lange Wartezeiten

Dennoch: Die Wartezeiten auf eine Psychotherapie sind auch in Berlin noch oft zu lang. Im Durchschnitt zwei Monate warten Betroffene auf ein Erstgespräch, so das Ergebnis einer Studie des IGESInstituts im Auftrag der Barmer GEK.

Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen stationär im Krankenhaus behandelt werden.

Versorgung im heimischen Umfeld ist am besten

Doch das ist nicht nur medizinisch meist die schlechtere Alternative. Denn Experten sind überzeugt, dass gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen am besten und nachhaltigsten in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld behandelt werden können.

Die steigende Zahl der Klinikaufenthalte treibt auch die Kosten der Krankenkassen. Die Zunahme der Langzeit-Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen schlägt den Krankenkassen zusätzlich aufs Budget. Deshalb legen immer mehr Kassen spezielle Versorgungsangebote für psychisch Kranke auf.

Spezialnetz der DAK

So arbeitet die DAK in Berlin und Brandenburg zum Beispiel mit einem großen interprofessionellen Netzwerk zusammen. 60 Nervenärzte und Psychiater, rund 40 Pflegedienste für psychiatrische Hauskrankenpflege und psychosoziale Träger wirken an dem Spezialistennetz mit.

Sie betreuen im DAK-Integrationsprojekt rund 250 Patienten mit Krankheitsbildern wie Schizophrenie oder schweren Depressionen. Kurze Wartezeiten bei der Terminvergabe und eine 24-Stunden-Bereitschaft sind zwei wesentliche Elemente, die helfen sollen, Klinikaufenthalte zu vermeiden und Krankschreibungsdauern zu verkürzen.

TK investiert viel in ergänzende Angebote

Die Techniker Krankenkasse legt mit ihrem Netzwerk für psychische Gesundheit den Schwerpunkt zusätzlich zur ambulanten Betreuung eher auf die nichtmedizinische ambulante Versorgung. Ihr Hauptpartner Pinel bildet selbst ein Netz vielfältiger psychiatrischer Strukturen. Die gemeinnützige GmbH betreibt zwei Medizinische Versorgungszentren mit Hausärzten, Nervenärzten und Psychotherapeuten.

Vor allem ist sie aber Träger ergänzender psychiatrischer Angebote im Bereich Wohnen, Tagesstrukturierung, Arbeiten und Soziotherapie und psychiatrischer Pflege. Zudem hält sie eine Krisenpension vor.

Das Netz der Techniker Krankenkasse wird seit Kurzem von der Charité Universitätsklinik ergänzt, die mit ambulanten Angeboten den Bezirk Mitte abdecken soll. Dem Integrationsvertrag sind jetzt die KKH Allianz und eine große Zahl von Betriebskrankenkassen beigetreten. Weitere Krankenkassen prüfen eine Beteiligung.

Exklusives Angebot für Versicherte der AOK Nordost

Ganz andere Wege geht die AOK Nordost. Sie hält mit dem Institut für psychogene Erkrankungen (IpE) in ihrem hauseigenen Centrum für Gesundheit (CfG) ein exklusives Angebot für AOK-Versicherte vor. Insgesamt 14 angestellte ärztliche Psychotherapeuten stehen dort unter anderem für Kriseninterventionen und Kurzzeittherapien ohne lange Wartezeiten zur Verfügung.

So wird zum Beispiel eine schnelle psychoonkologische Betreuung ermöglicht, wenn der Urologe im Zentrum bei einem Patienten mit Prostatakarzinom depressive Verstimmungen bemerkt.

Im sozial schwachen Bezirk Berlin-Wedding versorgt das Institut zudem vor allem weniger gebildete Patienten, die oft als unterversorgt gelten. So arbeitet zum Beispiel seit Kurzem eine türkischsprachige Ärztin in dem traditionsreichen Institut, das auch Ärzte zum Facharzt für Psychosomatik ausbildet.

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