Ärzte Zeitung, 04.11.2011

Der Standpunkt

Die Folgen der Risikoselektion

Von Helmut Laschet

Die Folgen der Risikoselektion

Der Autor ist stellv. Chefredakteur und Ressortleiter Gesundheitspolitik bei der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@springer.com

Mit der BKK für Heilberufe wird in diesem Jahr die zweite Krankenkasse mangels Leistungsfähigkeit geschlossen. Als Ursache wird dafür häufig das gegenwärtig geltende Finanzierungssystem - der einheitlich festgesetzte Beitragssatz in Kombination mit dem Zusatzbeitrag - genannt.

Richtig ist: Die Erhebung eines Zusatzbeitrags beschleunigt den Sterbeprozess einer Kasse. Aber weder bei der City BKK noch bei der BKK für Heilberufe ist das die Ursache.

Tatsächlich geht sie zurück auf das Gesundheitsstrukturgesetz von 1992, mit dem ab 1995 das Kassenwahlrecht für die Versicherten in Kombination mit dem Risikostrukturausgleich eingeführt wurde. Die Betriebskrankenkassen erhielten damals die Möglichkeit, sich für alle GKV-Mitglieder zu öffnen.

Für viele BKKen war dies der Startschuss zu einem ungleichen Wettlauf um neue Mitglieder. Im Vergleich zu anderen Kassenarten hatten die BKKen Kostenvorteile - die Arbeitgeber übernahmen einen großen Teil der Verwaltungskosten, und auch die Ausgaben für Leistungen waren häufig niedriger als bei anderen Kassen.

Mit günstigen Beitragssätzen verdoppelten die BKKen ihren Marktanteil binnen weniger Jahre auf rund 20 Prozent. Und gewannen dabei oft auch die günstigeren Versichertenrisiken.

Auf dieses Karussell ist die 1996 gegründete BKK für Heilberufe aufgesprungen: Von anfangs 10 000 Mitgliedern expandierte sie auf über 400 000 Versicherte zu besten Zeiten. Und geriet deswegen in eine Schieflage.

Denn gerade bei einer starken Expansion wurde es im damals geltenden Finanzierungssystem fast unmöglich, die erst im Nachhinein fälligen Ausgleichszahlungen in den Risikostrukturausgleich im Voraus zu kalkulieren. Dies und eine falsche Beitragssatzpolitik machte aus der BKK für Heilberufe eine sieche Kasse.

Fest steht: so hart der Zusatzbeitrag nach den jüngsten Finanzreformen wirkt - der Aufstieg und Fall einer Kasse wie der BKK für Heilberufe ist Historie. Expansive Geschäfte mit der Risikoselektion zu machen, lohnt kaum noch. Das ist ein Stück Stabilität.

Topics
Schlagworte
Krankenkassen (16600)
Organisationen
BKK (2118)
Personen
Helmut Laschet (1317)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Epidemiologische Kaffeesatzleserei?

Verursacht oder verhindert der Konsum von Kaffee Krankheiten? Die Klärung solcher Fragen zur Ernährung ist methodisch ein richtiges Problem. mehr »

Trotz Budgetierung gute Chancen auf Mehrumsatz

Seit vier Jahren steht das hausärztliche Gespräch als eigene Leistung im EBM (03230) . Immer wieder ist daran herumgeschraubt worden. mehr »

Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Ein achtjähriger Junge mit einer tragischen Krankheitsgeschichte bekommt zwei neue Hände. Die Op ist ein voller Erfolg: Anderthalb Jahre später kann er schreiben, essen und sich selbstständig anziehen. mehr »